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Tonart | Beitrag vom 30.05.2016

Music Tech Fest in BerlinZukunft mit Patina

Von Alke Lorenzen

Banner im Funkhaus an der Nalepastraße im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick beim 10. Music Tech Fest (Foto: Music Tech Fest)
Banner im Funkhaus an der Nalepastraße im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick beim 10. Music Tech Fest (Foto: Music Tech Fest)

Die Möglichkeiten, Musik als Erweiterung des menschlichen Körpers zu denken, scheinen unendlich zu sein. Der Gedanke des Transhumanismus − die Verschmelzung von Mensch und Technik − stand im Fokus beim 10. Music Tech Fest in Berlin.

Aus den Korridoren und Räumen des Funkhauses im Block B scheppert, tönt und fiept es. Seltsame Maschinen erzeugen sonderbare Klänge. In der monumentalen Eingangshalle sitzen 75 Hacker aus der ganzen Welt, um an neuen Instrumenten und interaktiven Software-Programmen zu bauen. Währenddessen wird der legendäre Sendesaal im Funkhaus zur Performance-Bühne: Unter der riesigen Konzertorgel an der Stirnseite des holzvertäfelten Saals zeigen Sound-Designer, wie sie sich die Zukunft der Musik vorstellen. Darunter der Auftritt der Toa Mata Band − der weltweit ersten Lego-Roboter-Band, bei der Legomännchen an Synthesizer, Drums und Sequenzer angeschlossen werden und Musik machen.

Auch die in Berlin lebende Britin Emika feierte eine besondere Premiere beim Music Tech Fest. Mit Hilfe von Crowdfunding konnte sie Anfang des Jahres eine Symphonie mit dem Prager Metropolitan Orchestra einspielen. Im Sendesaal brachte sie ihre Komposition erstmals zur Aufführung, allerdings ohne das 70-köpfige Orchester. Emika mixte die Original-Spuren der einzelnen Musiker live zusammen und sprengte dabei die Grenzen zwischen Klassik und Elektronik.

Die Symphonie von Emika lebte von einer eigentümlichen Spannung. Tiefe Bässe vibrierten durch den Körper, wie man es sonst in Technoclubs gewohnt ist und dazu grub sich der helle, leichte Sopran von Michaela Srumova wie feine Drähte unter die Haut. Ihre Stimme schien auf unheimliche Weise anwesend an diesem Abend und doch stand nur Emika im Sendesaal – schob Regler hin und her und drehte an den Knöpfen ihres Mischpults.

Eine Art Bio-Feedback

Genau den gegenteiligen Ansatz beim Music Tech Fest wählte Max Weber, Audio-Designer aus Berlin. Er will die Verbindung zwischen Mensch und Maschine in der elektronischen Musik nachvollziehbarer machen – sie soll mehr als nur ein Knopfdruck sein. In Webers Musikprogramm misst ein Sensoren-Armband die Muskelkontraktion und Bewegung des Unterarms, und dadurch entstehen Sounds.

Max Weber: "Im Endeffekt höre ich Signale, die ich noch nie in meinem Leben wahrgenommen hab von mir selber, das ist ne Art Bio-Feedback, das heißt, ich erkunde meinen eigenen Körper durch die Technologie. Der nächste Schritt ist, dass ich mit Gedanken Musik steuern kann – klingt gruselig, finde ich aber ne spannende Sache, die wahrscheinlich früher oder später eh passiert."

Die Möglichkeiten, Musik als Erweiterung des menschlichen Körpers zu denken, scheinen unendlich. Der Gedanke des Transhumanismus − die Verschmelzung von Mensch und Technik − stand im Fokus des diesjährigen Music Tech Fests. Es war zu hören, wie Gehirnwellen oder Herzschläge in Musik umgewandelt werden. Der schwedische Künstler Hakan Libdo ging noch einen Schritt weiter: Er bespielte den Körper seines Gegenübers. Indem er Strom in dessen Muskeln induzierte, produzierte er Klänge.

Doch wohin soll das führen? Werden wir tatsächlich alle zu Mensch-Maschinen oder sind wir es schon längst? Auch diese Fragen stellten sich beim Besuch des diesjährigen Music Tech Fests. Ein dystopisches Bild von der Auflösung des menschlichen Körpers und des eigenen Ichs durch Technologien hatte dabei keiner der Anwesenden vor Augen. Der Mitorganisator des Festivals Matthias Strobel meint sogar:

"Es kann auch sein, dass genau das Gegenteil passiert, dass es die eigene Persönlichkeit verstärkt! Dass die Technologie einem Möglichkeiten bietet, Dinge in den Vordergrund zu stellen, die ohne die Technologie nicht möglich wären. Deswegen glaube ich, dass das eine neue Form des Ausdrucks ist und dass Menschen das nutzen werden, das eigene Ich in den Vordergrund zu stellen."

Der Cyborg berührte alle

Bestes Beispiel dafür war die Performance der lettischen Künstlerin Victoria Modesta. Ganz oben, unter dem Dach vom Funkhaus, in einem abgelegenen, dunklen Raum steht Victoria Modesta auf einer Bühne zwischen Betonsäulen. Sie trägt eine Art leuchtendes Korsett, grelles Stroboskoplicht blendet blitzartig auf. Mit Sensoren an ihren Armen kann sie Sounds und Visuals steuern, umgeben von einem Meer aus grünen, geometrischen Formen.

Das aber, was ihre Erscheinung so einzigartig macht, ist ihr linkes Bein. Unterhalb des Knies trägt die 28-Jährige eine silbern glitzernde Bein-Prothese. Wenn sie damit auf den Boden stampft, ertönt ein schepperndes Geräusch. Victoria Modesta bezeichnet sich selbst als "bionic pop artist" – ein hybrides Wesen aus biologischem Körper und Technologie. Victoria Modesta ist ein Cyborg, ihre Performance aber hatte etwas zutiefst Menschliches, was alle berührte:

"Ich denke es ist nicht nur sehr radikal, sondern auch sehr sinnlich, wie sie ihren Körper und ihre Weiblichkeit einsetzt."

"Es ist wie eine Offenbarung der Kreativität: Sie macht aus einer Behinderung oder einem Hindernis eine hervorstechende Eigenschaft. Das ist einfach nur brillant."

Das Music Tech Fest und das Funkhaus Nalepastraße − Zukunft und Patina − gingen dieses Wochenende eine spannende Verbindung ein. Man hätte sich keinen besseren Ort vorstellen können, an dem innovative Musik erdacht und aufgeführt wird. Und noch etwas bleibt nach dem Musik Tech 2016: Es gibt Hoffnung für die Pop-Musik. Sie dreht sich doch nicht nur in Retroschleifen um sich selbst und inhaliert ihre eigene Vergangenheit. Sie steckt voller neuer Ideen.

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