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Tonart | Beitrag vom 17.07.2019

Musik und Moral: "Stanning"Wenn Fans ihre Stars obsessiv verteidigen

Fabian Wolff im Gespräch mit Martin Böttcher

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Nicki Minaj bei den MTV Music Awards 2018: Sehr erfolgreich und von ihren Fans, den sogenannten Barbz, unterstützt. (Ian West / picture alliance)
Wie eine Löwin und ihre Jungen: Rapperin Nicki Minaj pflegt eine sehr innige Bindung zu ihren Fans (Ian West / picture alliance)

Sie nennen sich Swifties oder Monster und man hat sie besser nicht zum Feind: die Fans von Künstlerinnen wie Taylor Swift oder Lady Gaga. Ihre obsessive Verteidigung des Idols nennt sich "Stanning". Was es damit auf sich hat, erklärt Fabian Wolff in Teil drei unserer Serie.

Im Hip-Hop gibt es die Tradition des Storytelling, also Songs, die wirklich eine Geschichte erzählen. Und einer der Höhepunkte des Storytellings – darin sind sich Fans wie Nicht-Fans einig – ist der Song "Stan" von Eminem. Darin schreibt ein obsessiver Fan seinem Idol Eminem lange Briefe, die aber unbeantwortet bleiben. Der Fan wird immer frustrierter. Am Ende bringt Stan sich und seine schwangere Freundin um – und alles nur, weil er Fan war. Ein mehr als warnendes Beispiel.

Trotzdem gibt es eine ganze Generation, die sich stolz "Stans" nennt, weil sie ihren Idolen genauso ergeben ist. Von den Abgründen dieses "Stan-tums" berichtet Fabian Wolff, der sich in einer Wochenreihe mit dem Thema Musik und Moral beschäftigt.

Martin Böttcher: Eminem hatte 2000, als "Stan" erschien, ja wirklich enorm leidenschaftliche Fans. Welche Künstler inspirieren denn heute so eine Hingabe?

Fabian Wolff: Heute sind es vor allem weibliche Künstler, die solch engagierte Fans um sich scharen: Taylor Swift hat die Swifties, Lady Gaga hat ihre Monster, Beyoncé hat den Beyhive und Nicki Minaj die Barbz. Das sind, ganz klassisch, Ein-Themen-Fans, die ihre ganze Energie nur einer Künstlerin widmen, für die sie "stannen".

Ob Diskussionen über #MeToo und #BlackLivesMatter, Reaktionen auf den politischen Rechtsruck oder das simple Problem, wie mit Kunst von schlechten Menschen umgegangen werden soll: Immer öfter scheint das Hören von Popmusik mit moralischen Fragen verknüpft zu sein. In einer Wochenreihe beschäftigt sich Fabian Wolff damit, was passiert, wenn Musik und Moral zusammentreffen.

Bei Bedarf treten sie geschlossen als Kollektiv auf. Wenn es darum geht, eine neue Single nach oben zu pushen. Oder, so erlebt die Außenwelt diese Fangruppen meistens, wenn eine Person mit Reichweite das Idol kritisiert. Zum Beispiel wie die Musikbloggerin Wanna Thompson, die letztes Jahr auf Twitter den Wunsch geäußert hat, dass Nicki Minaj auch einmal über reifere Themen rappt. Nachdem Minaj darauf reagiert hat, wurde Thompson von den Barbz heftig angegriffen.

Die Bindung zum Idol ist grundsätzlich etwas Positives

Böttcher: Das klingt sehr besessen und negativ. Ist dieses Fantum denn nur destruktiv?

Wolff: Die negativen Reaktionen entstehen ja aus einer positiven Bindung heraus. Für einen Artikel im "Rolling Stone" wurden mehrere Barbz interviewt, die das Verhältnis zwischen ihnen und Nicki Minaj mit dem einer Löwenmutter und ihren Babies vergleichen. Minaj tritt ihren Fans gegenüber schützend und fürsorglich auf. Und die erwidern das, indem vermeintliche Angreifer abgewehrt werden. Diese Dynamik ist bei weitem nicht nur bei Nicki Minajs Fans zu finden. In der Nacht, als Beyoncé ihr Album "Lemonade" über ihre Ehe und Jay-Zs Seitensprung veröffentlichte, machte sich der Beyhive daran, die Identität der mysteriösen "Becky" herauszufinden. Das endete in Drohungen gegen die vermeintlich identifizierte Person und ihre Familie. Selbst die Kritikerin Roxane Gay machte mit und bezeichnete die Frau, mit der Jay-Z eine Affäre hatte, als "gewöhnliches Flittchen".

