Musikalischer Dialog

The Sounds of Global Prayers mit dem Rapper Adé Bantu © Haus der Kulturen der Welt - Markus Lanz
Adé Bantu im Gespräch mit Anne Françoise Weber · 03.03.2012
Immer wieder kommt es in Nigeria zu blutigen Konflikten zwischen Christen und Moslems. Viele Menschen engagieren sich für den inneren Frieden, doch oft scheinen die Gegensätze zwischen den Kulturen schier unüberwindlich. Ein neues Musikprojekt könnte Hoffnung machen.
Anne Françoise Weber: In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas haben sich die Konflikte zwischen Christen und Muslimen in den vergangenen Monaten stark verschärft. Erst am vergangenen Sonntag wurde wieder ein Anschlag auf eine Kirche im Norden des Landes verübt. Die islamistische Sekte Boko Haram bekannte sich dazu. Daraufhin randalierten christliche Jugendliche. Bilanz des Anschlags und der Ausschreitungen: Mehrere Tote, Muslime wie Christen.

Diesem Wahnsinn wollen viele nicht tatenlos zusehen. Es gibt Verständigungsprojekte, die gegen den Hass ankämpfen. Eines davon hat der afro-europäische Musiker Adé Bantu in Zusammenarbeit mit dem Wissenschafts- und Kunstprojekt "Global Prayers" organisiert. Der Gründer der Band Brothers Keepers hat in Nigeria einen Workshop für muslimische und christliche Rapper durchgeführt. Drei von ihnen traten am vergangenen Wochenende bei den Thementagen von Global Prayers im Berliner Haus der Kulturen der Welt auf. Ich habe vor der Sendung mit Adé Bantu gesprochen und ihn zunächst gefragt, wie denn die erste Begegnung der Rapper verlief, ob es am Anfang Berührungsängste zwischen Christen und Muslimen gab, oder ob gleich die Musik als verbindendes Element wirkte.

Adé Bantu: Das Projekt lief in zwei Phasen ab. Zum einen haben wir einen Workshop in Lagos mit Christen und Muslimen gemacht mit der Hilfe auch vom Goethe-Institut Nigeria. Das war nicht so problematisch. Was schwierig war, war die Rapper überhaupt davon zu überzeugen, dass man so was machen muss. Also als Rapper will man nicht noch hinzulernen, wieso auch. Dementsprechend gab es große Zurückhaltung, und bei dem Thema Muslime und Christen und Konflikt – im Süden Nigerias ist es nicht unbedingt ein Konfliktherd, weil viele Familien sowohl Christen als auch Muslime haben, und man hat gelernt über die Jahre, miteinander klarzukommen. Im Gegensatz dazu, im Norden des Landes, wo wir den zweiten Teil des Projektes gemacht haben, war es etwas schwieriger.

Es war schwierig, Rapper aus dem Süden, aus Lagos, zu überzeugen oder zu begeistern und deren Ängste wegzunehmen, wirklich in dieser Weise anzutreten: Wir sind mit dem Auto über 700 Kilometer nördlich gefahren, um dieses Projekt zu machen. Und dann auch natürlich die Örtlichen, die sagten, nein, da werden bestimmt die anderen Rapper keine Lust drauf haben, aus Kano im Norden Nigerias. Die werden bestimmt nicht über ihre Religion sprechen oder rappen wollen, besonders ihr Verhältnis zum Koran, das wollen sie ja doch nicht kritisch in einem Song äußern und so weiter. Aber mit der Zeit sind die Ängste abgebaut worden. Es ging nicht primär darum, die Bibel und den Koran irgendwie gegeneinander auszuspielen, sondern es ging einfach darum, dass diese jungen Leute ihre Geschichten erzählen. Dass die das wiedergeben, was sie fühlen in einem Land, in dem es 250 verschiedene Sprachen gibt, über 400 Dialekte, wo Toleranz früher groß geschrieben wurde, wo es kaum große Konfliktherde gab. Und dann auf einmal ist das jetzt nur noch Alltag, also, es vergeht kein einziger Tag, wo es nicht irgendwo einen Anschlag wieder gibt von Boko Haram oder von den Militanten aus dem Niger-Delta.

Weber: Es ging nicht um Bibel gegen Koran, haben Sie gesagt, aber war mal Thema, ob es der gleiche Gott ist, um den sich da Christen und Muslime bemühen?

