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Im Gespräch | Beitrag vom 06.09.2019

MS-kranke Autorin Claudia Hontschik"Ein Rollstuhl ist toll - nur stört er eigentlich immer"

Moderation: Ulrike Timm

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Porträt der Autorin Claudia Hontschik (Ute Schendel)
Die Autorin Claudia Hontschik (Ute Schendel)

Claudia Hontschik leidet seit 30 Jahren an der chronischen Nervenkrankheit MS. Sie sitzt im Rollstuhl, ist behindert. Oder besser: Sie wird ständig behindert. In dem bewegenden Buch “Frau C. hat MS“ beschreibt sie ihren Alltag mit der Krankheit.

Mit ihrem Buch hat die Frankfurter Pädagogin und Supervisorin keinen Ratgeber für Betroffene geschrieben: "Ich wollte mich nicht an MS-Kranke richten, weil die wissen eigentlich schon alles. Ich wollte allen anderen erzählen aus der Welt der MS. Wie es uns Kranken geht, uns Rollstuhlfahrerinnen, auf was für Hindernisse wir stoßen, wie wir unser Leben managen."

Die Straße als Feindesland

In kurzen, ebenso lakonischen wie bewegenden Geschichten schildert Claudia Hontschik ihr Leben im Rollstuhl. Sie vermittelt eindringlich, mit welchen Hürden sie täglich zu kämpfen hat: "Wenn ich aus dem Haus gehe, habe ich eigentlich immer das Gefühl, ich bin im Feindesland. Und ich muss unheimlich aufpassen: Wo ich lang komme, komme ich nicht durch, ich kann kein Bordstein meistern, weil die oft nicht abgesenkt sind. In die Läden kann ich nicht rein, weil da meistens mehrere Stufen sind – es ist eigentlich alles schwierig." 

Auch eine simple Straßenüberquerung ist für sie nur mit guter Planung möglich: "Ich fahre nur rüber, wo ich absehe, dass ich auf der anderen Seite auch anlanden kann. Genauso wie ich alle Orte, die ich aufsuche und die ich nicht kenne, erstmal von meinem Mann auskundschaften lasse. Der fährt hin, guckt, ob das für mich geht – und erst dann gehe ich los."

Ihre Restaurant-, Kino- oder Theaterbesuche wählt Claudia Hontschik nicht nach Menükarte oder Spielplan aus, sondern immer danach, ob es in dem jeweiligen Etablissement auch eine vernünftige Toilette gibt. Längst nicht jede "Behindertentoilette" ist funktional: "Die Leute haben die Idee, dass man einfach nur ein Rollstuhl-Emblem an die Tür pappen muss – und schon ist das eine Behindertentoilette. Aber so ist es nicht. Es braucht ausreichend Platz. Als Rollstuhlfahrer oder Rollstuhlfahrerin braucht man viel Platz, Sie können sich ja nirgends durchschlängeln." 

Die MS-Ursachenforschung tappt im Dunklen

In Deutschland leiden rund 200.000 Menschen an MS, 70 Prozent davon sind Frauen. Um den Ursachen der Krankheit auf die Spur zu kommen, wird weltweit geforscht. Doch bis heute gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, was die genauen Gründe für MS-Erkrankungen sind. "Man weiß einfach nicht", sagt Claudia Hontschik, "wen es warum trifft. Die Krankheit macht was sie will. Nur eins scheint sicher: Jede Form von Stress ist ganz schlecht. Wenn zu viel auf mich einströmt, da muss ich manchmal wirklich den Rolladen runter machen, um mich zu schützen. Aber jeder Verlauf ist anders – Sie können MS-Kranke nicht miteinander vergleichen, weil es bei jedem anders läuft."

Nicht mehr auf Augenhöhe

Nach dem ersten Ausbruch ihrer Krankheit hatte Claudia Hontschik acht Jahre lang Ruhe. Doch sie wusste, dass MS in Schüben verläuft und konnte ihre gesundheitliche Beeinträchtigung nie wirklich vergessen. 

"Man ist immer ein bisschen in Hab-Acht-Stellung und man braucht auch eine ganze Weile, bis man sich von so einem schweren Schub erholt hat. Es hat Jahre gedauert, bis ich wieder halbwegs auf den Beinen war."

Für ihren Rollstuhl, den sie seit mittlerweile sechs Jahren nutzt, empfindet sie eine Art Hassliebe: "Ohne Rollstuhl geht gar nichts. Ein Rollstuhl ist toll – außer, dass er eigentlich immer stört."

Der Traum - eine "Stadtrenovierung"

Ein Traum von Claudia Hontschik wäre – ein kleiner Bautrupp unter ihrer Regie. Mit einem solchen Team würde sie die Stadt Frankfurt am Main "etwas umräumen" und damit in ihrem Viertel beginnen: "Mit meinem Trupp würde ich erstmal um die Ecke bis zur nächsten Querstraße fahren. Und dann würde ich sagen: So Leute, jetzt könnt ihr hier mal den Bordstein absenken! Und auf der gegenüberliegenden Seite auch – damit ich hier runterfahren kann und auf der anderen Seite wieder hoch. Und das trifft dann auf die nächste Ecke auch zu. Und auch auf die übernächste."

(tif)

Claudia Hontschik: "Frau C. hat MS. Wenn die Nerven blank liegen"
Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018
128 Seiten, 16 Euro

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