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Religionen / Archiv | Beitrag vom 03.08.2013

"Musik ist eine universelle Sprache"

In Berlin gestalten der evangelische Domorganist und die Kantorin der jüdische Gemeinde den Israelsonntag

Avitall Gerstetter im Gespräch mit Kirsten Westhuis

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Avitall Gerstetter ist seit 1998 Kantorin der berühmten jüdischen Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Avitall Gerstetter ist seit 1998 Kantorin der berühmten jüdischen Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Man müsse nicht jüdisch oder christlich sein, um die Sprache der Musik zu verstehen, sagt die jüdische Kantorin Avitall Gerstetter – "und das ist halt das Wunderbare". Auch in der Zusammenarbeit mit dem Domorganisten Andreas Sieling habe sie diese Erfahrung gemacht.

Kirsten Westhuis: Im christlichen Kirchenjahr kehrt in den Sommermonaten ein bisschen Ruhe ein. Die großen Feste wie Ostern, Pfingsten oder Himmelfahrt sind vorbei, der Advent noch lange nicht in Sicht. An diesem Wochenende wird der 10. Sonntag nach Trinitatis gefeiert, der sogenannte Israelsonntag. Dabei wird der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 nach Christus gedacht. Dieser Tag hieß lange Zeit Jerusalemsonntag oder auch Judensonntag. Das deutet schon an: Die christliche Tradition war lange nicht frei von antijüdischen Tendenzen. So sind zum Beispiel von Martin Luther zahlreiche Predigten erhalten, in denen er die Zerstörung Jerusalems als gerechte Strafe Gottes gegen die Juden bezeichnete.

Erst mit Beginn der 1960er-Jahre öffnete sich die Kirche dem christlich-jüdischen Dialog, für den steht der Israelsonntag heute. Im Berliner Dom feiern Juden und Christen an diesem Wochenende gemeinsam einen Gottesdienst zum Israelsonntag. Die musikalische Gestaltung liegt in den Händen des evangelischen Domorganisten Andreas Sieling und der jüdischen Kantorin Avitall Gerstetter. Die engagiert sich stark für den christlich-jüdischen Dialog, unter anderem auch bei Evangelischen Kirchentagen. Mit ihr habe ich vor der Sendung gesprochen und sie zunächst gefragt, was es bedeutet, wenn Juden und Christen gemeinsam den Israelsonntag feiern.

Avitall Gerstetter: Also ich denke, es ist ganz wichtig, dass man Gelegenheiten wie diese nutzt, also auch von jüdischer Seite, um wirklich miteinander zu reden, und ich denke, es ist ganz wichtig, eben um auch Missverständnissen vorzubeugen. Und ich empfinde diese Form der Begegnung also als sehr positiv und auch sehr, sehr wichtig.

Westhuis: Funktioniert das denn, so ein Tag, der ja doch eine Tradition hinter sich hat, mit einem Ausdruck von antijüdischen Tendenzen, so einen Tag umzugestalten und ihn wirklich als Element christlich-jüdischen Dialogs zu prägen?

Gerstetter: Also ich muss ganz ehrlich sagen, ich persönlich habe keine antisemitischen Haltungen erlebt in diesen Gottesdiensten und bin eigentlich eher so immer mit offenen Armen empfangen worden, und insbesondere die langjährige Arbeit mit dem Evangelischen Kirchentag, die ich gemacht habe, hat mir eben auch Türen geöffnet, sag ich mal, und mir auch die Augen geöffnet, dass wirklich gerade die evangelische Kirche da sehr offen dem Judentum gegenüber ist. Nicht zuletzt, ich sag mal, auf dem Evangelischen Kirchentag, auf dem ich dieses Jahr singen durfte, habe ich ein Zentrum für jüdisch-christliche Zusammenarbeit erlebt, und ich finde das großartig, das zeigt ja eine unglaubliche Toleranz auch. Also es ist eine wahnsinnige Veränderung hier, die stattgefunden hat, und antisemitische Tendenzen hab ich persönlich nicht erlebt.

Westhuis: Ein Element an diesem gemeinsamen Gottesdienst, jetzt am Sonntag, ist natürlich die Musik, die Sie mitgestalten. Welche Rolle spielt die Musik? Ist die Musik auch eine Vermittlerin zwischen Juden und Christen?

