Seit 13:05 Uhr Länderreport

Mittwoch, 17.07.2019
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.01.2019

Museum zum Warschauer GettoMoshe Zimmermann verteidigt neuen Chefhistoriker

Moderation: Marietta Schwarz

Podcast abonnieren
Besucher vor einer Installation im Museum der Geschichte der Polnischen Juden in Warschau. (Imago)
Der neue Direktor für das geplante Museum zum Warschauer Getto, Daniel Blatman, lasse sich für polnische Geschichtsklitterung instrumentalisieren, meinen israelische Kritiker. (Imago)

Der israelische Historiker Daniel Blatmann soll Chefhistoriker im geplanten Museum zum Warschauer Getto werden. Darüber empören sich viele seiner Kollegen in Israel. Moshe Zimmermann hält dagegen: "Er stellt sich bestimmt nicht in den Dienst der Unwahrheit."

Im Polen der PiS-Regierung wird immer wieder um das richtige Gedenken gestritten. Äußerungen etwa zur Mitverantwortung an den Verbrechen der Nationalsozialisten können zivilrechtlich geahndet werden, sprich: Polen sollen eher als Opfer und Helden denn als Täter des Holocaust dargestellt werden, was längst zu Spannungen mit Israel geführt hat.

Für das geplante Museum zum Warschauer Getto hat der designierte Museumsdirektor nun den polnischstämmigen Jerusalemer Historiker Daniel Blatman als Chefhistoriker gewinnen können, worüber sich viele seiner Kollegen in Israel empören. Blatman lasse sich für polnische Geschichtsklitterung instrumentalisieren, heißt es.

"Gegenattacke aus Yad Vashem"

Der emeritierte israelische Professor für Geschichte, Moshe Zimmermann, sieht das ganz anders:

"Meines Erachtens handelt er richtig. Das Museum braucht einen guten Chefhistoriker, Herr Blatman ist ein idealer Chefhistoriker für dieses Museum. Ich kenne Herrn Blatman persönlich, er war früher mein Student, er ist ein integrer Mann. Er stellt sich bestimmt nicht in den Dienst der polnischen Regierung oder in den Dienst der historischen Unwahrheit. Das ist eine klare Sache. Vielleicht ist er ein Don Quijote. Er versucht, sein Verständnis von dieser Geschichte dort durchzusetzen – im Grundkonzept dieses Museums."

Der israelische Historiker Daniel Blatman (picture alliance / dpa)Der israelische Historiker Daniel Blatman (picture alliance / dpa)

Die "Attacke" auf Blatman komme "aus einer sehr bekannten Ecke, sie kommt aus Yad Vashem", der bedeutendsten Holocaust-Gedenkstätte in Israel, betont Zimmermann. Und gerade diese sei hier "selbstverständlich nicht neutral, weil Daniel Blatman gegenüber Yad Vashem sehr kritisch ist". So habe Blatman die Kooperation der Gedenkstätte mit Diktatoren und rechtsorientierten Politikern in der Vergangenheit kritisiert.

Einrahmen in eine größere Geschichte

Yad Vashem nutze nun die aktuelle Kritik an dem geplanten Museum zur Gegenoffensive, ist sich Zimmermann sicher. Doch letztlich gehe es hier um eine Grundsatzentscheidung mit historiografischem Charakter:

"Yad Vashem repräsentiert einen Zugang zu dieser Geschichte, wo eigentlich das Schicksal der Juden im Zweiten Weltkrieg, das Schicksal der Juden in Polen so ein sui generis ist, dass man es nicht einrahmen kann in einer größeren Geschichte. Und ganz bestimmt nicht in der polnischen Geschichte."

Blatman verstehe dies aber anders: Blatman wisse, dass Polen ein von den Nazis besetzter Staat war, und dass in diesem Rahmen auch die Geschichte der polnischen Juden erzählt werden müsse. Aus Blatmans Sicht müssten die polnischen Juden auch als Teil der polnischen Bevölkerung betrachtet werden, so Zimmermann weiter.

Das Bild korrigieren

Und dies obwohl man wisse, dass es in der polnischen nichtjüdischen Bevölkerung auch antisemitische Strömungen und Kollaborationen mit den deutschen Besatzungstruppen gegeben habe.

Trotzdem sei Blatmans Versuch, "etwas zu erklären, was man in der Regel nicht erklärt hat oder nicht erklären wollte, – wenn er ihm gelingt – keine schlechte Sache".

Zimmermann berichtet in diesem Zusammenhang von einer repräsentativen Umfrage, die er vor zehn Jahren an seinem Institut in Jerusalem durchgeführt hat. Diese hatte zum Ziel, das israelische Verständnis von den Geschehnissen in Polen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges abzubilden. Für fast 30 Prozent der Befragten waren die Polen genauso verantwortlich für die Shoa wie die Deutschen.

"Also wenn man das so in Israel versteht, kann man verstehen, weshalb ein Historiker, der sich in der Sache gut auskennt, sich darum bemüht, ein anderes Bild zu schaffen oder das Bild zu korrigieren", sagt Moshe Zimmermann.

Mehr zum Thema

Holocaust-Hackathon in Tel Aviv - Virtuell durchs Warschauer Ghetto laufen
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 24.05.2018)

Aufstand im Warschauer Ghetto - Heroischer Kampf gegen die Übermacht der Besatzer
(Deutschlandfunk Kultur, Kalenderblatt, 19.04.2018)

Warschauer Ghettoaufstand - "Umkämpftes Gedenken"
(Deutschlandfunk, Europa heute, 16.04.2018)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsEchte Liebe rettet das Klima
Älteres Paar steht glücklich lachend auf einer grünen Wiese vor blauem Himmel  (imago images / Panthermedia / Kzenon)

Die "Welt" berichtet, dass weltweit durch Online-Pornografie so viel Kohlenstoffdioxid freigesetzt wird, wie zum Beispiel in ganz Rumänien. So kann durch Verzicht nicht nur die reale Liebe vorangebracht, sondern auch das Klima gerettet werden. Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 14Der Stoff, aus dem der Osten ist
Szene aus "Düsterbuschs City Lights" am Theater Magdeburg (Theater Magdeburg)

Von einer Magdeburg-Reise kommen wir mit Fragen zurück: Welche Themen interessieren 30 Jahre nach dem Mauerfall das Publikum in den neuen Bundesländern? Muss man hier anders Theater machen? Und warum fallen Kritiken oft anders aus als Zuschauerreaktionen?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur