Seit 18:30 Uhr Weltzeit

Mittwoch, 22.05.2019
 
Seit 18:30 Uhr Weltzeit

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.08.2009

Mütterchen Russland und ihre Verwandten

Felix Philip Ingold: "Die Faszination des Fremden", Wilhelm Fink Verlag, München 2009, 224 Seiten

Podcast abonnieren
Nicht echt? Der Kreml wurde von italienischen Handwerkern umgebaut. (AP)
Nicht echt? Der Kreml wurde von italienischen Handwerkern umgebaut. (AP)

Der Kultur- und Sozialhistoriker Felix Philip Ingold behauptet, die russische Kultur habe sich vor allem durch äußere Einflüsse entwickelt. So seien Kirchen zum Beispiel von griechischen Baumeistern errichtet und das Verwaltungssystem durch tatarische Beamte eingeführt worden.

Die Matrjoschka, jene als Bauernmädchen bemalte Puppe, die noch jeweils kleinere Puppen in sich trägt, galt um 1900 als Neuheit des russischen Kunsthandwerks. Gefertigt allerdings ist sie nach dem Vorbild japanischer Hohlfiguren. Und die ebenfalls als typisch russisch geltenden Zwiebeltürme gehen vermutlich auf indische Vorläufer zurück.

Felix Philip Ingold, lange Jahre Professor für Kultur- und Sozialgeschichte Russlands, hat bereits in seiner 2007 erschienenen Studie "Russische Wege" die russische Nationalkultur als eine Nachahmungskultur charakterisiert. In seiner jüngsten Publikation "Die Faszination des Fremden. Eine andere Kulturgeschichte Russlands" hat der Slawist seine These erweitert. Ingold hebt die Rezeptivität des Russentums hervor. Dessen Bereitschaft, sich befruchten zu lassen, belegt er überzeugend an vielen Beispielen.

Schon die Staatsgründung basierte auf Fremdherrschaft: Slawisch-finnische Stämme baten die Wikinger, auf ihrem Gebiet für Ordnung zu sorgen. "Die Kijewer Rus, aus dem später das Moskauer Reich und das Petrinische Imperium hervorgehen sollten, waren (...) ein Wikinger- beziehungsweise Normannenstaat." Auch Namen, die man als typisch russisch kennt, gehen auf germanische Ursprünge zurück. Nach Russlands Christianisierung schufen griechische Baumeister russische Kirchen, später dann tatarische Beamte ein Verwaltungs- und Steuersystem. Unter Iwan III. bauten italienische Handwerker den Kreml um, druckte ein deutscher Setzer die ersten Kirchenbücher in kyrillischer Schrift.

Zwischen 1700 und 1917 lag der Ausländeranteil im Regierungsapparat, in Verwaltung und Armee bei 40 Prozent. Ingold weist nach, dass selbst noch in der Sowjetunion "gerade dort Ausländer herangezogen wurden, wo es um die Schaffung nationaler Werte, Symbole, Bauten, Institutionen ging".

Russlands Ausrichtung nach Westen, seine Imitation des Fremden, bewertet der Autor nicht negativ. Er betrachtet sie als Produktionsform. Als Fähigkeit, Fremdes zu integrieren und eigenen Bedürfnissen nutzbar zu machen. Allerdings sieht Ingold in diesem Verhalten auch Konfliktpotential. Denn der Westen, immer schon Vorbild Russlands, wird gleichzeitig als Rivale gesehen. Gerade seit der Präsidentschaft Putins interpretiert Russland den eigenen kulturhistorischen Sonderfall wieder als Beleg seiner Einzigartigkeit.

Auf gut 200 Seiten vermittelt Felix Philip Ingold kenntnisreich, pointiert und mit der Originalität eines Universalgelehrten ein tiefes Verständnis Russlands. Seine Originalität liegt in der Verschränkung der Details, der Verarbeitung russischer Quellen sowie wissenschaftlicher Sekundärliteratur. Und dabei hat diese kleine Kulturgeschichte auch noch Seele.

Besprochen von Carsten Hueck

Felix Philip Ingold: Die Faszination des Fremden. Eine andere Kulturgeschichte Russlands
Wilhelm Fink Verlag, München 2009
224 Seiten, 19,90 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Joseph Roths letzte Jahre in ParisLeben, Schreiben, Trinken
Der Schriftsteller Joseph Roth spaziert an der Seite einer Frau durch Paris. (dpa / picture-alliance / Imagno/Austrian Archives)

Am Tag von Hitlers Machtergreifung verließ der Schriftsteller Joseph Roth Deutschland. „Inzwischen wird es Ihnen klar sein, daß wir großen Katastrophen zutreiben", schrieb er Stefan Zweig. In Paris fand Roth in dem Café "Tournon" einen Zufluchtsort. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur