Seit 10:05 Uhr Lesart

Montag, 16.07.2018
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Thema / Archiv | Beitrag vom 07.04.2014

MusikSongs mit dem Eigencharakter der Sprache

Die slowenische Band Laibach tourt wieder und singt weiter deutsch

Moderation: Stephan Karkowsky

Podcast abonnieren
Das Mitglied der Musikgruppe Laibach, Ivan Novak (Deutschlandradio Kultur)
Das Mitglied der Musikgruppe Laibach, Ivan Novak, im Gespräch bei Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio Kultur)

Laibach-Mitbegründer Ivan Novak erkennt im modernen "Whistleblower" den Helden des dritten Jahrtausends. Zur Erklärung der Musik seiner Band sagt der Musiker: "Laibach ist Rammstein für Erwachsene."

Stephan Karkowsky: Laibach - schon der Name war eine Provokation für die sozialistischen Machthaber Jugoslawiens. Da verwendeten Künstler frech den deutschen Namen dieser Stadt, die nur noch Ljubljana heißen durfte. Und die Musik, die die spielten: aute, unangepasste Maschinenmusik, als würden sich Punks lustig machen über die vielen Militärkapellen, die im Laufe der Jahrhunderte unter wechselnden Flaggen durch Slowenien gezogen sind. Und wie die erst angezogen waren - diese pseudofaschistoide Ästhetik in Gestik und Form. Bevor wir mit dem Laibach-Mitbegründer Ivan Novak sprechen, kommt hier das erste Stück aus dem neuen Laibach-Album "Spectre", es heißt "The Whistleblowers".

"The Whistleblowers" aus dem neuen Album von Laibach, die 1980 von Ivan Novak und seinen Freunden in Ljubljana gegründet wurden. Herr Novak, guten Tag!

Ivan Novak: Guten Tag!

Karkowsky: Unverkennbar Laibach, die martialischen Chöre, der gepfiffene Marsch, der plakativen Texte: Aus Norden und Süden, vom Osten und vom Westen kommen wir, wir atmen als eins, wir leben im Ruhm oder vergehen im Feuer. Gemeint sind die Whistleblowers als die neuen Helden des dritten Jahrtausends?

Novak: Dem würde ich so zustimmen. Es sind die neuen Helden, da wir ja im digitalen Zeitalter leben. Da die digitalen Informationen unser Leben bestimmen, ist auch das Heldentum in dieses Grundmuster des Whistleblowers übergewandert in die digitale Welt.

Karkowsky: Bislang wurde Laibach häufig als ironische Band interpretiert, die sich selbst und ihre Aussagen nicht allzu ernst nahm - hat sich das geändert mit dem neuen Album?

Novak: Ja, wissen Sie, bei dieser Geschichte muss man an die Medaille denken, die zwei Seiten hat. Wir nehmen uns schon ernst, aber auch wiederum nicht zu ernst. Auch dieses Album ist wirklich ernst gemeint, wir haben sehr viel Kraft, sehr viel Mühe hineingesteckt, aber letztlich sind wir doch überzeugt, dass dies nicht das einzige Sinnprodukt auf der Welt ist. Und wenn ich das anfügen darf, was die Ironie angeht: Für uns ist das eine besondere Qualität unserer Gruppe - nicht, weil wir es nicht besser wüssten, sondern weil Ironie für uns zum Stil gehört oder eine bestimmte Sichtweise darstellt. Wir sehen uns aber eigentlich nicht als durch und durch ironische Band.

Musik mit einer verschlüsselten Sprache

Karkowsky: Kommen wir zu dem Anfang von Laibach zurück: 1980 gegründet, 1984 wurde Laibach Teil des Künstlerkollektivs "Neue Slowenische Kunst". Das setzte sich zum Ziel, und ich zitiere jetzt, "totaler als der Totalitarismus" zu sein. Da gehörten zum Konzept die freie Entpersönlichung, die freiwillige Übernahme der Rolle der Ideologie, Demaskierung und Rekapitulation der Regime. Was wollten Sie damals damit erreichen, die Demaskierung der herrschenden Verhältnisse durch die übertriebene Spiegelung derselben?

