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Echtzeit | Beitrag vom 05.12.2020

MudlarkingSchätze aus der Themse

Von Natalie Klinger

Aufnahme von mehreren Menschen, die am Ufer der Themse nach Artefakten suchen. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Alastair Grant)
Früher waren es die Armen der Stadt, heute sind es vor allem Hobby-Archäologen, die an der Themse nach Fundstücken suchen. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Alastair Grant)

Mudlarks - Schlammspatzen: So nannte man die Menschen, die früher den Müll aus der Themse nach Verwertbarem zu durchsuchen. Heute ist "Mudlarking" ein Hobby. Dabei wird mitunter archäologisch Interessantes zutage gefördert.

Das Sammeln ist eine Tätigkeit, die uns Menschen schon seit der Steinzeit begleitet. Auch im London des 18. und 19. Jahrhundert war das Sammeln für einige noch eine wichtige Lebensgrundlage: Damals sah man vor allem Kinder am Ufer der Themse all das aufheben, was andere in den Fluss geworfen hatten und das irgendwie noch von Wert sein konnte. Weil sie wie Spatzen im Schlamm buddelten, nannte man sie Mudlarks, Mud heißt auf Englisch Schlamm, Lark heißt Spatz. Das Mudlarking hat zwar als Beruf nicht überlebt, dafür aber als Hobby. Meine Kollegin Natalie Klinger lebt in London und war dort mit einer Mudlarkerin unterwegs.

Marietta Schwarz: Wo bist du gewesen? Gibt es da bestimmte Spots oder sucht man einfach drauflos?

Natalie Klinger: Ja, gibt es. Wir waren mitten in London, direkt neben der Millennium Bridge und St. Paul’s Cathedral, Treppen führen zum Ufer hinunter. Da war natürlich gerade Ebbe, sonst käme man gar nicht hin: Wenn Flut ist, steht das Wasser bis zu 7 Meter höher. Die Londoner Innenstadt ist der Ort, an dem man beim Mudlarking die besten Funde macht, weil da, wo viele Menschen sind, auch viele spannende Dinge zurückbleiben.

Ein Meer aus Terrakotta

Schwarz: Spannende Dinge - was könnte das sein?

Klinger: Zuerst war mir das auch nicht so klar. Wir standen in einer Art Haufen aus Terrakotta-Scherben. Gut, dass ich Vanessa Bunton dabei hatte. Sie ist nicht nur Mudlarkerin, sondern auch professionelle Archäologin und arbeitet unter anderem für Thames Explorer Trust, eine Organisation, die Bildungsarbeit rund um die Themse macht. Ohne sie hätte ich nicht gewusst, wonach ich Ausschau halten muss.

"Schon die Römer haben Terrakotta benutzt und man kriegt das heute immer noch im Baumarkt. Ohne besondere Merkmale ist es schwer zu sagen, wie alt es ist", hat mir Vanessa erklärt. "Aber ich sehe gerade etwas sehr Faszinierendes. Das hier scheint mir ein Stück Zucker-Kegel aus dem 18. Jahrhundert zu sein."

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Woran siehst du das, habe ich sie gefragt. 

"Siehst du die weißen Streifen hier und die Form? Als der Zucker aus der Karibik in England ankam, war er noch braun. Um ihn weiß zu kriegen, mussten sie ihn weiter behandeln. Der Zuckersirup wurde in die Kegel gegossen zum Aushärten, und darin war Kalkmilch."

Beeindruckend, dass sie das in diesem Meer aus Terrakotta entdeckt hat.

"Übungssache", sagt Vanessa. "Ich weiß, wonach ich suche. Lass mich mal einen mittelalterlichen Topf für dich finden. Hier!"

Keramik aus dem Mittelalter ist aber längst nicht das älteste, was man finden kann. Mudlarker heben auch schon mal Feuersteine aus der Steinzeit auf, die dann ungefähr 6000 Jahre alt sind.

Ein Grundverständnis von Archälogie gehört dazu

Schwarz: Da muss man sicher ein geschultes Auge haben, um das zu erkennen, oder? Haben denn alle Mudlarker so viel Ahnung wie Vanessa oder könnte ich als Laie auch einfach so losziehen?

Klinger: Es ist schon ein Hobby für Geschichtsinteressierte. Und man braucht eine Lizenz fürs Mudlarking. Die kann man sich online bei der Behörde Port of London Authority für rund 95 Euro im Jahr kaufen.

Notwendig dafür ist auch, ein Grundverständnis von Archäologie mitbringen, denn mit der Lizenz verpflichtet man sich damit, Funde, die von archäologischem Interesse sein könnten, zu melden. Das sind ganz bestimmte Kriterien, die muss man dann eben wissen. Einer von Vanessas Lieblingsfunden hat es auf die Liste geschafft, ein Messergriff aus Knochen. Sie hatte gehofft, er sei viel älter, aber er stellte sich als aus der Tudor-Zeit stammend heraus, also ungefähr um 1500 herum. 

Schwarz: Und durfte sie das dann behalten? Wie ist das geregelt, darf man seine Funde mitnehmen?

Klinger: Nur die wenigsten kommen wirklich ins Museum, sie müssen entsprechend intakt sein. Im Museum of London kann man zum Beispiel gezinkte Würfel aus Knochen sehen, auch aus der Tudor-Zeit. Aber es gibt unter den Mudlarkern so eine Art ungeschriebenes Gesetz, dass man nicht alles mitnehmen soll, was man findet. Darüber habe ich mit der Autorin Lara Maiklem gesprochen, sie hat vergangenes Jahr einen Bestseller übers Mudlarking in London geschrieben: 

"Die Schätze sind endlich", hat sie mir geklärt. "Eines Tages wird man nichts mehr am Ufer finden können. Es wäre nicht fair, wenn eine einzige Person alles mitnehmen würde. Wir alle haben ein Anrecht darauf, uns an unserer gemeinsamen Geschichte zu erfreuen."

"Mudlarking hat etwas Meditatives"

Schwarz: Habt ihr denn, als du mit Vanessa unterwegs warst, noch andere Mudlarker getroffen? Oder ist das ein ganz exotisches Hobby?

Klinger: Wir haben vier andere getroffen. Und eine Frau hat etwas gefunden, wonach Vanessa die ganze Zeit gesucht hatte: winzige Nadeln. "In Tudor-Zeiten haben sie damit ihre Kleidung zusammengehalten, manchmal bis zu 600 handgesteckte Nadeln pro Outfit", hat mir Vanessa erklärt. Ich meinte, ein paar von diesen vielen Nadeln müssen ja wohl überlebt haben. Vanessa hat dann die andere Mudlarkerin einfach angesprochen, die uns ihre Funde gezeigt hat.

Wie du hörst, war ich sehr aufgeregt, als ich die winzigen Tudor-Stecknadeln am Pullover der Mudlarkerin gesehen habe: Denn wir hatten schon eine Weile danach Ausschau gehalten.

historische Abbildung von "Schlammspatzen": Kinder mit einem Korb suchen an der Themse Müll. (picture alliance / Mary Evans Picture Library |)Londoner Schlammspatzen: Im 18. und 19. Jahrhundert suchten Kinder an der Themse nach Verwertbarem aus dem Fluss. (picture alliance / Mary Evans Picture Library |)
Schwarz: Wie ist denn die Dynamik zwischen den Mudlarkern, gibt es da schon auch Konkurrenz untereinander, weil jeder das älteste Knochenmesser oder die meisten Stecknadeln finden will?

Klinger: Es ist interessant, das zu beobachten. Am Ende haben wir eine Neuseeländerin getroffen, und Vanessa hat sie direkt gefragt, ob sie denn wisse, dass man eine Lizenz brauche. Da gibt es also schon eine gewisse soziale Kontrolle. 

Auch wirkten alle nicht besonders gesprächig, das passt aber auch dazu, was mir Vanessa und auch die Buchautorin Lara Maiklem erzählt haben: Mudlarking hat etwas Meditatives, viele machen das, um abzuschalten, und wollen in Ruhe gelassen werden. Hier Lara Maiklem dazu:

"Es ist eine Pause vom Alltag mit all den Sorgen und Problemen. Man muss nichts weiter tun als auf den Boden starren, was für viele wahrscheinlich sehr langweilig klingt. Aber eigentlich ist es so viel mehr als das. Mudlarking versetzt mich nicht nur in eine andere Zeit und an einen anderen Ort. Es entspannt mich auch total. Ich spreche mit dem Fluss, während ich mudlarke. Er weiß mehr über mich als meine besten Freunde. Er ist ein guter Therapeut."

Der Fluss ist das Gedächtnis der Stadt

In diesem Sinne ist der Fluss so etwas wie das Gedächtnis der Stadt und ein lebendiges Museum. Und ein Haufen Terrakotta ist in Wahrheit ein Berg aus tausenden Jahren Menschheitsgeschichte, ich hab es nur nicht gewusst.

Das war für mich ein interessanter Prozess: Am Anfang dachte ich noch, wie kann Vanessa aus den Tausenden Terrakotta-Scherben sofort eine aus Römerzeiten entdecken? Nachdem mir Vanessa aber den ersten Knochen gezeigt hatte – die haben mich besonders interessiert –, habe ich am Ende überall Knochen gesehen. Sobald ich das visuell einmal abgespeichert hatte, war es viel einfacher.

Schwarz: Also das sind meistens tierische Knochen?

Klinger: Die meisten schon, Schweine, Kühe, Schafe. Aus einem war das Knochenmark rausgegessen, man sieht die Kerben, die das Messer hinterlassen hat.

Lara Maiklem hat aber auch schon mal eine Leiche gefunden. 

"Das war sehr traurig", erinnert sie sich. "Damals wie heute nehmen sich viele im Fluss das Leben, er ist ein gefährlicher Ort, der mitten durch eine geschäftige Stadt verläuft."

Auch beim Mudlarking sollte man daher vorsichtig sein und immer den Ausgang im Auge behalten, man kann sich schnell in der Suche verlieren und dann merkt man vielleicht gar nicht, wie das Wasser wieder ansteigt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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