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Tonart | Beitrag vom 08.09.2014

MusikarchäologieWie Forscher die Klänge der Urahnen rekonstruieren

Instrumente aus Steinzeit und Antike

Von Thomas Gith

Pferdegruppe, die in einen Felsen im Hunsrück eingraviert ist (GDKE Rheinland-Pfalz)
Die Fantasie der Wissenschaftler ist gefragt, weil Belege über den Einsatz von Musikinstrumenten in der Steinzeit fehlen. (GDKE Rheinland-Pfalz)

Zimbel, Aulos, Tympanon. Wie die alten Griechen ihre Instrumente einsetzten, können Musikarchäologen gut an Malereien ablesen. Die Forschung über steinzeitliche Schwirrplättchen gestaltet sich da schon schwieriger.

Adje Both schwingt ein Schwirrholz. An einer Kordel wirbelt er das handtellerlange und nach vorne spitz zulaufende Holzplättchen wie ein Flugzeugpropeller durch die Luft.

Sein natürlicher, windähnlicher Klang wirkt auf Dauer fast beruhigend. Auch Musikarchäologie Adje Both hat das so erlebt:

"Also wenn ich im Park stehe und das nicht seitlich schwirre, sondern über meinen Kopf. Ich quasi im Zentrum stehe, und dieses Plättchen um mich herum schwirrt: Nach einer kurzen Zeit kommt man in eine Art meditativen Zustand rein, das ist ganz interessant."

Rätselhafte Schwirrplättchen

Das Faszinierende dabei: Solche Schwirrplättchen wurde noch vor wenigen Generationen in Skandinavien benutzt. Ihre ersten Funde datieren allerdings auf eine weitaus frühere Zeit – damals wurden sie noch aus Knochen gefertigt. Adje Both hält zwei Schwirrplättchen in den Händen:

"Dieses kleinere Objekt hier, was ich habe, das ist ein paläolithischer Höhlenfund solch eines Schwirrplättchens aus Frankreich, datiert etwa auf 12.000 vor Christus. Und das andere, was ich hier in der Hand habe, das ist etwas größer und stammt aus Skandinavien, aus Schweden. Und ist im Grunde genommen ein ethnografisches Instrument. Also ein Objekt, was im 19. und im frühen 20. Jahrhundert auch in Schweden noch gespielt wurde - und zwar von Kindern."

Schwirrplättchen wurden also vermutlich über einen Zeitraum von mindestens 14.000 Jahren gespielt. Allerdings in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. Wofür man sie in der Steinzeit nutzte, wissen die Forscher nicht – denn Belege fehlen. Doch es gibt Hinweise aus anderen Kulturen:

"Also wir haben viele ethnografische Belege, zum Beispiel von Kulturen Papua-Neuguineas oder Australien, wo das sehr sakrale Objekte sind, mit denen die Stimmen der Ahnen produziert werden in verschiedenen Zeremonien. Also es gibt Kulturen, wo diese Instrumente im rituellen Kontext stehen."

Durch Rückschlüsse von solchen neueren Belegen versuchen Musikarchäologen, Wissen über den vergangenen Instrumentengebrauch zu gewinnen. Die Forscher wollen verstehen, wie die Instrumente gespielt wurden, zu welchen Anlässen man sie nutze, wer sie gefertigt hat und vor allem: Wie sie klangen.

Für Musikarchäologin Jana Kubatzki ist es Forschung aus Leidenschaft.

"Wenn man sehr tief daran interessiert ist, wie Kultur gebaut ist, muss man auch nach der Musik fragen, weil Musik direkt in die Seele wirkt. Und da kann man so viel mehr über eine Kultur erfahren, als wenn man nur ihre Bauwerke befragt, oder die Art und Weise wie gehandelt wurde oder wie Schrift funktioniert hat. Für mich ist das eines der effektivsten Mittel, um wirklich zum Kern vorzudringen."

Die Abbildung der beiden antiken Dichter Alkaios und Sappho von Lesbos auf einer Vase.  ((c) dpa / Agrigento Province)Griechische Vasenmalereien geben den Musikarchäologen Hinweise. ((c) dpa / Agrigento Province)

Pfeifen als Forschungsobjekte

"Das war jetzt eine Spielpfeife (lacht). Jetzt kommt gleich die zweite."

Auch Musikwissenschaftlerin Olga Sutkowska geht weit zurück in die Vergangenheit. Sie hält zwei lange und flötenähnliche Rohre in den Händen, die zusammen ein Aulos bilden. Zwei Mundstücke, so genannte Rohrblätter, werden auf die beiden Spielrohre gesetzt:

"Ein Instrument, eine Spielpfeife ist ein bisschen höher als die andere. Aber die beiden spielt man gleichzeitig."

Der Aulos, auf dem Olga Sutkowska spielt, stammt aus der hellenistischen Zeit Ägyptens, also aus einer vorchristlichen Epoche. Die ältesten Funde des Instruments datieren sogar aus dem 3. Jahrtausend vor Christus. Gefertigt wurden ihre Spielrohre zunächst aus Knochen, Schilfrohr, Holz. Gespielt wurde der Aulos etwa bei ekstatischen Kulten.

Doch es gab weitere Einsatzmöglichkeiten, sagt Jana Kubatzki:

"Ja, also der Aulos ist eines der berühmtesten und wichtigsten Instrumente aus der griechischen Antike. Er wurde nicht nur im Kult verwendet, sondern in sämtlichen Bereichen der Musikausübung. Er wurde verwendet im Militär, um Signale zu geben. Denn ein Aulos kann so laut erschallen, dass er bis zu 50 Mann, auch einem Chor, standhalten konnte. Deswegen kann man schon sagen, dass der Aulos das lauteste Instrument der griechischen Antike war und er war auch so etwas wie der Liebling unter allen."

Vom Gesang ist wenig bekannt

Wandbilder und Vasenmalereien etwa zeugen davon, wo der Aulos gespielt wurde, welchen Zwecken er diente: Er erklang bei Symposien genauso wie bei rituellen Opferkulten. Sein Klang lässt sich heute noch erzeugen. Doch eine der wichtigsten Musikquellen bleibt still – ihre Bedeutung lässt sich vor allem aus Texten herauslesen:

"Also gerade zum Gesang weiß man aus antiken Texten, dass das das wesentliche musikalische Element war. Noch vor Instrumentalmusik war Gesang das allerwichtigste Mittel. Und deswegen würde ich nie sagen, dass Musikarchäologie darauf beruht, nur die Instrumente zu rekonstruieren und den Klangraum zu erfassen. Es geht sehr viel auch um Gesang, um Tanz und die gesamte musikalische Performance."

Musikarchäologie arbeitet daher interdisziplinär: Archäologen und Musikwissenschaftler sind beteiligt, aber auch Philologen und Ethnologen. Zusammen versuchen sie, ein möglichst vollständiges Bild der musikalischen Kultur zu zeichnen – und ihren Klang neu zu erzeugen.

Adje Both, Olga Sutkowska und Jana Kubatzki improvisieren auf kleinen Becken, den sogenannten Zimbeln, Aulos und dem Tympanon, einer altertümlichen Handtrommel. In der griechischen Antike wurden die Instrumente tatsächlich zusammen gespielt. Doch ob sie auch so erklangen? Den Forscher bleibt nur die Fantasie – denn es gibt kaum Notationen und selbst die sind fragmentarisch:

"Tatsächliche Kenntnis über die Musik, so wie sie früher war und gespielt wurde, haben wir leider nicht. Das heißt, das sind immer Näherungswerte."

Näherungswerte, die uns immerhin eine Idee der vergangenen Musik vermitteln – von Steinzeit bis Antike.

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