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Tonart | Beitrag vom 07.11.2017

Musik nach der OktoberrevolutionKunst wurde der politischen Agenda unterworfen

Vom Rainer Pöllmann und Holger Hettinger

Militär hält den Platz vor dem Winterpalais in St. Petersburg besetzt: Die russische Revolution von 1905-1907 wurde am 22. Januar 1905 (dem "Blutsonntag") ausgelöst, als Soldaten auf friedlich demonstrierende Arbeiter schossen. (dpa / picture alliance)
Oktoberrevolution in Russland: Primat der Politik (dpa / picture alliance)

Nach der Oktoberrevolution in Russland haben sich in der Musik zwei Richtungen formiert und vor allem in zwei Verbänden organisiert: Einer betonte die Autonomie der Kunst, einer ihre dienende Rolle. Ein Erlass gab dann die Richtung vor.

Heute vor 100 Jahren übernahmen die Bolschewiki die Macht in Russland. Was bedeutete das für das Musikleben in Russland und später in der Sowjetunion? Wie stark haben sich die Musiker selbst in den Dienst der Revolution gestellt?

Richtungskämpfe auch in der Musik

Steigen wir ein mit einem Ausschnitt aus dem Themenabend "Musikalischen Avantgarde im Zeichen der Oktoberrevolution" vom vergangenen Samstag. Dort wurde deutlich, dass es – natürlich – auch in der frühen Sowjetunion Richtungskämpfe gab – und unterschiedliche Fraktionen und Verbände, die sich bekämpften.

Dorothea Redepenning nennt diese Verbände: 

"Auf der einen Seite gab es die ASM, die Assoziation zeitgenössischer Musik, in der sich vor allen Menschen mit Hochschulbildung versammelten, die sich künstlerisch definierten über ästhetische Fragen, über ihre Musikästhetik. Sie wollten neue Musik machen. Auf der anderen Seite steht eine Assoziation RAPM und die hat als erste Ausrichtung das proletarische Engagement im Sinne der Partei: Also, die politische Arbeit durch Kunst steht an erster Stelle und an zweiter Stelle steht erst die Ästhetik", sagt Dorothea Redepenning. Nachdem 925 durch einen Erlass geregelt worden sei, dass Künste nicht im westlichen Sinne autonom seien, sei natürlich die RAPM, die proletarische Organisation, stärker gewesen.

Der Musikwissenschaftler Wolfgang Mende differenziert:

"Na ja, diese proletarische Bewegung war ja zersplittert. Und es war auch so, dass sich die Partei für keine Gruppierung explizit ausgesprochen hat. Dieses Dekret von 1925 hat einerseits klar festgeschrieben, die Kunst ist natürlich auch der politischen Agenda des Staates unterworfen, aber wie das zu geschehen hat, welche Kräfte, welche Ästhetiken da federführend sein sollen, das wurde dort ausdrücklich als offener Wettkampf ausgeschrieben. Insofern hat man die Spieler erstmal schalten und walten lassen und hat beobachtet, was kommt dabei heraus."

Vertreter der ASM kaltgestellt

Die Dokumentarfilmerin Anne-Kathrin Peitz macht allerdings klar, das habe sich Ende der 1920er Jahre sehr verändert. Es habe eine richtige Kampfsituation gegeben und die RAPM, die die besten Verbindungen zum Staatsapparat gehabt habe, habe sich durchgesetzt und dafür gesorgt, dass Biografien von Protagonisten der ASM zerstört wurden. "Man hat das schon sehr nachhaltig geschafft, diese Musiker beruflich kaltzustellen."

Ein für die revolutionäre Bewegung ziemlich wichtiger Künstler ist Arseni Awraamow, von dem etwa die "Sinfonie der Sirenen" stammt, die wir zu Beginn dieser "Tonart" gehört haben.

Wichtige Persönlichkeit Arseni Awraamow

Wolfgang Menge erläutert Awraamows Gedankenwelt wiefolgt:

"Er hat die Idee vertreten, es gibt in den östlichen, auch Folklore-Kulturen eine Tradition der reinen Stimmung, also eine Stimmung, die nicht wohltemperiert ist. (…) Und dies ist eine physikalische Stimmung, die dieser technisch-physikalischen Mentalität des Proletariats auch entspricht. Und diese Neufundierung der Musik muss stark gemacht werden gegen die letztlich ganze Dekadenz und Verzerrung der Musik, die aus dem Westen gekommen ist – mit der westlich wohltemperierten Temperatur. Also, das war eine große Mission von ihm, die er als Musiktheoretiker, also als klassenkämpferischer oder kulturkämpferischer Musiktheoretiker, verfolgt hat."

Der Pianist Steffen Schleiermacher sieht in Arseni Awraamow einen besonderen Mann:

"Ich meine, es ist musikhistorischer Unsinn, diese reine Stimmung gegen die dekadente Stimmung auszuspielen, aber es ist dieser Gedanke, sich nach Osten, zur Steppe, zur Weite, zur Tundra, zur Taiga, wohin auch immer zu wenden, also nach Osten. Das hat schon einen leicht exotischen Touch und das Gleiche sehe ich bei Awraamow auch.

Bühnenkante aufgehoben

Und das Bizarre bei Awraamow ist, was er künstlerisch gemacht hat  – er war ja auch kein Komponist, ich glaube nicht, dass der Noten lesen konnte. Der hat etwas ganz anderes gemacht, heute würde man sagen, er war Eventmanager. Aber das hat er großartig gemacht. Er hat bestimmte Elemente dieser Zeit zu einem Gesamtgebilde zusammengefasst. Es war mehr oder weniger eine ortsgebundene Collage aus Stadtklängen, aus Industrieklängen, die live zu erleben war, wo es im eigentlichen Sinne auch gar keine Zuhörer gab, sondern, wo alle, die mitmachen, gleichzeitig die Zuhörer sind. Also diese Trennung zwischen Musikmachenden und dann ist die Bühnenkante und dann sind die Rezipienten, das wollte er ja auch aufbrechen. 

Es machen eigentlich alle mit am Klangerlebnis, was so chaotisch und laut wie auch immer nur möglich sein kann, eben auch, um die chaotische Gegenwart mit ihren vielen Anfechtungen akustisch erlebbar zu machen. Aber es ging überhaupt nicht darum eine feinziselierte, ausgearbeitete, im weitesten Sinne künstlerisch wertvolle Partitur zu schaffen. So was hätte er nicht gemacht."

"Maschinenmusik" ist charakteristisch für diese Phase der russischen Musik der Revolutionszeit – die ständige, unerbittliche Wiederholung des Motivs steht hier für das unaufhaltsame Fortschreiten und für die Eintönigkeit der industriellen Produktion, und für den Rhythmus, den die Maschine den Menschen vorgibt.

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