Seit 01:05 Uhr Tonart

Montag, 21.09.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Kompressor | Beitrag vom 06.08.2020

"Mulan" auf Disney+Ein Filmstream für 32 Euro

Susanne Burg im Gespräch mit Johannes Nichelmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Schauspielerin Yifei Liu steht in der Rolle der Mulan in einer nebligen Landschaft. Sie nimmt eine Kämpferpose ein. ( © Walt Disney Studios Motion Pictures / Courtesy Everett Collection)
Fürs Kino gemacht, muss aber vorerst ohne die große Leinwand auskommen: die Realverfilmung von "Mulan". ( © Walt Disney Studios Motion Pictures / Courtesy Everett Collection)

Disney zeigt seine Kinoproduktion "Mulan" nicht in den Filmtheatern, sondern exklusiv auf seinem Streamingangebot Disney+. Der Konzern sagt, er mache das coronabedingt. Unsere Filmexpertin Susanne Burg sieht in dem Schritt auch einen Testballon.

Eigentlich sollte das Live-Action-Remake des Zeichentrickfilms "Mulan" bereits im März in die Kinos kommen. Der Filmstart wurde jedoch wegen der Corona-Pandemie mehrfach verschoben. Nun will Disney den Film am 4. September auf der konzerneigenen Streamingplattform Disney+ anbieten: zum Preis von 30 US-Dollar (etwa 25 Euro). Wer das Abenteuer der chinesischen Kriegerin Mulan sehen will, muss zudem noch sieben Euro für das Monatsabo zahlen. Das macht insgesamt rund 32 Euro, um den Film zu schauen – aber ohne die große Leinwand.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Ein Liebhaberpreis, meint Susanne Burg, Filmredakteurin von Deutschlandfunk Kultur: "Disneys Zielgruppe ist ja eindeutig die Familie" – und wenn bedenke, dass man mit fünf Personen ins Kino gehe und im Schnitt zwölf Dollar pro Karte zahle, dann seien 30 Dollar letztlich für die ganze Familie vor dem Fernseher zu Hause nicht so teuer – "vorausgesetzt man hat ein Disney-Plus-Abo, denn das braucht man ja".

Testballon in Corona-Zeiten

Burg glaubt einerseits den Aussagen, dass der Filmstart im konzerneigenen Streamingdienst coronabedingt ist. "'Mulan' ist eindeutig fürs Kino entstanden", der Film habe große Kriegsszenen und üppige Szenenbilder und Kostüme und sei für die große Leinwand gemacht. Außerdem sei für die große Kinopremiere im März schon alles vorbereitet gewesen, als Corona dazwischengekommen sei und der Film mehrfach verschoben werden musste. "'Mulan' muss jetzt raus, um die hohen Kosten reinzuholen, der Film liegt schon zu lange bereit."

Andererseits sei die Vermarktung auf Disney+ auch ein Testballon, ob ein solches Modell funktionieren könne. Der Film habe 200 Millionen Dollar gekostet, Disney habe 60,5 Millionen Abonnenten weltweit, es müssten also, inklusive Marketingkosten, 15 Prozent der Abonnenten den Film kaufen – dann kommen sie bei Null raus, rechnet Burg vor.

Zu dem Experiment gehöre aber auch, dass der Unterhaltungskonzern testen kann, ob sich so neue Abonnenten für seinen Streamingdienst Disney+ gewinnen lassen. Disney+, im März in Deutschland gestartet, sei bislang nicht ganz so stark Corona-Profiteur wie Netflix, das bei den Abozahlen massiv zugelegt habe. "Mit einem Film wie 'Mulan' kann Disney nun mal schauen, ob noch ein paar neue Abonnenten hinzukommen", sagt Burg – und es könne auch wieder das Profil schärfen und sich ins Gedächtnis bringen

Horrormeldungen für die Kinos

Für die Kinos sei der Start von "Mulan" im Streamingsektor allerdings eine Horrormeldung: Die Kinos, bei denen der Betrieb nach dem Lockdown ohnehin schleppend anlaufe, hätten große Hoffnung gesetzt auf die großen Filme "Mulan" und "Tenet". Und dann kam die Disney-Meldung, dass der Film direkt auf der Streamingplattform ausgewertet wird.

Schon zuvor habe die weltweit größten Kinokette AMC und Universal vereinbart, dass Universal-Filme nur noch 17 Tage statt wie bisher 90 Tage im Kino laufen müssen – und danach bei Streamingdiensten als Premium-Variante, also auch mit einer einmaligen Zuzahlung, zur Verfügung gestellt werden können. "Es zeigt, dass Verleiher nicht mehr so viel Hoffnung in Kinos haben", sagt Burg. 

Wenn es nicht gerade um James Bond-Filme gehe, sondern um Werke mit mittelhohen Produktionskosten von etwa 80 Millionen Dollar, könnten die Studios jetzt schauen, ob für diese Filme Streaming nicht eine Strategie wäre. Womöglich werde in der Zukunft ein Kinobesuch dann ein Kulturereignis sein wie ein Theater- oder Opernbesuch.

(mfu)

Fazit

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur