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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.08.2016

Museen jenseits der Norm (2)Zocken in der UdSSR

Von Gesine Dornblüth

Einblick in das Moskauer Spieleautomatenmuseum. (Deutschlandradio/Gesine Dornblüth)
Im Moskauer Spieleautomatenmuseum kann man auch selbst spielen. (Deutschlandradio/Gesine Dornblüth)

Wer denkt, Sozialismus und Glücksspiel würden einander ausschließen, täuscht sich. Die Sowjetunion ließ seit Anfang der 1970er-Jahre mehr als 90 Modelle für Spielautomaten herstellen. Auszuprobieren sind sie in einem Museum in Moskau.

Svetlana Alajewa blickt in ein Fernrohr. Ihre Hände umfassen zwei Griffe. Mit dem rechten Daumen drückt sie einen Knopf.

"Es gibt einen Trick. Man muss zehn Schiffe treffen. Es gibt acht Flugbahnen für die Torpedos. Aber wenn Sie die Torpedos in dem Moment abfeuern, in dem sich der Bug eines Schiffes gerade eben ins Bild schiebt, von links oder von rechts, dann treffen Sie eigentlich immer."

Oder fast immer. Von zehn Schuss sitzen sieben, die übrigen Kreuzer und Zerstörer bleiben ganz. Svetlana Alajewa arbeitet im Museum sowjetischer Spielautomaten in Moskau. Die "Seeschlacht", "Morskoj boi", ist einer der ältesten und beliebtesten Apparate, gefertigt ab 1974. Er war der Grundstein für das Museum.

"Das Museum gehört drei Männern. Die wollten als Studenten mal wieder Seeschlacht spielen. Das war in der Kindheit ihr Lieblingsautomat gewesen. Sie haben einen auf der Müllkippe gefunden, ihn repariert, selbst gespielt und Freunde eingeladen. Dann hörte der Rektor ihrer Universität davon, fand das gut und stellte ihnen den Kellerraum in einem Wohnheim zur Verfügung. Damit hat alles angefangen."

Prominenter Standort für das Museum

Die drei sammelten weiter. Mittlerweile umfasst ihre Kollektion rund zwei Dutzend verschiedene Spielautomaten. Und das Museum hat nach mehrere Umzügen mittlerweile einen prominenten Platz auf der Touristenmeile Kuznetskij Most nicht weit vom Bolschoi Theater.

Der Schüler Danijl spielt "Autorallye". Etwas angespannt dreht er am Lenkrad, sieht, wie das Auto auf dem Bildschirm auf ein Hindernis zurast. Sein Großvater schaut ihm über die Schulter.

Einblick in das Moskauer Spieleautomatenmuseum. (Deutschlandradio/Gesine Dornblüth)Das Moskauer Spieleautomatenmuseum ist sehr beliebt - auch, weil man selbst mitmachen kann. (Deutschlandradio/Gesine Dornblüth)

"Ich habe vor bald fünfzig Jahren an solchen Automaten gespielt. Im Pionierlager, in der Schule. Es gab auch Zentren mit solchen Spielautomaten. Ich habe gern geschossen. Ich wollte meinem Enkel zeigen, wie ich früher meine Zeit verbracht habe. Die jungen Leute drücken ja heute nur auf dem Smartphone rum."

Danijl baut einen Unfall nach dem anderen.

"Mir gefällt es. Aber es ist auch wirklich schwierig. Sonst ist ja alles virtuell, das hier ist noch echt."

15 Kopeken kostete ein Spiel damals. Der Einsatz blieb über all die Jahre konstant. Besucher bekommen die Münzen zur Eintrittskarte dazu. Viele Apparate ähneln denen, die man aus Deutschland kennt: Der Flipperautomat etwa, der Kickertisch oder das Tischeishockey. Es gibt auch eine Art elektronisches Tele-Tennis. Anders als im Westen hatten die Spielautomaten in der Sowjetunion von Anfang an eine erzieherische Funktion, erläutert Svetlana Alajewa.

Automaten, die Patriotismus weckten

"Im Westen waren damals bereits Glücksspielautomaten sehr populär. Da haben die Leute Geld gewonnen oder verloren, in großen Mengen, und das wurde zur schlechtem Gewohnheit. Unsere sowjetische Regierung war natürlich dagegen. Das Höchste, was man bei uns gewinnen konnte, war ein kostenloses Zusatzspiel."

Und auch das Design war natürlich auf die Sowjetbürger zugeschnitten: Ewig das Thema Militär. Es ging darum, mit den Spielautomaten Patriotismus zu wecken.

Mit dem Ende der Sowjetunion kam auch das Ende der sowjetischen Spielautomaten.

Viele Spielgeräte landeten im Müll

"Das hatte mehrere Gründe. Zunächst mal wurden all diese Automaten in Rüstungsfabriken zusammengebaut. Als die Sowjetunion auseinanderbrach, wurden die Fabriken umgerüstet oder geschlossen. Es gab keine Zubehörteile mehr. Außerdem kamen, als der Eiserne Vorhang verschwand, ausländische Spielautomaten auf den Markt. Die machten einfach mehr her, waren technisch einfacher zu bedienen, und die Leute haben sich sehr schnell auf sie eingelassen."

Irgendwann war es dann das einfachste, die sowjetischen Automaten wegzuschmeißen. Im besten Fall wurden sie auseinandergenommen und die Metallteile wiederverwertet, im schlimmsten landeten sie auf der Müllkippe und wurden vergessen.

"Fazit" sendet eine Sommerreihe mit dem Titel "Sonder-Ausstellung: Museen jenseits der Norm". Bis zum 6. August stellen wir Museen vor, die nicht unbedingt groß in der Öffentlichkeit stehen, die kurios sind, manchmal auch schräg, in jedem Fall aber ungewöhnlich.
Museen im Porträt:
1.8. Museum für das Unterbewusstsein in Wiesbaden
2.8. Museum sowjetischer Spielautomaten in Moskau
3.8. Museum für Bestattungskultur in Novosibirsk
4.8. Phallusmuseum in Reykjavik
5.8. Museum of Bad Art in Boston
6.8. Spedale degli Innocenti in Florenz

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