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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.12.2013

Münchener KammerspieleEin Abend, der durch Reibung Funken schlägt

J.M. Coetzees "Schande" in der Regie von Luk Perceval

Von Christoph Leibold

Luk Perceval erhält den Deutschen Theaterpreis "Der Faust" in der Kategorie Regie Schauspiel (picture alliance / dpa / Ole Spata)
Luk Perceval - hier bei der Verleihung des Deutschen Theaterpreises - inszeniert "Schande" zutiefst verstörend. (picture alliance / dpa / Ole Spata)

Luc Perceval inszeniert J.M. Coetzees "Schande" unspektakulär und fast spröde. Trotzdem hat die Geschichte vom Hochmut des weißen Mannes etwas zutiefst Verstörendes, das dem Zuschauer nahe geht.

An den Münchner Kammerspielen spielt der Schauspieler Stephan Bissmeier den Professor aus J.M. Coetzees Roman. Eine spannende Besetzung. Bissmeier, grauhaarig und hager, ist vom Typus her eher müder Melancholiker, kein Macho. Das gibt der Figur eine interessante Ambivalenz. Lurie ist bei Bissmeier kein ungebrochener Chauvinist, sondern einer der sich selbst fragwürdig ist. Und doch bleibt er ein Selbstgerechter, der bei all seinen Zweifeln im Grunde glaubt, niemandem außer sich selbst Rechenschaft schuldig zu sein. Diese Zwiespältigkeit macht ihn nicht sympathisch, es aber auch schwer, ihn vorschnell zu verurteilen.

Umstellt ist Lurie auf der Bühne von Kathrin Brack von schwarzen, Schaufensterpuppen. Regungslos aber realistisch, in Lebensgröße stehen sie da. Dunkelhäutige Männer, Frauen und Kinder - sie versinnbildlichen die stumme Mehrheit in Südafrika. Oder besser: jenen Teil der Bevölkerung, dem bis zum Ende der Apartheid die Stimme versagt wurde. Doch das ist Vergangenheit, auch wenn Lurie es noch nicht begriffen hat. Aus der stillen Masse lösen sich immer wieder Schauspieler, Felix Burleson etwa. Er spielt den schwarzen Nachbarn Petrus von Luries Tochter Lucy, die auf einer Farm am Land lebt. Einst war Petrus eine Art Mädchen für alles, ein Bediensteter. Längst aber ist kein schweigender Dulder mehr, sondern selbstbewusster Nachbar, der sich nicht alles sagen lässt.

Selbstbewusstsein schlägt um in schiere Aggression, bei den drei schwarzen jungen Männern, die sich unter Vorwand Zugang zur Farm verschaffen und Lucy vor den Augen ihres Vaters brutal vergewaltigen. Das stürzt Lurie in eine Krise. Zum ersten Mal wird der bis dahin so leise Stephan Bissmeier laut und leidenschaftlich. Ganz ähnlich verhält sich das mit Luk Percevals Inszenierung insgesamt. Sie ist von einer Art abgeklärten Ruhe, durchwirkt von seltenen, dann aber umso heftigeren Ausbrüchen.

Hatte Lurie dem Vater der Studentin, die er einst bedrängte, noch die kalte Schulter gezeigt, als der ihn zur Rede stellen wollte, kocht sein erhitztes Gemüt nun fast über, nachdem sein eigen Fleisch und Blut zum Objekt männlicher Begierde herabgewürdigt worden ist - auch das letztlich ein Beleg für den ungebrochenen Hochmut dieses Mannes, der Unrecht nur dann anerkennt, wenn es ihm selbst widerfährt.

Demut beweist allein Tochter Lucy, mit trotzigem Fatalismus gespielt von Brigitte Hobmeier, die darauf verzichtet, die Täter anzuzeigen.

Diese Duldsamkeit allerdings hat etwas zutiefst Verstörendes. Wie einem überhaupt Percevals Inszenierung in ihrer unspektakulären, nie reißerischen, fast spröden Eigenart sehr nahe geht. Kein Abend, der sofort flammende Begeisterung entfacht. Wohl aber einer, der durch Reibung Funken schlägt.

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