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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.01.2018

München 1918Dichter an die Macht!

Volker Weidermann im Gespräch mit Andrea Gerk

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Soldaten sammeln sich während der Novemberrevolution 1918 in München. Am 7./8. November 1918 proklamierte der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner den republikanischen "Freistaat Bayern". Seine Ermordung durch den nationalistischen Studenten Anton Graf von Arco wurde am 21. Februar 1919 in München zum Signal für die Ausrufung der zweiten Münchner Revolution. (dpa)
Novemberrevolution in München 1918. Der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner proklamiert den republikanischen "Freistaat Bayern" (dpa)

München 1918 war für viele Dichter ein utopischer Ort. Kurt Eisner, Erich Mühsam, Ernst Toller und viele andere Schriftsteller glaubten, die Zeit für großartige und verrückte Ideen nutzen zu können. In "Träumer" blickt Volker Weidermann auf diese kurze Zeit der Utopie zurück.

Andrea Gerk: Vor 100 Jahren, direkt nach dem Ersten Weltkrieg, war München auf einmal ein utopischer Ort, an dem die Dichter und Künstler das Zepter in die Hand nahmen. Von diesen sechs chaotischen Monaten, die die Münchener Räterepublik bestand und Bayern Schauplatz eines sozialistischen Experiments wurde, erzählt Volker Weidermann in seinem neuen Buch "Träumer".

Volker Weidermann ist Literaturredakteur beim "Spiegel", Gastgeber des "Literarischen Quartetts" und Verfasser von Bestsellern wie "Ostende", und heute ist er unser Gast. Guten Morgen, Herr Weidermann!

Volker Weidermann: Hallo, guten Morgen!

Gerk: Das Jahr hat gerade erst begonnen, und wenn man auf die politische Landschaft schaut, dann würde man sich doch so ein bisschen Aufbruchsgeist wie der, den Sie da sehr schön einfangen, eigentlich wünschen, oder?

Weidermann: Klar! Es wirkt manchmal so, als wären wir umstellt von tausend Unmöglichkeiten und festgefügten Verfahren, und damals tatsächlich, vor über 100 Jahren, war ein leerer Raum da, den einige verrückte und großartige Utopisten glaubten, für sich nutzen zu können.

Gerk: Dieser Geist der Revolution, der da in diesen leeren Raum, wie Sie das nennen, herüberbrannte, kam ja aus Russland und hat dann hier auch die Dichter erfasst – Ernst Toller war dabei, Oskar Maria Graf, Rilke war vor Ort in München, Thomas Mann natürlich sowieso. Wie kam das, dass die sich alle von diesem Revolutionsgeist erfassen ließen?

Weidermann: Ja, das war natürlich die große, neue, utopische Bewegung, die aus Russland herüberkam. Aber das Besondere in München und in dieser bayerischen Zeit ist, dass da eben nur sehr wenige Parteikommunisten von vornherein das Heft in die Hand nahmen, sondern wirklich sehr, sehr freie Geister.

Es waren gar nicht mal alles Sozialisten oder Kommunisten, es waren viele Anarchisten auch dabei. Und man hatte eigentlich gar keine Blaupause und auch Russland war für die Bayern dort eigentlich keine Blaupause, sondern man hatte vor allem die Literatur.

Kurt Eisner - der Mann des Volkes

Gerk: Und die wurde ja auch kräftig da mit eingebracht. Man glaubte ja tatsächlich – wenn man Ihr Buch liest, merkt man das –, das Volk will quasi auch durch Kunst, durch Literatur begeistert oder auch irgendwie ein bisschen erlöst werden. Aber so ganz hat das ja nicht funktioniert.

Weidermann: Aber am Anfang hat das schon großartig funktioniert und am Anfang hat tatsächlich ein Theaterkritiker, Kurt Eisner mit Namen, sich einfach auf den frei gewordenen Ministerpräsidentenstuhl gesetzt und gesagt: "Ich bin jetzt der neue Mann des Volkes", und glaubte das auch eine Weile. Leider hat er dann nach drei, vier Monaten doch Wahlen durchführen lassen und das Ergebnis für den Mann, der glaubte, alle zu repräsentieren, war dann doch sehr niederschmetternd: zweieinhalb Prozent.