Bantu: Das muss man sich immer wieder fragen. Das ist nicht etwas, was sich nur die Rapper fragen, sondern das ganze Land stellt sich diese Frage: Was ist das für ein Gott, der immer wieder von den Menschen verlangt, dass sie Rache ausüben, dass sie die Toleranz abwerfen und einfach Massaker anrichten. Es sind ja nicht nur die Muslime, die fundamentalistisch sind, sondern auch die Christen. Überhaupt Fundamentalismus mit Religion, das muss man schon fast gleichsetzen inzwischen, also, in Nigeria sind die Freikirchen auch nicht unbedingt tolerant. Es geht denen immer wieder darum, dass man Menschen zu Jesus herbeiruft, dass sie ihr Leben Jesus schenken. Die Bilder, die Sprache, die man benutzt, hat viel mit Blut zu tun. Und dass es Fundamentalismus auf beiden Seiten gibt, macht die Sache nicht einfacher. Und da muss man sich wirklich immer wieder fragen: Wen beten wir überhaupt eigentlich an, was ist das eigentlich für ein Gott?

Weber: Und war das auch Thema für die …

Bantu: Das war Thema. Wir haben einen Song, der heißt "Who’s God to you", wie siehst du Gott, wie stehst du zu Gott, und dann haben verschiedene Rapper ihre Vorstellung von Gott, das Miteinanderleben, ihre Vision für Nigeria halt kundgetan. Und interessanterweise ist einer der Rapper auch Pastor. Es ist auch schön, solche Menschen zu haben, die aktiv am Kirchenleben teilhaben und das auch wirklich mit gestalten. Die bringen halt was mit, wo man normalerweise keinen Zugang zu hätte.

Weber: Wie kommt es, dass manche junge Menschen sich für Rap entscheiden und Musik machen und da ihre Frustration wahrscheinlich auch ausdrücken, und andere zu einer islamistischen Sekte wie Boko Haram gehen oder zu einer christlichen fundamentalistischen Gruppierung und Anschläge verüben oder Randale machen?

Bantu: Die Boko-Haram-Geschichte ist etwas kompliziert. Das Land ist seit über 40 Jahren gespalten. Zur Zeit der Unabhängigkeit 1960 gab es Wahlen, gab es ein Referendum, und es gibt Beweise dafür, dass die englischen Kolonialherren wirklich daran interessiert waren, dass die Machtverhältnisse Richtung Norden gehen. Das heißt, der erste große Wahlbetrug des Landes, quasi, wurde von den Engländern begangen. Und das ist nicht Spekulation, sondern es gibt Beweise dafür mittlerweile, 40 Jahre später. Dementsprechend wurde dieser Same gepflanzt oder gesät, was halt letztendlich zu diesen Konflikten führt. Boko Haram ist ein Phantom. Warum Phantom? Weil wir nicht wirklich wissen, was sie wirklich wollen. Die sind gegen westliche Werte, sind gegen alles, was den Westen glorifiziert oder darstellt.

Gleichzeitig ist es aber so, dass Politiker sie unterstützen. Es wurde auch mittlerweile ein Parlamentarier verhaftet, der als Sponsor der Gruppe gilt oder galt, aber er ist wieder aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Boko Haram arbeitet auch mit der Frustration der jungen Leute im Norden des Landes. Es gibt eine Arbeitslosigkeit von zirka 70 bis 80 Prozent unter den jungen Leuten. Die Ausbildungsmöglichkeiten sind sehr gering. Und hinzu kommt, dass die Dialogebene mit der Regierung, sowohl die provinzielle als auch die Zentralregierung nie wirklich stattfindet, weil die Machthaber kein Interesse haben, wirklich den Status quo zu ändern. Und die Boko Haram knüpfen an eine Tradition des Aufstands an, die besagt, dass nur, wenn man wirklich Terror verübt, dann erst kommt die zentrale Regierung und sagt, ah, wir möchten mit euch reden. Also es arbeitet auf verschiedenen Ebenen. Boko Haram muss man nicht nur als einen El-Kaida-Auswuchs sehen und das war’s, sondern das Land ist viel komplizierter als das. Das muss ich immer wieder sagen.

Weber: Angesichts dieser Komplexität: Was können Rap-Songs bewirken?

Bantu: Rap ist ein Teil der Jugendkultur, ist ein Teil der Popkultur. Die meisten DJs, die meisten Klubs spielen zu 90 Prozent nigerianische Künstler in den Klubs. Es ist nicht so, dass man Amerika nachäfft, sondern man jetzt seine lokalen Stars, die auch wirklich weltweit bekannt sind in den jeweiligen Szenen. Das heißt, Hip-Hop kann bei diesem Diskurs neue Ansätze in das ganze Gespräch bringen. Junge Leute, Muslime und Christen, kommen zusammen, da fragen sich schon alle: Wie kann das sein, das klappt doch gar nicht. Wir haben unsere Vorbehalte im Süden des Landes, in Lagos, und meinen, alle im Norden sind fundamentalistisch und sonst was, und dann sehen sie: Aha, die sind doch genauso wie wir, die haben dieselben Ängste, dieselben Träume. Und ich glaube, Musiker müssen in Krisenzeiten Position beziehen.

Musik ist wirklich eine Waffe der Zukunft, wie Fela Kuti das gesagt hat, und man knüpft an diese Tradition. Und letztendlich geht es darum, dass diese jungen Leute, die nie Gehör oder ein Podium bekommen, ihre Träume und ihre Visionen mitzuteilen, dass sie über die Musik nicht nur Gleichaltrige ansprechen, sondern auch ihre Communities. Wir haben ein Konzert gehabt in Kano. Da waren vielleicht zwei- bis dreihundert Leute und die haben gesagt, seit acht, neun Jahren gab es keine Konzerte dort, geschweige denn Christen und Muslime zusammen. Und seitdem wir dieses Konzert gemacht haben, ist es jetzt mittlerweile üblich in Kano, dass muslimische Künstler, wenn sie Konzerte haben, laden sie ihre christlichen Freunde ein, und umgekehrt genauso. Das klingt alles schön und "We are the world"-mäßig, aber das sind die Ansätze, die in die richtige Richtung gehen.

Weber: Und es sind ja ganz praktische Ansätze. Wenn Sie jetzt in Berlin bei den Thementagen von Global Prayers waren, da gab es viel Theoretisches, über Religion, über Glaube, über Stadtentwicklung – ist das für Sie, wenn Sie das mit Ihrem Leben in Lagos und Ihrer Arbeit als Musiker in Verbindung setzen, ist das interessant oder ist das letztendlich abstraktes Gerede, was mit der Realität vor Ort nichts zu tun hat?

Bantu: Also dieses Global-Prayers-Projekt fand ich spannend, ich war bei dem ersten gemeinsamen Treffen vor zwei Jahren dabei. Ich war ein bisschen "lost", weil da waren alles nur so Fachbegriffe und irgendwelche Jargons sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch, die ich nicht verstand, und irgendwie "redefining" und "reoccupying spaces" und was weiß ich – und ich habe gedacht, was will ich überhaupt da. Aber nichtsdestotrotz habe ich meinen Ansatz gefunden über dieses Hip-Hop-Projekt, und in Lagos ist das meine Realität.

Ich wohne zum größten Teil in Lagos, das ist meine Basis seit drei Jahren wieder, und es so, dass ich morgens früh vom Muezzin geweckt werde, danach geht die Kirche los, die machen es noch lauter, ihre Gebete, das ist so eine "Competition". Und ich erlebe auch die Konflikte. Ich war jetzt in Kano. Kano ist nicht mehr weit weg, wie es früher einmal war für mich, sondern, da wo ich war – dann gucke ich Nachrichten und zwei Straßen weiter ist gebombt worden. Das ist die reale Existenz dieser Konflikte und für mich auch noch trauriger, weil ich Muslime und Christen in meiner Familie habe. Für mich ist es unbegreiflich, wie Menschen sich wirklich mit Bomben in die Luft jagen im Namen von Allah oder im Namen von Jesus – also das macht für mich keinen Sinn. Und deshalb ist so etwas halt wichtig, damit ich versuche, auf dem Wege auch zu verstehen, was da wirklich in dem Land los ist.

Weber: Vielen Dank, Adé Bantu, Musiker und Initiatior der Lagos-Kano-HipHop-Connection im Rahmen des Projekts Global Prayers.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Link zum Thema:
Lagos-Kano-Hiphop-Connection
Mehr zum Thema