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Kompressor | Beitrag vom 01.07.2020

Multimedia-Projekt "Oktoberfest Phantom"Die Wiesn wird virtuell

Philip Gröning im Gespräch mit Max Oppel

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Ein Mann in Tracht blickt in die Weite eines Festzelts auf dem Oktoberfest. (picture alliance / imageBROKER)
2020 gibt es keine Wiesn: Philip Gröning plant nun eine virtuellle Erfahrung. "Die Abwesenheit ist ja mehr als nichts, man weiß, was einem fehlt", sagt er dazu. (picture alliance / imageBROKER)

Der Filmemacher Philip Gröning sagt, er sei ein großer Fan des Oktoberfests. Weil die Wiesn in diesem Jahr ausfällt, plant er eine Ausgabe als Virtual-Reality-Installation: "Es ist das Bild der Abwesenheit, gebaut aus der Erinnerung."

Das Oktoberfest fällt in diesem Jahr wegen der Coronapandemie aus – und das löst weltweit Trauer aus. Autor und Regisseur Philip Gröning, der nach eigenem Bekunden selbst ein großer Fan der Wiesn ist, nimmt das Pausieren des großen Volksfestes zum Anlass, um es virtuell in viele Orte der Welt zu bringen.

Bei "Oktoberfest Phantom" werde man die "Abwesenheit des Oktoberfest" sehen, sagt Gröning. Er hat schon eine Anschubfinanzierung vom FilmFernsehfonds Bayern in Höhe von 30.000 Euro bekommen.

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"Wir nehmen den statistischen Durchschnitt der Erinnerung und bauen daraus ein Phantom der Abwesenheit" – so beschreibt er seine Idee für die Virtual-Realitiy-Installation der Wiesn, die das Auswahlgremium begeisterte. "Die Abwesenheit ist ja mehr als nichts, man weiß ja, was einem fehlt."

VR-Installation im Kunstkontext

Das Projekt soll an konkreten Orten stattfinden. "Online wird man es nicht machen können", sagt Gröning. "Sondern man muss schon hingehen." Ihm schweben Orte vor wie das Münchner Haus der Kunst, die Kunsthalle in Hamburg, das K21 in Düsseldorf, das Eye in Amsterdam und das ACMI in Melbourne.

In dem Projekt erzeuge das Team aus Clips und Fotos von Social Media Plattformen ein statistisches Erinnerungsbild mithilfe von Künstlicher Intelligenz. 

Philip Gröning auf der Berlinale 2018. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)Philip Gröning hat sich als Gastprofessor mit Künstlicher Intelligenz befasst. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Auf die Idee sei er auch deshalb gekommen, weil er an der Kunstakademie in München als Gastprofessor unterrichtet und sich dort mit den Studierenden mit Künstlicher Intelligenz befasst habe, sagt Gröning. Wenn Artificial Intelligence die Aufgabe bekomme, etwas zu rekonstruieren, dann rekonstruiere sie den Raum - mehr oder weniger. "Sie kann aber nur rekonstruieren, was die Menschen in ihren Erinnerungsbildern ins Netz gestellt haben", berichtet er über seine Erkenntnisse dabei.

"Aber das Überraschende ist", so der 61-Jährige, "die Menschen selbst, egal wie viele Selfies man hat, werden rausgerechnet." Die Künstliche Intelligenz versuche zu sagen, was ortskonstant ist – "und ortskonstant ist der Mensch natürlich nicht." Das Volksfest in München sei da allerdings besonders: "Beim Oktoberfest passiert etwas ganz Verrücktes", sagt Gröning. "Dadurch, dass so viele Menschen da sind, entsteht so etwas Ähnliches wie eine Menschenmasse, aber sehr, sehr abstrakt."

Das Bild der Abwesenheit

Er sei gerade bei dem Projektpartner gewesen, der alles in eine Virtual Realilty umsetze, in die man sich dann mit einer VR-Brille begeben kann. "Es ist wirklich sehr, sehr eindrucksvoll, wie man sich bewegt in einer schemenartigen Landschaft, wo man erkennt, es ist das Oktoberfest. Aber es hat etwas Ruinöses – eben die Abwesenheit. Es ist wirklich das Bild der Abwesenheit, gebaut aus der Erinnerung."

Wie sieht dieses Bild der Abwesenheit aus? "Ich sehe nicht das Zelt und die Menschen", erklärt Philip Gröning. "Ich sehe nur die Punkte, wo Objekte wären. Es ist wie in der Erinnerung: Wenn mir etwas fehlt, weiß ich ja, wie das aussieht, was mir fehlt – es ist halt nur nicht da."

Auch auf der Tonebene experimentiere man gerade mit Künstlicher Intelligenz. "Da kommen sehr überraschende Dinge heraus", berichtet Gröning von seinen Eindrücken bisher.

Geplante Anstichzeit als Startschuss

Man spreche mit großen Institutionen weltweit, sagt Gröning. Bestenfalls werde die Installation zeitgleich in New York, in Melbourne, in München, in Amsterdam, in St. Petersburg zugänglich gemacht, und zwar dann, wenn der Anstich im Festzelt stattgefunden hätte. "Und die Leute dort können hingehen und das Geisterhafte erleben", sagt der Regisseur.

"Sowohl der Wahnsinn als auch die Schönheit des Oktoberfests erscheinen sofort darin, als Erinnerung, als Phantomschmerz", erzählt Philip Gröning, "aber auch die Phantomfreude."

(mfu)

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