Gerk: Weil das Volk dann doch irgendwie was anderes will. Das lernt man bei Ihnen aber ja schon, dass das doch weit auseinandergeht, was man da immer denkt: Also dass Arbeiterklasse und Dichter irgendwie vielleicht die gleichen Ideen haben könnten, trifft eben auch nur partiell zu.

Der 1878 in Berlin geborene Schriftsteller und Politiker Erich Mühsam. (picture alliance / dpa)Der 1878 in Berlin geborene Schriftsteller und Politiker Erich Mühsam. (picture alliance / dpa)

Weidermann: Das war dann schon nach einer Weile wirklich ein Schock für die Dichter, die ja glaubten, sie öffnen endlich auch die Theater für das Volk, das Volk will Shakespeare, das Volk will Hölderlin. Und das Volk wollte aber vor allem erst mal ein bisschen Ruhe haben, Frieden haben und Sicherheit haben, und das hatten die Dichter nicht zu bieten.

Gerk: Jetzt gab es aber schon auch ganz interessante Vorstöße, die manche da gemacht haben, Gustav Landauer zum Beispiel wurde zum Beauftragten für Volksaufklärung, war für Bildung zuständig und hat dann meinetwegen den Rohrstock und die Hausaufgaben abgeschafft, er hat sich für Bewegung im Unterricht eingesetzt, dass die Schüler auch mal aufstehen dürfen. Das sind ja Sachen, die heute ganz normal sind.

Weidermann: Ja, Schluss mit Hausaufgaben, das sei eine Belohnung für die Faulheit der Lehrer. War unglaublich modern! Einige waren wahnsinnig modern. Es ging auch um Grundeinkommen zum Beispiel. Aber gerade Landauer – Bildung für alle, gerade für die Ärmsten Bildung zu öffnen, die Volksschulen, Gesamtschulen zu gründen, ja, das war sein Programm.

Es gab verschiedene Phasen der Republik und das war die kurze wirkliche Dichterzeit, die Räterepublik eigentlichen Sinnes, und die dauerte nur sechs Tage. Und in der Zeit haben sie wirklich Erstaunliches geleistet, aber in sechs Tagen die Welt von den Füßen auf den Kopf zu stellen, das ist selbst den Dichtern nicht gelungen.

Über den Kapitalismus siegen

Gerk: Waren denn da noch mehr Material oder Ideen da, die wirklich auch konkret sinnvoll und nutzbar waren? Ich denke da zum Beispiel an den Finanzminister, Finanzbeauftragten, der ja auch durchaus Vorbildcharakter für viele große Ökonomen nachher noch hatte!

Weidermann: Genau, der hieß Silvio Gesell und der hatte wirklich eine Utopie, er nannte es Freigeld. Das heißt, Geld muss verfaulen eigentlich, als organisches Material betrachtet werden, und es muss innerhalb von einer Woche an Wert verlieren. Und so wollte er Zinsen und Kapitalanhäufung, überhaupt den Kapitalismus besiegen und die Leute dazu anstacheln, ihr Geld schnell und sofort auszugeben.

Das war nur eine seiner vielen Ideen, dazu gehörten Mütterrente, Vermögensabgabe oder Vermögen über 300.000 Mark werden komplett eingezogen, das braucht kein Mensch. Und so gab es doch einige wirklich realistische Utopien, die uns zum Teil auch bis heute noch verfolgen. Und dieses Freigeld, das schmelzende Geld ist ja im Grunde nichts anderes als das, was wir heute negative Zinsen nennen.

Gerk: Was wir heute vielleicht auch eher mal befolgen sollten, was er da rät, statt irgendwie sinnloses Geld auf den Sparbüchern zu horten!

Weidermann: Klar, natürlich, weg mit dem Geld, raus mit dem Geld und vor allem Schluss mit dieser immer weiteren Anhäufung von Kapital! Aber Silvio Gesell ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie groß man damals dachte!

