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Im Gespräch | Beitrag vom 28.04.2020

Musiker Dirk von Lowtzow "Tocotronisch ist vielleicht ein Gefühl"

Moderation: Britta Bürger

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Dirk von Lowtzow bei einem Auftritt mit seiner Gitarre 2020. (imago/ Votos-Roland Owsnitzki)
Lesung von Dirk von Lowtzow an der Volksbühne Berlin Anfang des Jahres. (imago/ Votos-Roland Owsnitzki)

Es begann als Studentenprojekt - inzwischen zählt Tocotronic mit Sänger Dirk von Lowtzow zu den einflussreichsten deutschen Bands. Jetzt haben die Musiker einen neuen Song aufgenommen, passend zur Coronakrise. Das Lied habe es schon gegeben, sagt von Lowtzow.

"Ein Lied gegen die Vereinzelung" ist der neue Song "Hoffnung" von Tocotronic, so heißt es darin. Geschrieben und gesungen ist der Song von Dirk von Lowtzow. "Ich habe den Text am 23. September 2018 geschrieben", erinnert sich von Lowtzow. "Dieser Song war der Versuch, einen Folk-Blues-Song zu schreiben, der ein Gefühl von Einsamkeit und Unbehaustheit vermittelt, wie man es oft im Blues findet. Gleichzeitig sollte es auch eine Reflexion über Musik und über den fugenhaften Charakter von Lyrics und Musik sein. Wie ein Lied, das sich von selber singt."

Tocotronic arbeiten zurzeit an einem neuen Album. Als dann wegen des Coronavirus der Lockdown begonnen habe, hätten sie das Lied "in dem fast fertigen Zustand noch einmal mit anderen Ohren gehört", erzählt Dirk von Lowtzow. "Wir haben dann festgestellt, das passt jetzt geradezu wie die Faust aufs Auge und haben uns spontan entschlossen, es jetzt schon fertig zu machen und zu veröffentlichen."

Das Lyric-Video zu "Hoffnung" des Hamburger Künstlers Timo Schierhorn sei ein Zusammenschnitt von Webcam-Aufnahmen aus Italien, China und den USA im Zustand des Lockdowns. Für April geplante Studio-Aufnahmen zum neuen Album haben "Tocotronic" aus Sicherheitsgründen auf Juni verschoben. Da die Band jetzt die Veröffentlichung von "Hoffnung" vorziehen konnte, habe sich für "Tocotronic" aus der Coronakrise "eher etwas daraus ergeben als dass etwas abgeschottet worden wäre".

Die Bedeutung des Bandnamens "Tocotronic" sei nicht einwandfrei geklärt, sagt Dirk von Lowtzow. "Wir glauben, dass es ein altes japanisches Taschen-Computerspiel ist. Und als wir uns gründeten 1993, war das sozusagen schon eine Art nostalgischer Futurismus. Es war schon nicht mehr up to date, sondern es gehörte eher ins Reich der Kindheit."

"Rumgeschrammelt wie vom wilden Affen gebissen"

Die Musik seiner Band gehöre streng genommen zur Gattung des Folk-Blues, meint Dirk von Lowtzow. Manche Songs seien aber auch im Punk oder Garagen-Rock verwurzelt, andere wiederum seien dem "Sophisticated Pop" verwandt. "Ganz am Anfang hatten wir durch dieses Wort Tocotronic auch ein Adjektiv gefunden, nämlich 'tocotronisch'. Ich könnte heute immer noch ungefähr sagen, was das ist, aber was das genau ausmacht, weiß ich selbst nicht genau. Es ist vielleicht eher ein Gefühl."

Seine erste E-Gitarre bekam Dirk von Lowtzow mit 13 Jahren von seinen Eltern geschenkt. Von Lowtzow wuchs in einem Reihenhaus-Bungalow im baden-württembergischen Offenburg auf. Im Untergeschoss des Elternhauses gab es eine Einliegerwohnung, die von Lowtzow als Jugendlicher bezog und wo er ungestört E-Gitarre spielen konnte. "Das war räumlich ein bisschen ab von den Eltern. Da hatte ich meine E-Gitarre und einen gebrauchten Verstärker. Dort habe ich dann rumgeschrammelt wie vom wilden Affen gebissen."

In die Trauer eintauchen 

Sein 2019 erschienenes Buch "Aus dem Dachsbau" sei aus dem Bedürfnis entstanden, sich noch einmal mit dem Verlust seines vor mehr als 20 Jahren verstorbenen Freundes Alexander auseinander zu setzen, erzählt Dirk von Lowtzow. Alexander und er seien sich schon als Kinder vorgestellt worden und hätten sich sofort in einander verliebt. Anders als die meisten Jungen in ihrem Alter interessierten sie sich nicht für Fußball, sondern für Star Wars und Comics. Unter anderem hätten sie gemeinsam Comics gezeichnet und Comic-Hefte herausgebracht.

"Rückblickend würde ich sagen, das ganze Buch ist hauptsächlich deswegen entstanden, weil ich über diese Beziehung und den frühen Tod von Alexander und das, was das mit mir gemacht hat, schreiben wollte. Ich glaube, es ist gerade die zeitliche Distanz, die es mir überhaupt ermöglicht, das zu reflektieren und noch einmal in diese Trauer einzutauchen."
 
(ruk)

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