Böttcher: Dieses obsessive Fan-Sein klingt verstörend. Andererseits kennen wir alle die Bilder von aufgelösten schreienden Fans bei Beatles-Konzerten, und erinnern uns an die Notruf-Hotlines, als Take That sich aufgelöst haben. Ist das so viel anders?

Wolff: Sicher nicht, und es darf auch nicht darum gehen, die positive Tradition gerade des weiblichen Fan-Seins anzugreifen. Gleichzeitig konnten die Fans von den Beatles und Take That nicht buchstäblich ihren ganzen Tag damit verbringen, Informationen über ihre Lieblingsacts zu sammeln, zu verbreiten und sich auszutauschen, 24 Stunden am Tag.

Auch solche Fans gab es immer. Aber es ist nicht nur höhere Sichtbarkeit. Die Zahl hat aufgrund der Möglichkeiten zugenommen. Überhaupt macht es das Internet sehr viel einfacher, Grenzen zu überschreiten, im positiven, aber eben auch im negativen Sinn. Nur teilweise handelt es sich um die Fortsetzung alter Fan-Gemeinden: zum Beispiel im Fall der Fans von Michael Jackson, die ja als Reaktion auf die Dokumentation "Leaving Neverland" eine Desinformationskampagne begonnen haben.

Böttcher: Im Fall von Michael Jackson waren es auch seine Nachlassverwalter, die sich einmischten. Sind solche Kampagnen generell von den Künstlern und deren Teams einkalkuliert, sogar provoziert?

Selbstermächtigung häufig auf Kosten anderer Frauen

Wolff: Sie sind auf jeden Fall die logische Konsequenz einer bestimmten Marketingstrategie und bestimmten Botschaften in der Musik selbst. Nicki Minaj ist, obwohl sie oft mit Pop liebäugelt, in erster Linie eine sehr gute Rapperin, die dementsprechend die Kunst der Selbsterhöhung und Dramatisierung der eigenen Umstände beherrscht. Weil sie als Frau in der Musik- und Hip-Hop-Industrie unfassbare Hürden überwinden musste und muss, wird das als female empowerment, als weibliche Selbstermächtung, verkauft. Der Widerspruch ist, dass die Selbstermächtigung häufig auf Kosten anderer Frauen geht, die zum Beispiel glauben, sie könnten Nicki Minaj das Wasser reichen oder etwas von ihrem Typen wollen. Diese Dynamik zeigt sich vielleicht auch darin, wer von den Barbz – oder dem Beyhive, oder den Swifties – angegriffen wird, und wer nicht. Jedenfalls hat nach "Lemonade" kaum jemand Jay-Zs Twitterfeed mit Wut überspült.

Böttcher: Sie haben von Selbstermächtigung gesprochen, durch die Künstler und Künstlerinnen zum Vorbild werden. Gleichzeitig gibt es das Gefühl, seinen Star beschützen zu müssen. Wie geht das zusammen?

Wolff: Das ist natürlich ein Widerspruch, genauso wie die realistische Selbstinszenierung. Einerseits wird bewundert, wie diese Stars ihr eigenes Leben inszenieren, wobei die Künstlichkeit anerkannt wird. Andererseits gibt es trotzdem das Gefühl, diese Person zu kennen. Letztlich sind es diese Widersprüche, die Pop-Stars schon immer großgemacht haben.

So wie Fans heute 24 Stunden am Tag Fans sein können, müssen Stars auch permanent Stars sein, und sei es mit strategischen Instagram-Posts, die zeigen, wie normal sie sind. Da scheinen bestimmte Abgründe vorgezeichnet zu sein. Vielleicht kommt irgendwann der Moment, in dem Künstlerinnen und Künstler ihre Fans nicht mehr kontrollieren können, auch ohne Horrorszenarien wie bei Eminems "Stan".

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