Er hat zum Beispiel auch gesagt, es gibt kein deutsches Kali, es gibt kein norwegisches Erdöl, das sei eine bizarre Idee, dass Völkern und Nationen die Natur und die Erde gehören würde, und er meinte: Nein, das ist eine Sache einer großen Weltversammlung und die Schätze der Welt gehören allen! Verrückte Idee, natürlich unmöglich zu realisieren, aber das ist so ein Teil, ein Beispiel dafür, dass man einfach sich mal traute, völlig anderes zu denken, und Sachen für möglich hielt auch tatsächlich.

Es war ja auch nicht so, dass sie sagten, na ja, wir werfen hier mal eine Idee hin und gleich ist es vorbei, sondern die sind schon mit unglaublich realitätsfreudigem Zorn und Begeisterung an die Sache gegangen.

Der Literaturkritiker Volker Weidermann, aufgenommen am 02.09.2015 während eines Interviews in Berlin. Volker Weidermann leitet seit Oktober die ZDF-Literatursendung "Das Literarische Quartett". (dpa /  Gregor Fischer)Der Literaturkritiker Volker Weidermann (dpa / Gregor Fischer)

Gerk: Und Sie schreiben ja mit sehr großer Sympathie über diese ganzen Männer, es waren ja vor allem Männer, die sich da betätigt haben, war ja auch so ein hippiehaftes Träumervolk, Sie nennen das Traumtänzer, Wintersandalenträger, Prediger, Grashörer … Wen mögen Sie denn besonders oder wer hat Sie ganz besonders beeindruckt?

Weidermann: Mein absoluter Lieblingsfreund ist Ernst Toller aus dieser Zeit gewesen, den die Menschen auch damals wirklich geliebt haben. Und der hat wirklich so etwas geschafft, was Sie eben angedeutet haben: Dichtung und Volk. Er war erst 22, als sein Theaterstück geschrieben war, und dem Mann hörten die Massen wirklich bis zur Hypnose zu. Das war wirklich ein fantastischer Mann, dessen Werke wir auch lesen müssen.

Und mir ist es auch so wichtig, an diese Tradition zu erinnern! Und wenn jetzt 100 Jahre so viel Weltkrieg und andere Revolutionen bedacht werden, aber diese Freaks, diese Typen, dass wir uns diese Tradition bewahren und diesen Möglichkeitsraum uns noch mal irgendwie eröffnen und auch sehen, was ist in der Literatur vielleicht an utopischen Möglichkeiten darin enthalten, das ist mir schon unglaublich wichtig.

Die Zeit der Utopien

Gerk: Und von Toller stammt ja auch der Schlusssatz Ihres Buches, also den haben Sie paraphrasiert, in dem Sie dann schreiben: Müdigkeit ist keine Option. Ist das auch ein bisschen an uns gerichtet, dass wir uns irgendwie mal ein bisschen mehr engagieren sollen, zumindest geistig?

Weidermann: Klar, und nicht immer von Unmöglichkeiten uns verstellen lassen und von Bürokratien und von Entmutigung, klar, der Satz ist auch an uns selbst gerichtet. Und Ernst Toller hat am Ende seiner Haft – er musste ja fünf Jahre in Festungshaft gehen – das geschrieben: Ich bin nicht müde, hat er gesagt. Und ich hatte so das Gefühl, er war schon sehr müde, er hatte eigentlich die utopische Zeit erlebt und jetzt folgte so ein Nachleben.

Und mir ist es schon wichtig, die Geschichte ist wirklich nicht gut ausgegangen damals vor 100 Jahren, unglaublich viele Tote, und wir erzählen oft oder immer die Geschichte vom Ende her, von der Katastrophe, von den Toten, von den Morden und dass die Blauäugigkeit natürlich zu all diesem Unheil geführt hat. Mir ist wichtig, das Gute, das Positive, das Utopische zu entbergen aus dieser Zeit.

