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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.09.2010

Museumslandschaft verramscht

Anmerkungen zum Sparkurs in Norddeutschland

Von Annette Schneider

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Das Museum Weserburg will notgedrungen einige Bilder aus dem Sammlungsbestand verkaufen. (Weserburg)
Das Museum Weserburg will notgedrungen einige Bilder aus dem Sammlungsbestand verkaufen. (Weserburg)

Das Altonaer Museum in Hamburg wird geschlossen. Die Weserburg in Bremen verkauft 53 ihrer Bilder, darunter ein auf 8 Millionen Euro geschätzten Gerhard Richter. Damit werden innerhalb weniger Tage gleich zwei Tabus bisheriger staatlicher Museumsarbeit gebrochen:

Die Schließung eines öffentlichen Museums, dessen Aufgabe es ist, als gesellschaftliches Gedächtnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erzählen, indem es kontinuierlich sammelt, bewahrt, erforscht und seine Schätze unter zeitgemäßen Fragestellungen ausstellt, sowie der Verkauf von Kunstwerken, um, wie die Bremer Direktion erklärt, das Haus überhaupt weiterbetreiben zu können.

Zwar wurden in der Vergangenheit Museumsschließungen und der Verkauf von Sammlungsstücken immer wieder gern von Politikern und Politikerinnen ins Gespräch gebracht, konnten jedoch bisher stets von Museumsleitern verhindert werden. Jetzt aber haben Politiker und eine Museumsleitung erstmals die vom Internationalen Museumsrat entwickelten "Ethischen Richtlinien für Museen", die die Notwendigkeit kontinuierlicher Museumsarbeit festschreiben und sich strikt gegen den Verkauf von Sammlungsstücken aussprechen, gebrochen. Ein Dammbruch, den andere Kommunen dankbar aufgreifen werden.

Wer nun laut jammert, macht es sich zu einfach. Beides - die Schließung eines traditionsreichen kulturhistorischen Museums, sowie der Verkauf von Sammlungsstücken - kommt nicht überraschend: Seit Anfang der 90er-Jahre wird massiv im Kulturbereich gekürzt. In Hamburg so sehr, dass die sieben staatlichen Museen ihren traditionellen Aufgaben nicht mehr nachkommen können. In Hamburg reicht das Geld nicht einmal mehr zur Finanzierung von Personal und Betriebskosten. Hubertus Gassner, Leiter der Hamburger Kunsthalle, zog deshalb im März die Reißleine, und schloss bis auf Weiteres die "Galerie der Gegenwart".

Der Grund für die Kürzungsmaßnahmen hängt zusammen mit der allgemeinen Entwicklung der Politik, der das Profitstreben von Unternehmen über alles geht. Einer Politik, wie es vor einigen Jahren Michael Eissenhauer formulierte, "die seit 20 Jahren versucht, alle Lebensbereiche des Menschen auf ökonomische Grundzahlen runterzurechnen". Das heißt: In einer Gesellschaft, die alles zur Ware erklärt, muss sich auch Kultur rechnen. Nicht in Erkenntnis und Genuss, sondern in Euro. Wo sie dies nicht tut, ist sie überflüssig, werden Museen und Theater geschlossen. Als damaliger Präsident des Deutschen Museumsbundes forderte Eissenhauer gegen diese "absurde Haltung" einen "Kontrakt Kulturell", der klarstelle, dass bestimmte Bereiche unserer Gesellschaft nicht ökonomisch bestimmt seien.

Die Realität sieht anders aus: So werden immer mehr Museen "verselbständigt", was nichts anderes heißt, als dass sich die öffentliche Hand schleichend aus der gesellschaftlichen Verantwortung für die Institutionen stiehlt. Folge: Theater werden zusammengelegt, Museen geschlossen.

Womit wird beim angeblich fehlenden Geld wären, und den Politikern, die Landauf Landab über leere Kassen klagen. Erstaunlicherweise sind gleichzeitig Milliarden für sogenannte "Banken-Rettungsschirme" vorhanden. In Hamburg, wo man durch die Schließung des Altonaer Museums nun 3,5 Millionen Euro einsparen will, hatte man 30 Millionen für das umstrittene Privatmuseum des Marinesammlers Peter Tamm, sowie knapp 400 Millionen für die Elbphilharmonie. Dabei gäbe es reichlich Geld für staatliche Kultur, wenn Politiker und Politikerinnen denn nur wöllten: Im April rechnete Hamburgs ver.di-Chef Wolfgang Rose vor: Würde man die Vermögen der 20.000 in der Stadt lebenden Millionäre und Milliardäre lediglich mit einem Prozent besteuern, kämen eine Milliarde Euro in die Kassen der Stadt.

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