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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 05.04.2019

MüllentsorgungDer Traum vom Endlager ist ausgeträumt!

Ein Weckruf von Christian Unverzagt

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Eine Person mit Stirnlampe steht in einem Stollen des Erkundungsbergwerk Gorleben (imago/photothek/Thomas Trutschel)
Das Erkundungsbergwerk Gorleben: Kunsthistoriker Christian Unverzagt bezweifelt, dass es wirklich Endlager für radioaktiven Müll geben kann. (imago/photothek/Thomas Trutschel)

Wo Wohlstand in Massen herrscht, wachsen auch die Müllberge. Doch wohin damit? Viele träumen den Traum vom Endlager - kann das die Lösung sein? Der Kunsthistoriker Christian Unverzagt meldet Zweifel an.

Vor langer Zeit glaubten unsere Vorfahren, dass die Welt voller Geister sei, die besänftigt werden müssten. Durch die Welt von uns Heutigen aber geistern Dinge, die nach ihrem Gebrauch nicht spurlos verschwinden wollen. Unsere materielle Kultur hinterlässt Müll, darunter gefährlichen Giftmüll.

Schon immer sammelten sich dort, wo Menschen sich ansammelten, auch ihre Abfälle an. Und schon immer setzte man diese Abfallhaufen periodisch in Brand. Das verringerte das Volumen und es reinigte die Stoffe. Doch längst sind es nicht mehr nur Faulgase und Krankheiten, die aus verrottenden Abfällen aufsteigen. Die Industriegesellschaft hat die Menge der Dinge ins Unermessliche gesteigert, und dazu musste sie ihre Stoffzusammensetzung verändern.

Müll lässt sich in kein Anderswo ausgrenzen

Was an der Mühsal des Umgangs mit natürlichen Stoffen und an der Begrenztheit ihrer Ressourcen vorbei industriell produziert werden kann, hat eine Rückseite. Das, von dem wir gelernt haben, es für unseren Wohlstand zu halten, wirft einen Schatten, der länger und länger wird.

Der Müll mag vorübergehend immer wieder aus unserem Bewusstsein verschwinden, aber dann taucht er anderswo wieder auf: in Fässern unbekannter Herkunft, beim Recycling von Elektroschrott oder in irgendeinem Besorgnis erregenden Messwert. Wenn die Medien davon berichten, war das immer anderswo. Doch der Müll lässt sich in kein Anderswo ausgrenzen, er entgrenzt sich ins Überall.

Endlager - ein durch Sprachmüll aufgerüstetes Zwischenlager

Kein Feuer bannt mehr die Gefahr. Was von der Müllverbrennung bleibt, ist noch toxischer als der verbrannte Müll zuvor. Der hochgiftige Rest der Reste muss irgendwo verschwinden, von wo aus er nicht wieder auftauchen kann. Er muss aus der Welt des Menschen verbannt und von allem irdischen Leben abgeschottet werden, ein für alle Mal.

Im Gefolge von Atom- und Giftmüll entsteht eine Vision: die der unterirdischen Hochsicherheitsdeponie. Es ist der Traum vom Endlager. Von einer Endgültigkeit, die dem Spuk ein Ende bereitet. Tief in der Erde soll es Orte geben, an denen gefährlicher Giftmüll ohne Kontakt zum Biozyklus auf ewig eingelagert werden kann.

Doch in diesem Traum gibt es einen Widersacher. Er meldet sich mit dem Zweifel zu Wort, ob es in der Erde auf ewig abgeschottete Räume überhaupt geben kann – und ob das Endlager am Ende nicht vielleicht doch nur ein durch Sprachmüll aufgerüstetes Zwischenlager gewesen sein wird.

Dieser Widersacher führt nicht nur die Erfahrung mit dem "Versuchsendlager" Asse an, wo sich schon nach wenigen Jahren der Ewigkeit ein atomares Mülldesaster ereignete. Er verweist auf den Menschen selbst. Hat er sich schon jemals vom Graben abhalten lassen? Müssten wir die Nachwelt nicht warnen? Aber könnten wir es? Es gab noch keine menschliche Kultur, die eine Botschaft über Tausende und Zigtausende von Jahren hätte überliefern können – über jene Zeiträume, die industriell gefertigter Gift-Müll dauert.

Die Nachwelt muss es regeln

Wird der Traum vom Endlager zum Alptraum unserer Nachwelt? Hinterlassen wir unseren Nachkommen nicht nur einen geplünderten Planeten, sondern darüber hinaus auch noch eine tödliche Fracht in seinem Inneren?

Inmitten der Scham und des Selbstzweifels, die uns dieser Gedanke bereitet, meldet sich jedoch eine neue "Utopie" an: Sollte es einer fernen Nachwelt, einer Menschheit 4.0, 5.0 oder 6.0, bei zunehmender Erschöpfung der Erde nicht vielleicht möglich sein, das, was wir ihr hinterlassen haben, als Ressource zu nutzen? Schon gibt es, durchaus ernst gemeint, erste Ideen für eine mögliche Rückholbarkeit des Endzulagernden. Mit ihrer für uns noch unvorstellbaren Wissenschaft und Technik könnte eine künftige Menschheit das, war wir tief in der Erde vergraben haben, einst vielleicht als Schatz bergen.

Dieser Gedanke an unsere Nachwelt hat zumindest einen sehr gegenwärtigen Nutzen: Er baut unser ökologisch angekränkeltes Selbstbild wieder auf. Die künftige Menschheit wird sicher wissen, wann, wo und ob sie graben darf. Im Traum vom Endlager verbirgt sich ein unendliches Vertrauen in unsere Nachfahren: Die schaffen das!

Christian Unverzagt steht auf einem Hügel über einer Stadt und lächelt in einer Großaufnahme in die Kamera. (privat)Der Autor (privat)Christian Unverzagt ist Kulturphilosoph und Ostasienkundler. Paris, Berlin und Amsterdam waren seine wichtigsten Stationen in Europa, bevor er für Jahre auf Wanderschaft nach Asien ging. Heute lebt er als freier Schriftsteller, Maler und Lehrer der sanften Kampfkunst Taijiquan wieder in seiner Heimatstadt Heidelberg. 1991 veröffentlichte er zusammen mit Volker Grassmuck "Das Müll-System. Eine metarealistische Bestandsaufnahme". Demnächst erscheint "Alien Mensch. Vom Sondermüll zur Selbsterkenntnis".

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