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Fazit | Beitrag vom 14.02.2019

Musical "Die fabelhafte Welt der Amélie"Halbcharmantes Seelenwirrwarr

Von Jörn Florian Fuchs

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Sandra Leitner und Ensemble in "Die fabelhafte Welt der Amélie" im Theater WERK7 in München. (Franziska Hain)
Im Musical "Die fabelhafte Welt der Amélie" spielt Sandra Leitner die Hauptrolle. (Franziska Hain)

Im Kino war "Die fabelhafte Welt der Amélie" ein kommerzieller Riesenerfolg und fand auch bei den Kritikern viel Zuspruch. In München hat nun die Musical-Version von Regisseur Christoph Drewitz Premiere gefeiert, im Werk7-Theater.

Allmählich nimmt das Münchner Kulturviertel am Ostbahnhof Gestalt an. Dort wird ja ein neuer Konzertsaal gebaut, doch bis der fertig ist, dauert es noch. Zwischenzeitlich gibt es dort diverse kleinere und größere Spielstätten, Kreativorte, unter anderem für die freie Szene. Und es gibt das Theater Werk7. Hier fand vor einem Jahr die fulminate Musical-Urauführung "Fack ju Göhte" statt.

Original-Musik von Yann Tiersen besticht nach wie vor

Ein Teil des Teams (Regie und Ausstattung) fand sich nun zur Europapremiere einer weiteren "Film-Vermusicalisierung" zusammen. "Die wunderbare Welt der Amélie" erzählt von einer sehr in ihrem eigenen Universum schwebenden jungen Dame, die erst nach zahllosen Hürden einen ebenso nicht ganz selbst- und lebenssicheren Partner findet. Fast berühmter als der Film wurde Yann Tiersens minimalistisch-luftiger Soundtrack, ihn hört man in München auch immer wieder – und musikalisch sind das tatsächlich die stärkeren Passagen.

Denn was die eigentlichen Komponisten Daniel Messé und Nathan Tysen für ihr bereits am New Yorker Broadway gezeigtes Musical schrieben, klingt leider zu oft nach Massenware. Additiv und wenig abwechslungsreich hört sich das an, die wenigen guten, einprägsamen Motive werden reichlich wiederholt. Schade, dass die tolle Band unter Leitung von Philipp Grass da nicht mehr Substanz vor, beziehungsweise in die Instrumente bekommt.

Skurrile Figuren und einige sprachliche Banalitäten

Regisseur Christoph Drewitz inszeniert mit sicherer Hand ein regelrecht immersives Spektakel, einige Zuschauer sitzen an Bistro-Tischen und bekommen mal etwas Süßes serviert, mal ein paar (hoffentlich nette) Worte zugeflüstert. Der Rest des Publikum sitzt hufeisenförmig um die sehr detailfreudig konzipierte Bühne, eine Bar mit dazugehörigem Tabakladen. Mit ein bisschen Lichtwechsel und wenigen Umbauten entstehen hier auch die weiteren Handlungsorte.

Andreas Bongard in "Die fabelhafte Welt der Amélie" im WERK7-Theater in München. (Franziska Hain)Andreas Bongard kann als Nino stimmlich überzeugen. (Franziska Hain)

Das Musical verschärft gegenüber dem Film die skurrilen Eigenschaften eigentlich aller Figuren. Insgesamt ist das ein bisschen zu viel, hinzu kommen etliche sprachliche Banalitäten. Sandra Leitner (Amélie) bemüht sich redlich, ihrer Partie Farbe und Ausdruck zu verleihen, was ihr leider nicht immer gelingt.

Zum einen tönt ihre Stimme etwas zu monochrom, zum anderen fehlen schlicht Stücke, in denen sie sich mal wirklich aussingen kann. Der zweite Hauptverschrobene des Abends, Nino, macht seine Sache gut. Andreas Bongard besitzt eine grundsolide Musicalstimme, kann trotz der Vorlage ein paar eigenständige Nuancen setzen.

Schön ist die Idee, Amélies Kindheit zum Teil als Puppentheater nachzustellen, auch ein mal hier, mal dort auftauchendes Akkordeon macht hübschen Eindruck.

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