Gerk: Jetzt ist Ihr Buch ja ein großer Materialschatz, aber Sie schreiben ja nicht einfach da so ein dokumentarisches Sachbuch darüber, sondern Sie haben ja so einen ganz eigenen Stil entwickelt, dass man fast das Gefühl hat, man ist dabei und man hört diese Leute sprechen. Man ist so ein bisschen mit in ihren Wohnungen, in ihren Versammlungsräumen. Wie machen Sie das, wie gehen Sie da vor? Sie müssen ja erst mal wahnsinnig viel Material da lesen und sortieren!

Weidermann: Sehr viel lesen, immer weiter lesen, lesen. Aber das Tolle ist, wenn man sich mit Geschichte und in dieser Geschichte dann mit Schriftstellern beschäftigt, ist natürlich das Herrliche, dass diese Typen ständig immer alles aufschreiben, Briefe schreiben, Tagebuch schreiben, sich ständig auch rechtfertigen müssen, Erinnerungen schreiben. Und dadurch war das Material gigantisch.

Bestimmt drei Jahre habe ich dann gelesen, gelesen und gelesen und dachte tatsächlich schon, in dem Fall ist es vielleicht doch zu viel Material, um da eine gut lesbare Geschichte herauszufinden. Aber dann irgendwann war es dann wirklich wie so ein künstlerischer Glücksmoment, wenn der erste Satz dann da ist … lief es einfach!

Und mir ist schon wichtig, wenn man über Geschichte schreibt, dann ist uns allen klar: Es gibt nicht die eine geschichtliche Wahrheit, das wäre ja noch schöner, aber gerade in solchen bewegten Zeiten zu sehen, wie ein Thomas Mann, der in dieser Zeit wirklich brutaler Antisemit und reaktionär gewesen ist, dieselben Ereignisse beschreiben kann, die Oskar Maria Graf, mit dem er auch befreundet war, die sich kannten, dieselben Ereignisse am selben Tag beschreiben kann, das ist schon faszinierend. Das ist wirklich, als hätte der eine am Süd- und der andere am Nordpol gelebt.

Offen für eine andere Welt

Gerk: Und es macht den Eindruck, als ob Sie sich dann in der Zeit, in der Sie sich damit beschäftigen, auch ein bisschen anfreunden mit manchen Figuren. Ernst Toller haben Sie schon genannt. Gehen die dann so ein Stück mit Ihnen und dann muss man sich auch wieder verabschieden, stelle ich mir vor?

Weidermann: Ganz toll. Ich bin vor allem überrascht, wie nahe sie einem aber auch jetzt zeitlich sind, also wie ironisch die zum Teil waren, wie modern Oskar Maria Graf ist ein anderes fantastisches Beispiel, unglaublich revolutionär bewegt eigentlich in seinem Inneren, aber während dann der Hochzeit der Revolution ist er dann doch immer trinken gegangen oder immer feiern gegangen und hatte irgendwie anderes zu tun und meinte, na ja, für wen soll ich mich denn jetzt entscheiden.

Und das ist schon super. Diese Bücher einfach zu lesen, hat mir unglaublich gut gefallen. Und klar, dann am Ende ist man fertig mit der Geschichte und die, wie gesagt, geht nun außerordentlich schlecht aus. Und das ist schon ein kleiner Abschied, den man dann nehmen muss.

Gerk: Vielleicht sollte man das unseren Politikern mal näherbringen, dass sie Lust auf Visionen bekommen oder so!

Weidermann: Ja, zumindest mal zuhören Leuten, die andere Meinungen haben, die anders denken, völlig anders denken. Robert Menasse hat jetzt im letzten Jahr diesen wirklich total interessanten anderen Roman über Europa und die EU-Bürokratie geschrieben. Ich glaube schon, dass man unglaublich viel von der Literatur und den Dichtern lernen kann, und ja, die Politik muss sich öffnen für eine andere Art, die Welt zu sehen.

Gerk: Volker Weidermann, vielen Dank, dass Sie hier waren, danke für dieses Gespräch, danke Ihnen! Und das Buch "Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen" ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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