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Sein und Streit | Beitrag vom 25.08.2019

Müll und FreiheitÄstheten gegen Verwahrlosung

Von Arnd Pollmann

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Ein orangener Mülleimer an einer orang gekachelten Wand in Berlin. Darauf steht Häufchenhelfer. Darunter liegt verschiedenartiger Abfall. (imago images / photothek / Florian Gärtner)
Sieht so Freiheit aus? Arnd Pollmann appelliert an den Gemeinschaftssinn für Schönheit. (imago images / photothek / Florian Gärtner)

Plastiktüten, Kippen, Inlandsflüge – wird alles verboten, um Klima und Umwelt zu schützen. Noch mehr Verbote fordern die einen, Einschränkung der Freiheit wittern die anderen. Beides entspringt demselben Geist, findet Arnd Pollmann.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Freiheit und Müll? Nehmen wir den hässlichen Wohlstandsabfall, der derzeit überall auf der Straße herumliegt. Ist dieser Müll Ausdruck der persönlichen Freiheit steuerzahlender Privatsubjekte, die sich um derart öffentlichen Plunder nicht zu kümmern brauchen, weil es dafür ja die Müllabfuhr gibt?

Oder wäre es mit einer liberalen Gesellschaft vereinbar, wenn die illegale Müllentsorgung mit hohen Bußgeldern oder noch härter bestraft würde, wie im superreichen Singapur, wo schon das Spucken auf die Straße oder Kaugummikauen mit einer Körperstrafe geahndet werden kann?

Zwischen Steuergeld und Bußgeld

Gesellschaften, die sich "liberal" nennen, zeichnen sich durch drei Eigenschaften aus: Zentral ist das Recht, von anderen in Ruhe gelassen zu werden. Darüber hinaus ist alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist, weil es der Freiheit anderer schadet. Und diese Verbote wiederum sind im Namen derselben Freiheit auf ein Minimum zu reduzieren. Ist das die Gesellschaft, in der wir leben wollen, auch weil wir sagen könnten: "Hier ist es aber schön"?

Um nur diejenigen Konsumgewohnheiten zu nennen, denen die Politik hierzulande in den letzten Tagen den Kampf angesagt hat: Plastiktüten, Einweggeschirr, Coffee-to-go-Becher, Strohhalme, Kippen, Versandhausretouren, Silvesterknaller, Inlandsflüge, Fleischkonsum, E-Scooter.

Die vielzitierten Gutmenschen rufen im Chor: "Bitte noch mehr Verbote!" Die Fanatiker der libertären Willkürfreiheit hingegen beklagen eine linksgrüne "Verbotskultur". Wer hat Recht?

Abfallprodukte der Willkürfreiheit

Keine der Parteien. Libertarismus und Verbotskultur – beide sind sie phantasielos und schädlich. Beide gehen sie vom egoistischen Individuum aus, das primär durch finanzielle Anreize und staatliche Strafandrohungen in Schach gehalten wird, und eben dadurch produzieren sie diese egoistischen Individuen allererst.

Natürlich, viele Menschen sind egoistisch und rücksichtslos. Sie lassen ihren Müll einfach unter sich, laufen wochenlang durch einen dunklen Gemeinschaftsflur, ohne auf die Idee zu kommen, die Glühbirne einfach selbst auszutauschen. Sie lassen ihren Hund überall hinkacken, nur nicht in die eigene Wohnung, und fühlen sich im Recht, weil sie ja Hundesteuern zahlen. Rettungskräfte werden an ihrer Arbeit gehindert oder gar bedroht, weil die Auffahrt blockiert ist.

Arnd Pollmann schaut freundlich in die Kamera. (privat)Arnd Pollmann, Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin (privat)

Sind Menschen "von Natur aus" so, wie Thomas Hobbes meinte, der deshalb auf einen absolutistischen Leviathan setzte? Oder sind es die Verhältnisse, die uns egoistisch werden lassen? Ein Wirtschaftssystem, das eine egoistische Wegwerf­mentalität propagiert, braucht sich nicht wundern, wenn es den Egoismus zugleich produziert – und damit zugleich eben auch absolutistische Sehnsüchte nach immer mehr Verboten.

Hier zeigt sich kein Gegensatz von Libertarismus und Verbotskultur, sondern deren unheilvolle Allianz. Die neuen Verbote sind nur die Abfallprodukte einer zur Willkürfreiheit tendierenden Liberalität.

Gemeinschaft als ein partizipatives Miteinander

Das Gegenmodell zur Willkürfreiheit ist dann auch nicht die Verbotskultur, sondern ein Republikanismus der Halbdistanz. Stellen wir uns die Gemeinschaft als ein partizipatives Miteinander vor, das von der solidarisch geteilten Verantwortung für die res publica, die "öffentliche Sache", lebt. Sicher, eine solche Gesellschaft ist unter den gegebenen Umständen schwer vorstellbar. Aber spricht das gegen sie oder gegen die Umstände?

Der Republikanismus ist übrigens nicht nur ein ethisch-politisches, sondern auch ein ästhetisches Projekt. Wir schauen auf den Wohlstandsmüll um uns herum und fragen uns: Wollen wir wirklich so miteinander leben? Der Glaube, man könne die Hässlichkeit und die Verwahrlosung des öffentlichen Raums allein mit Steuergeldern oder aber Bußgeldern beseitigen, führt in die Irre.

Natürlich, "Schönheit" ist Ansichtssache. Darüber lässt sich sehr wohl streiten. Aber das wäre ein Anfang: Lasst uns nicht länger nur über die gerechte, sondern endlich auch über die schöne Gesellschaft debattieren!

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin und Mitherausgeber des philosophischen Online-Magazins Slippery Slopes.

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