Gerstetter: Also Musik ist eine universelle Sprache. Da muss man nicht jüdisch oder christlich sein, um diese zu verstehen, und das ist halt das Wunderbare. Jeder versteht Musik, und in der Zusammenarbeit, gerade mit dem Domorganisten Andreas Sieling, habe ich auch diese wunderbare Erfahrung gemacht: Wir müssen gar nicht viel reden, sondern wir verstehen uns musikalisch einfach. Und das ist natürlich eine wunderbare Erfahrung, dass man nicht diskutieren muss und Gemeinsamkeiten suchen muss, sondern die sind einfach da. Und wir hatten so viel Spaß in dieser Zusammenarbeit, dass wir auch zukünftig viel miteinander machen wollen, also musikalisch, und darauf freue ich mich sehr, weil das natürlich auch den Dialog immer mehr fördert.

Westhuis: Wie sieht diese Gottesdienstgestaltung konkret aus, was wird da am Sonntag klingen, was bringen Sie zum Klingen?

Gerstetter: Also ich werde Yerushalayim Shel Zahav singen, das ist ein Lied, das nach dem Sechs-Tage-Krieg von Naomi Shemer komponiert wurde, ein wunderbares Lied, eine Hymne an Jerusalem. Und das Wunderbare oder das Einzigartige, sag ich mal, wird sein, dass ich gemeinsam mit der Gemeinde – also ich werde es auf Hebräisch singen, aber ich werde mit der Gemeinde den deutschen Refrain singen, also: In deinen Toren werde ich stehen, du freie Stadt Jerusalem, in deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied! Und darauf freue ich mich besonders, auf dieses gemeinsame Erlebnis.

Westhuis: Als Kantorin setzen Sie Musik als inhaltliches Element ja auch ein in Gottesdiensten, in Liturgie, in der Feier, aber Sie selbst stehen ja auch als Musikerin auf der Bühne, als Jazzmusikerin. Inwieweit beeinflusst Sie als Künstlerin auch Ihre Arbeit als Kantorin?

Gerstetter: Es ist natürlich eine gegenseitige Befruchtung, das ist ganz klar. Musikalisch würde man erst mal denken und sagen, es ist sehr unterschiedlich natürlich. Der Gesang in der Synagoge ist was anderes als der Gesang auf der Bühne. Aber es ist ja mittlerweile so, ich schreibe meinen eigenen Lieder, und natürlich bin ich geprägt. Also ich merke, ich bin geprägt durch meine Kindheit, ich bin so aufgewachsen und ich kann gar nicht anders, sag ich mal, als in dieser Tradition, in der ich auch aufgewachsen bin, mit diesen Wurzeln diese Lieder schreiben. Und natürlich sind es auch zum Teil liturgische Lieder.

Westhuis: Und wenn Sie dann nicht mehr auf der Bühne stehen, sondern wieder in der Synagoge sind, sind Sie dann wieder ganz die Kantorin?

Gerstetter: Ja, also ich kann da ganz gut unterscheiden, muss ich sagen. Die Gemeinde profitiert sehr davon, dass ich diese Außenerfahrung haben und eben auch außerhalb der Gemeinde Gottesdienste beziehungsweise Konzerte gebe.

Westhuis: Kann Musik auch Dinge ausdrücken, die schwer in Worte zu fassen sind?

Gerstetter: Ja, Musik ist eine ganz eigene Sprache, und was Musik ausdrückt, das ist einfach zwischen den Zeilen, da kommen Worte gar nicht mehr hin, das erreichen Worte gar nicht, was Musik ausdrücken kann. Musik kann eine Empfindung in uns auslösen, Emotionen kommen hervor, die durch bloße Worte gar nicht so erfolgen würden.

Westhuis: Und auch religiöses Empfinden?

Gerstetter: Und religiöses …, natürlich! Also Spiritualität ist natürlich ein ganz wichtiger Punkt, gerade bei Musik und gerade im jüdischen Gottesdienst, der ist sehr spirituell. Also jeder, der meinen Gottesdienst erlebt hat, der wird bestätigen, dass das eine spirituelle Erfahrung natürlich ist und nicht nur ein bloßes Lesen der Gebete.

Westhuis: Sie verbinden Ihre Musik aber auch sehr stark mit Ihrem persönlichen Engagement, mit dem Engagement und der Erinnerungsarbeit für die Opfer des Holocaust, From Auschwitz to Berlin heißt Ihr aktuelles Projekt. Erzählen Sie ein bisschen, was ist das, was steht dahinter?

Gerstetter: Also das aktuelle Projekt heißt We will call out your name. Das ist ein Erinnerungsprojekt, das in ein großes Projekt münden wird, das ich plane, und dieses große Projekt wird dann From Auschwitz to Berlin sein, also der umgekehrte Weg der Deportation. Es werden Konzerte dort gegeben, also in Auschwitz, in Buchenwald, in Breslau und in Berlin.

Also hier tatsächlich der umgekehrte Weg, und es ist ein sehr persönliches Anliegen, ein sehr persönliches Projekt. Der Grund, warum ich dieses Projekt überhaupt ins Leben gerufen hab, war, weil meine Großeltern mütterlicherseits haben fast ihre gesamte Familie verloren in der Shoa, und das ist natürlich etwas sehr Bewegendes. Der Stammbaum ist geschrumpft, ist sehr klein.

Und ja, das ist einfach auch ein Thema. Ich hab den Eindruck, dass diese Generation, die danach kam, auch gar nicht so richtig darüber offen sprechen wollte oder konnte. Und den Deckel zu heben, wie ich es jetzt tue, ist auch mit viel Schmerz verbunden. Und ich finde es ganz wichtig, dass man diese Menschen, die einfach in den Tod geschickt worden sind, also die in Auschwitz-Birkenau beispielsweise ankamen und die in die Gaskammer geschickt worden sind, so wie meine Großtante beispielsweise mit acht Jahren, dass man diese Menschen würdigt und ihnen einen Platz gibt und sie nicht vergisst und in Erinnerung behält, sodass sie auch weiterleben in uns.

Deswegen hab ich mir etwas überlegt: Wenn man eine Spende beispielsweise von 20 Euro bereit ist zu geben, erhält man dafür auch ein kleines Kästchen. Das ist so ein CD-großes Schächtelchen, wie ein Schatzkästchen, wo jedes Opfer der Shoa – also ich betone jedes Opfer der Shoa, nicht nur die jüdischen – sozusagen verewigt werden auf einem Band. Man kann es sich wählen, wie man’s trägt, ums Handgelenk, man kann’s einfach aufstellen.

Westhuis: Also We will call out your name, also wir werden den Namen aussprechen und nennen und damit erinnern. Sie sagen, gegen Spende kann man da mitmachen – was passiert mit den Spenden, was ist dabei gedacht?

Gerstetter: Genau. Das Ganze mündet ja in das große Projekt. Es wird Konzerte geben, es wird ein Kinderbuch mit Illustrationen von einer israelischen Illustratorin, Inbal Leitner, geben. Und sie hat ein ähnliches Schicksal in ihrer Familie wie ich erlebt, und so kam ich darauf und hab sie gefragt, ob wir nicht beide unserer Großtanten hier ehren wollen. Und ihre Großtante heißt Hannah und meine Rochika, und ihre war 16, als sie ermordet wurde, und meine Großtante wie gesagt war acht. Und ihre Großtante war dunkelhaarig, hatte braune Augen, und meine war blond und hatte blauen Augen. Und mir ist das halt auch wichtig zu zeigen, nicht jeder jüdische Mensch hat dunkle Haare und braune Augen.

Westhuis: Ein Kinderbuchprojekt, Konzerte, die Sie planen zusammen mit dem Breslauer Synagogalchor zum Beispiel und anderen Musikern, und dieses Projekt We will call out your name, das ist ja sehr breit, was Sie vorhaben – Ihr Erinnerungsprojekt würde ich es mal nennen. Was bedeutet erinnern für Sie persönlich?

Gerstetter: Solange wir an diese Menschen denken, wie gesagt, werden sie auch nicht sterben. Sie werden in der Erinnerung bleiben, sie werden … ihrer wird gedacht, und wir haben ja auch das Gebet für die Verstorbenen, das wir auch bewusst jede Woche in der Synagoge sagen, das Chadiz. Und ja, Erinnerung ist für mich natürlich sehr, sehr wichtig, weil der Schmerz, den die Überlebenden erlitten haben – es gibt ja nur noch wenige Überlebende –, aber der sitzt so tief, und das ist natürlich ein sehr emotionales Projekt, und das ist mir wichtig, dies auch umzusetzen. Und ich hoffe, dass viele Menschen dieses Projekt unterstützen werden.

Westhuis: Wie kann es gelingen, dass Erinnerung über Betroffenheit hinausgeht, dass es Wirkung entfaltet? Was hängt mit dem Erinnern zusammen?

Gerstetter: Also wichtig ist natürlich, wir müssen immer den Blick nach vorne behalten, den Blick nach vorne richten. Ja, und also ich wünsche mir halt, dass wir als jüdische Gemeinschaft auch ein gleichberechtigter Partner unter den Religionen sind, werden, wie auch immer. In jedem Fall ist es, denke ich, wichtig, dass wir uns der Vergangenheit auch stellen, um in eine gesicherte und in eine gute Zukunft zu gehen.

Westhuis: Musik zwischen Erinnerung und Engagement. Für heute vielen Dank für das Gespräch, Frau Avitall Gerstetter, Künstlerin und Kantorin an der jüdischen Gemeinde Berlin.

Gerstetter: Vielen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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