Novak: "Neue Slowenische Kunst" entstand damals zu einer Zeit, als Laibach in Slowenien beziehungsweise Jugoslawien verboten worden war. Wir haben dann beschlossen, Laibach fortzuführen unter dem neuen Titel "Neue Slowenische Kunst", ein sprechender Titel, der eine historische Bedeutung hatte. Unter diesem Titel fanden sich verschiedene Gruppen zusammen, auch die Gruppe Laibach. Statt ganz in den Untergrund zu gehen - was drohte -, haben wir beschlossen, die ganzen Auftritte zu vergrößern, und dieses neue Ensemble "Neue Slowenische Kunst" übernahm die Grundsätze von Laibach. Die wiederum - wie Sie ja ausführlich zitiert haben - gehen zurück auf ein Manifest, das die Gruppe Laibach bereits im Jahr 1982 geschrieben hatten.

Und wir sind dann dazu übergegangen, eine Art verschlüsselte Sprache zu sprechen, mit der wir das fortführen wollten, was wir von Anfang an gemacht hatten. Im Grunde ist die Ausrichtung unserer Gruppe seit den 80er Jahren dieselbe geblieben, nämlich: Wir definieren, wir beschreiben das Verhältnis zwischen Kunst und Ideologie, aber auch zwischen Gesellschaft, Politik, Kultur und so weiter durch verschiedene Ausdrucksformen, wobei wir unter Ausdrucksformen eben verschiedene Gattungen der Kunst verstehen, aber auch bestimmte Phänomene der Politik sowie auch Ereignisse, Veranstaltungen, Happenings, die wir auf die Bühne bringen. Das ist, was wir damals gemacht haben und was wir heute auch noch machen.

Sie fragten, ob wir der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten: Ja, das tun wir in der Tat, mit dem Vorbehalt freilich, dass dieser Spiegel ein doppelter Spiegel ist.

Karkowsky: 1987 dann wurden Sie einem großen Publikum bekannt, vor allen Dingen weil sie Pophits dekonstruierten, darunter "Life is Life" von Opus, aber auch "One Vision" von Queen. Das hieß dann bei Ihnen "Geburt einer Nation" und klang so:

(Musikeinspielung)

Ich glaube, was viele Menschen gerade in Deutschland damals womöglich gar nicht gemerkt haben, ist, dass Sie im Prinzip diesen Text von Queen eins zu eins übersetzt haben, vom Englischen ins Deutsche, und dann bekam er auf einmal diese merkwürdige Wirkung. Warum haben Sie sich für die deutsche Sprache entschieden?

Novak: Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Zunächst einmal hatten wir es einfach satt zu sehen, wie die angloamerikanische Szene, die gesamte Popkultur beherrschte, wie überall Englisch gesungen wurde. Das war der erste Grund.

Zweitens wollten wir zeigen, was geschieht, wenn man einen Text von einem Kontext in den anderen stellt, ohne überhaupt wesentliche Änderungen daran vorzunehmen. Durch die bloße Übersetzung geht einiges schon verloren, die Bedeutung ändert sich, weil die Sprachen eben verschieden sind.

Der dritte Grund ist, wir wollten den Eigencharakter von Sprache zeigen. Es ist wie bei einem Gedicht, das sich bei einer Übersetzung verändert. Der Text ist nicht derselbe, weil die Sprachen ein verborgenes System an Bedeutungen haben.

Der vierte Grund war, wir hatten es einfach satt, dass alle deutschen Gruppen in englischer Sprache sangen. Es kam uns so vor, als hätten sich große Teile der Szene eben der Vorherrschaft des angloamerikanischen Pop und Rock unterworfen. Deswegen waren wir damals auch so froh, dass Kraftwerk und andere Gruppen anfingen, Deutsch zu singen. Schließlich auch stemmten wir uns gegen das Vorurteil gegen die deutsche Sprache, die nach dem Zweiten Weltkrieg verrufen war. Das hatten wir auch schon satt - nicht weil wir jetzt besondere Fans der deutschen Sprache waren, sondern weil wir die deutsche Sprache eben für eine wichtige Sprache halten. Schließlich sind Deutsch und Englisch mehr oder minder verwandte Sprachen oder mehr oder minder dieselben.

