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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 26.01.2015

Müll im GangesIndiens heilige Kloake

Von Rainer Hörig

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Die indische Stadt Varanasi in Indien am Ganges. (picture alliance / dpa)
Die indische Stadt Varanasi in Indien am Ganges. (picture alliance / dpa)

Die Überreste religiöser Rituale, Abwässer mehrerer Millionenstädte, hochgiftige Abwässer aus Industriebetrieben, Pestizide und Düngemittel von den Äckern - all das landet im Ganges. Indiens heiliger Fluss ist so lebendig wie ein Abwasserkanal, doch das wollen Umweltschützer ändern.

Wenn in der heiligen Stadt Varanasi in Nordindien die Sonne über dem Ganges aufgeht, strömen die Pilger zu Tausenden zum Flussufer, zum heiligen Bad. Heimische und angereiste Hindus steigen die in Stein gefassten Stufen hinunter. Aus altersschwachen Lautsprechern tönen fromme Gesänge: Om Nama Shivaya – der Name Shivas lautet Om. Ein rituelles Bad im Ganges bedeutet für Hindus Erlösung und Seelenfrieden.

Anjani Kumar Singh etwa, der in einem Dorf an der Grenze zu Nepal ein Fotostudio betreibt, hat seine gesamten Ersparnisse geopfert, um mehr als 300 Kilometer weit nach Varanasi reisen zu können:

"Hier am Ganges herrscht eine besondere Atmosphäre. Wie soll ich das beschreiben? All die vielen Leute hier wollen diese Magie erfahren, dafür nehmen sie auch eine lange und beschwerliche Anreise in Kauf."

Nachdem er einmal ganz untergetaucht ist, steht Singh bis zur Hüfte in der braunen Brühe , schöpft mit beiden Händen das für ihn so kostbare Nass und lässt es über die Fingerspitzen in den Fluss zurückträufeln. Mit geschlossenen Augen murmelt er ein Gebet zur aufgehenden Sonne. Dann setzt er eine mit Blumen geschmückte Schale ins Wasser, in der eine Öllampe brennt – Verehrung der Mutter Ganga!

"Ich empfinde hier eine tiefe Glückseligkeit. Daher hat sich die Reise gelohnt. Alle kommen hierher, um diese Glückseligkeit zu erleben. Das ist es doch, was Religion ausmacht. Ich bin zwar ein gläubiger Hindu, aber für mich sind im Grunde alle Religionen ein und dieselbe."

Obwohl die Menschen ihren Fluss Ganges verehren, ruinieren sie ihn gleichzeitig durch Staudämme und giftige Abwässer. In Varanasi erreicht die Wasserqualität einen Tiefstand. Nicht weit von den Badestellen werden die ungereinigten Abwässer von eineinhalb Millionen Menschen eingeleitet. Die Präsenz von Coliform-Bakterien im Wasser übertrifft hier den Grenzwert für die Badequalität um das dreitausendfache.

Die Verunreinigung ist für Pilger kein Thema

Doch für die meisten Pilger ist der Schmutz kein Thema. Sie glauben fest daran, dass das heilige Bad sie innerlich reinigt, von allen Sünden befreit. Kiran Kumar, eine Hausfrau in den besten Jahren aus der unteren Mittelschicht, ist gemeinsam mit ihrem Mann aus dem Nachbarstaat Bihar angereist. Sie schüttelt energisch den Kopf, mit einer weiten Handbewegung wischt sie alle Bedenken beiseite:

"Nein, das Wasser des Ganges ist nicht schmutzig. Wenn die Leute ein bisschen aufpassen, kann nichts passieren. Im Gegensatz zu normalem Wasser kann man Gangeswasser jahrelang in einer Flasche aufbewahren, es wird nicht schlecht und riecht nicht. Es muss also etwas Besonderes sein!"

Mehrere auf Blättern orangenen Blüten gesetzte Kerzen schwimmen auf dem Wasser. (imago/Mint Images)Schwimmende Kerzen im Ganges, Varanasi, Indien. (imago/Mint Images)

Mit der Eisenbahn erreicht man nach ganztägiger Fahrt Richtung Westen die Megacity Neu Delhi. Der Zug durchquert die halbe Gangesebene von Varanasi im Zentrum bis an den westlichen Rand zur Yamuna, dem wichtigsten Nebenfluss des Ganges. Nach Angaben der Vereinten Nationen gehört die indische Hauptstadt, eine der größten Städte der Welt, zu den am stärksten verschmutzten Metropolen überhaupt. In punkto Feinstaubbelastung der Luft übertrifft Neu Delhi bisweilen sogar Peking.

Delhis Stadtfluss ist eine Kloake

Der Yamuna-Fluss, der die Stadt von Nord nach Süd durchquert, ist eine Kloake. Stromausfälle und Verkehrschaos sind Alltag. In der Dachwohnung eines Mittelklasse-Wohnviertels im Norden Delhis hat Himanshu Thakkar sein Büro eingerichtet. Mit einer kleinen Gruppe von Freiwilligen betreibt er einen Internet-Blog und eine Monatszeitschrift zu ökologischen Fragen des Wassermanagements.

"Die Schmutzlast im Ganges besteht zu 80 Prozent aus städtischen und häuslichen Abwässern. Im Tal des Ganges gibt es mehrere Millionenstädte. Dazu kommen hochgiftige Abwässer aus Industriebetrieben. Von unseren Äckern fließen immer mehr Pestizide und Düngemittel in die Flüsse. Dann noch die Überreste religiöser Rituale und von Leichenverbrennungen. In alten Zeiten war das für den Fluss nicht sehr schädlich, aber seitdem wir neue Materialien benutzen und das in immer größerem Ausmaß, kann der Fluss nicht mehr mithalten."

In den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten habe in der Geo-Wissenschaft ein Umdenken stattgefunden, erklärt Thakkar hinter einem mit Papieren überladenen Schreibtisch. Schrittweise habe man den enormen Wert der Flüsse für den Erhalt des Gleichgewichts in der Natur erkannt.

"Die Verschmutzung ist leider nicht das einzige Problem. Schauen Sie, Ganga ist lebendig, sie bewegt sich über große Distanzen in Zeit und Raum. Durch ihre Zuflüsse wird sie mit Mineralien und Lebewesen aus anderen Regionen befruchtet. Die Ganga nährt viele Formen aquatischen Lebens, Pflanzen und Tiere. Sie transportiert Sedimente aus dem hohen Himalaya bis zum Meer. Diese Tatsachen finden jedoch leider bei unserer Bürokratie und in der Politik keine Berücksichtigung. In deren Verständnis ist der Fluss nur ein Wasserlieferant."

Niemand kenne den Zustand des Flusses besser als sein Freund Manoj Mishra, meint Himanshu Thakkar und kritzelt eine Adresse auf ein Stück Papier. Gemeinsam mit Helfern erkundet Mishra den Fluss, streitet mit Politikern und Richtern, wirbt bei der Landbevölkerung für den Bau von Toiletten und eine chemiefreie Landwirtschaft.

Besucher führt er gerne zum Wehr von Wazirabad, wo die Yamuna in die Stadt fließt. Direkt am Ufer breitet sich dort ein Meer aus buntem Plastikmüll aus, ein faulig-süßer Geruch liegt in der Luft.

"Der Fluss ist tot."

Manoj Mishra zieht die Augenbrauen in die Höhe und zeigt auf eine Bachmündung am gegenüberliegende Ufer, aus der eine dickflüssige, schwarzbraune Flüssigkeit in den Fluss sickert - die ungeklärten Abwässer der nördlichen Stadtbezirke.

"Eigentlich gibt es in Delhi keinen Fluss. Was wir hier sehen, ist ein Abwasserkanal ...  Dieses Wasser enthält keinen Sauerstoff, es gibt kein Leben darin. Früher lebten jede Menge Fische im Fluss, sogar Krokodile gab es. Jetzt schwimmt hier nur Müll. Der sogenannte Fluss besteht aus Abwässern von Haushalten und giftigen Industrieabfällen. Die Wäscher und Fischer, die einst vom Fluss lebten, sind verschwunden. Der Fluss ist tot."

Auf die Frage nach den Ursachen für die Misere der Yamuna in Delhi gibt er eine verblüffend simple Antwort:

"Ungefähr 200 km flussaufwärts, nahe der Stadt Yamunanagar, blockiert ein Staudamm den Flusslauf. Dort wird während der Trockenzeit das gesamte Wasser des Flusses in Kanäle abgeleitet, für die Feldbewässerung und zur Versorgung der Städte. Das bedeutet, dass das Flussbett flussabwärts des Dammes neun Monate im Jahr trocken bleibt. Erst in Delhi füllt es sich wieder ein wenig - mit Abwasser."

 Drei Frauen stehen gebeugt und betend auf Stufen am Rand eines Flusses auf das Wasser legen sie Gaben (Indien, Haridwar) (imago/GranAngular)Gläubige während des hinduistischen Festes Kumbha (Kumbh) Mela. (imago/GranAngular)

Eine kleine Gruppe älterer Damen nähert sich dem Flussufer mit Blumengebinden, Kokosnüssen und mit allerlei Glitzerschmuck. Am Wasserrand angekommen, legen sie ihre Opfergaben nieder, entzünden ein paar Räucherstäbchen und falten, dem Wasser zugewandt die Hände zum Gebet. Mit der hohlen Hand schöpfen sie heiliges Wasser aus dem Fluss und trinken es, bevor sie sich auf den Heimweg machen. Zurück bleibt ein Haufen Abfall, der irgendwann vom Fluss fortgetragen wird.

Manoj schüttelt den Kopf und deutet auf die bunten Plastikteile und verwelkten Blumen, die hier das Flussufer säumen. Kein schöner Anblick, kommentiert er sarkastisch, aber harmlos im Vergleich zu den giftigen Abwässern, die die Industrie rund um die Uhr ablässt. Vom anderen Ufer weht der Wind eine Wolke fauligen Gestanks herüber.

"Das Wasser, das wir hier in Delhi verbrauchen, stammt aus der Yamuna, aber nicht von hier. Es fließt von besagtem Staudamm 200 Kilometer weit durch einen Kanal zu uns. Ein weiterer Kanal bringt Wasser vom Tehri-Damm am Ganges, hoch oben im Himalaya gelegen, und ein dritter versorgt die Stadt aus dem Bhakra-Nangal-Stausee am Fluss Sutlej. Delhi bekommt also aus drei Flüssen Wasser - und scheidet etwa 80 Prozent davon als stinkende Brühe wieder aus."

Kämpfen für die Rettung des Ganges

Neu-Delhi. Hier wird demnächst über das Schicksal des Ganges und seiner Nebenflüsse entschieden. Der heilige Fluss steht dabei für alle anderen Flüsse Indiens, die in ähnlich desolatem Zustand sind. Für Umweltschützer wie Sunita Narain ein Dauerthema. Die zierliche Mitfünfzigerin ist eine Ikone der indischen Grünen. Sie leitet Indiens größte und bedeutendste unabhängige Umweltschutzinitiative, das "Centre for Science and Environment" und gibt das Magazin "Down To Earth" heraus.

Sunita Narain war früher auch Mitglied im Beratergremium der Zentralregierung für die Sanierung des Ganges, doch die neue Regierung verzichtet jetzt auf ihre Expertise. Ihr Büro wird immer noch häufig von Journalisten belagert, sie spricht auf Seminaren im In- und Ausland. Seit mehr als 30 Jahren kämpft sie für die Rettung des Ganges.

"Bereits 1986 initiierte der damalige Premierminister Rajiv Gandhi einen sogenannten Aktionsplan zur Rettung des Ganges. Seine und alle nachfolgenden Regierungen investierten gewaltige Geldsummen in die Flussreinigung. Trotzdem müssen wir leider konstatieren, dass die Verschmutzung weiter zunahm. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, aber das Hauptproblem ist, dass wir uns zu sehr an entsprechenden Programmen in Europa und den USA orientieren."

Zwei Frauen und ein Kind baden angezogen am Ufer eines Flußes in der Dämmerung (Indien, Hadriwar). (imago/GranAngular)Zeremonielles Flussbad während des hinduistischen Festes Kumbha (Kumbh) Mela. (imago/GranAngular)

Die wenigsten Städte Indiens verfügten über ein funktionierendes, unterirdisches Kanalsystem. Selbst in der Hauptstadt könne nur die Hälfte der Abwässer erfasst und in Kläranlagen behandelt werden. Darüber hinaus nutzten die meisten Kläranlagen aufgrund von Missmanagement und Energieknappheit nur einen Teil ihrer Kapazitäten. So könne es nicht weitergehen, meint die prominente Umweltschützerin.

"Die neue Regierung, die seit dem vergangenen Mai im Amt ist, hat die Reinigung des Ganges zur Priorität erhoben. Wunderbar. Der neue Premierminister Modi ist persönlich daran interessiert, auch das kann ich nur begrüßen. Bleibt nur zu hoffen, dass er nicht die alten Fehler wiederholt. Wir müssen das Reinigungsprogramm gründlich überdenken und neu erfinden."

Bei den nationalen Parlamentswahlen im Frühjahr 2014 errang die rechtsgerichtete Hindupartei BJP einen Erdrutschsieg. Ihr Spitzenkandidat, der heutige Premierminister Narendra Modi versprach im Wahlkampf, den heiligen Fluss der Hindus wiederzubeleben. Doch Umweltschützer bemängeln, die bislang bekannt gewordenen Vorschläge seien im technokratischen Denken verhaftet: neue Staudämme, noch mehr Kläranlagen. In Politik und Bürokratie müsse ein neues Paradigma Einzug halten, das die Flüsse als lebendige Ökosysteme begreife. Sunita Narain macht konkrete Vorschläge:

"Vier grundlegende Reformschritte sind notwendig: Erstens müssen wir sicherstellen, dass die Flüsse genügend Wasser führen. Nummer zwei: Wir können nicht erwarten, in kurzer Zeit überall moderne Abwassersysteme einzurichten. Daher sollten wir versuchen, mit der bestehenden Infrastruktur zu arbeiten und das Abwasser der offenen Kanäle zu reinigen. Allerdings muss das so gereinigte Wasser auch sinnvoll eingesetzt, und nicht wieder mit schmutzigem Wasser vermischt werden. Und schließlich müssen strikte Kontrollen für Industriebetriebe eingeführt werden, damit diese nicht länger bedenkenlos ihre Abwässer in den nächsten Fluss leiten."

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