Karkowsky: Sie hören Ivan Novak, Gründungsmitglied von Laibach, heute Abend zu Gast in der Berliner Volksbühne. Und diese Volksbühne, dieser Bau, dieses Gebäude, das wird von Touristen gerne als Nazibau missverstanden, dabei wird die Volksbühne als Bau der Moderne dieses Jahr bereits 100 Jahre alt. Laibach in der Volksbühne, das gab es 1993 zum ersten Mal. Da riefen Sie in diesem Theater für zwei Tage das erste temporäre Gebiet des NSK-Staates aus, also des Staates der "Neuen Slowenischen Kunst". Wohlgemerkt in einer Zeit, 93, in der das wiedervereinigte Deutschland gerade massiv Probleme bekam mit Neonazis. Hatten Sie eigentlich nie Angst mit ihrem Habitus, das falsche Publikum anzuziehen?

Laibach ist Rammstein für Erwachsene

Novak: Das ist eine sehr trickreiche Frage, auf die ich eine ebenso trickreiche Antwort geben muss. Wissen Sie, es gibt eigentlich kein falsches Wetter, und so gibt es eigentlich auch keinen Beifall von der falschen Seite. Wir sind doch letztlich alle Teil dieser Gesellschaft, und wenn es ein Gegenmittel gegen Neonazis gibt, dann ist es eben Laibach.

Uns wurde ja schon so oft Pseudofaschismus oder Nazigehabe vorgeworfen, uns von Laibach, dass wir letztlich fast schon gezwungen sind, uns wie Nazis zu benehmen, einfach um diesen Erwartungen zu genügen. Die Leute vergessen dabei aber, dass wir bei unserer ersten Tour im Jahr 1983 jugoslawische Uniformen, also ausdrücklich antifaschistische Uniformen trugen. Bei weiteren Touren dann eben Jägeruniformen, andere Uniformen, die weit entfernt waren von Naziuniformen, oder auch einfach Versatzstücke aus verschiedenen Beständen, überhaupt keine Uniform.

Karkowsky: Laibach werden immer wieder verglichen auch mit Rammstein natürlich, und einer aus der Band hat mal gesagt: Laibach, das sind Rammstein für Erwachsene. Nun sind Rammstein fast 15 Jahre jünger als Laibach, haben weltweit den größeren kommerziellen Erfolg. Wenn Sie heute Abend auf die Bühne gehen, in der Volksbühne Berlin, brauchen Sie da auch einen feuerfesten Anzug?

Novak: Nein, so ist das nicht. Rammstein ist ganz sicherlich eine der besten Gruppen überhaupt in Deutschland, die legen ganz starke Auftritte hin. Wir sind fasziniert von dem, was sie leisten. Wir würden vielleicht dasselbe wie sie machen, wenn wir die Möglichkeiten hätten. Dennoch bleibt unbestritten, dass Rammstein von uns gelernt hat. Wir brachten ihnen bei, wieder Deutsch zu singen, nach dem, bevor sie Rammstein wurden, sehr viele englische Coversongs, Popsongs in englischer Sprache gesungen hatten. Dennoch bleibt es dabei, dass wir sozusagen dasselbe Territorium mit Rammstein bespielen. Man könnte auch sagen: Rammstein ist Laibach für Kinder und Laibach ist Ramstein für Erwachsene.

Karkowsky: Ivan Novak ist Gründungsmitglied von Laibach und heute Abend mit Laibach live zu Gast in der Volksbühne Berlin. Das neue Album der Band heißt "Spectre". Danke für das Gespräch!

Novak: Danke Euch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema
21.04.2011 | THEMA | ARCHIV
"Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass"
Ein Streitgespräch über Pop-Kultur in Theaterhäusern
26.05.2005 | KOMPASS | ARCHIV 
Geliebt oder gehasst
Neue Slowenische Kunst und die Band Laibach

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur