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Länderreport | Beitrag vom 07.11.2018

"Motherschools" in WürzburgWie man die Radikalisierung der eigenen Kinder verhindert

Von Susanne Lettenbauer

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Ein Jugendlicher sitzt am Bildschirm eines PCs, der die Flagge der Terrormiliz IS zeigt. (imago / Ralph Peters)
Islamisten versuchen, auch Jugendliche und Kinder anzuwerben. In den "Motherschools" lernen Mütter, wie sie eine Radikalisierung verhindern könnne. (imago / Ralph Peters)

"Motherschools", Mutterschulen also, leisten Müttern Hilfestellung im Umgang mit ihren Kindern, wenn diese sich abkapseln und eine Radikalisierung droht. Die Idee stammt aus Österreich, in Würzburg gibt es jetzt einen Modellversuch.

Die Stimmung ist ausgelassen an diesem Morgen um 9 Uhr. Kaffee und Tee stehen auf dem Tisch. Die 16 Frauen, nennen wir sie Sarah, Dalal, Jalila, Lela, kommen nacheinander in den Würzburger Frauentreff. Eine Mutter hat ihr Baby dabei. Sie ziehen die Schuhe aus, tauschen sich über ihre Familien aus:

- "Ich habe vier Kinder. Ich habe ein Mädchen 19 Jahre alt und ein Sohn 16 Jahre, meine Tochter Sarah ist 13 und eine Sohn 8 Jahre alt."
- "Ich habe drei Mädchen. Sie sind 13, 11 und 5."
- "In einer Whatsapp-Gruppe hab ich davon gelesen, habe ich mich dafür interessiert. Weil, ich habe Kinder."

Ein besseres Verständnis der Kinder

Sie habe von der Motherschool in Würzburg vor allem von anderen syrischen Frauen erfahren, erzählt Jalila. Die meisten kenne sie von der städtischen Integrationsgruppe Hacer-Hagar. Es gebe leider keine Flyer oder Broschüren über die Motherschool, die sie verteilen könnten an andere Mütter. Nur Mund-Propaganda. Dabei wäre die Idee für alle Mütter sehr gut, finden die Teilnehmerinnen:

- "Wir erhoffen uns, unsere Kinder besser zu verstehen, wenn wir ein Problem haben. Vielleicht sagen die Kinder nicht immer alles, da gibt es ein Geheimnis, und dann können wir sehen, wenn mein Kind so und so macht, dann hat er Probleme, dann kann ich meine Kinder besser verstehen und eine Lösung finden."
- "Ich hoffe zu lernen, Erziehung für meine Kinder, dass es mir hilft, die Kinder zu stärken und die ganze Familie."

Gemeinsame Übungen

An diesem Donnerstagmorgen starten die syrischen Frauen nach dem Warm-up gleich nebenan im Seminarraum in die vierte Stunde. Seit Anfang Oktober treffen sie sich in der arabischsprachigen Gruppe einmal pro Woche, alle freiwillig, von neun bis zwölf Uhr.

Dienstag kommt die russischsprachige Gruppe. Der Ablauf des Vormittags ist streng vorgegeben durch ein eng bedrucktes Handbuch des Vereins "Frauen ohne Grenzen". Innerhalb von zehn Sitzungen werden verschiedenste Themen angesprochen, wie Selbstbewusstsein als Mutter, Mutteridentität, Rechte als Frau, Selbstachtung und Selbstzweifel, erklären die beiden Lehrerinnen Mouna aus Tunesien und Amira aus Ägypten:

"Wir haben ja das Buch, da sind Übungen, die wir mit den Frauen durchführen. Aber es ergibt sich vieles spontan durch die Gespräche mit den Frauen. Am Ende der Stunde geben wir normalerweise auch immer eine Hausaufgabe, über die sie dann bis zur nächsten Woche nachdenken. Damit starten wir dann meistens und gehen dann über in die Sitzung."

Mehr als bloß eine weitere Erziehungsberatungsstelle

Wer, wenn nicht die Mütter würden zuerst Veränderungen bei ihren Kindern bemerken, so der Ansatz der Motherschools. An diesem Morgen geht es um Sicherheitsstrukturen innerhalb und außerhalb der Familie:

- "Unsere Rolle in der Sicherheitsstruktur, also wann fühle ich mich sicher, was kann ich dazu beitragen, dass ich mich sicher fühle, und das hat alles damit zu tun, wie ich die Sicherheit meiner Kinder gewähren kann, wie ich meine Kinder verstehe, wie ich sie offen im Dialog erziehe und auch immer mit Empathie."

Die Motherschools verstehen sich nicht als eine weitere Erziehungsberatungsstelle. Hier soll es vor allem um Prävention und Deradikalisierung gefährdeter Jugendlicher gehen. Wie reagieren, wenn das Kind plötzlich das Zimmer verschließt, stundenlang telefoniert oder vor dem Computer sitzt? Da ist der 11-jährige Sohn, der sich nichts mehr sagen lassen will von der Mutter. Oder die Kinder, die ihre Großeltern in Syrien vermissen. Der Tipp der Lehrerinnen:

"Natürlich Kontrolle. Zuerst einmal fragen. Nicht still bleiben. Da müssen wir mit ihm direkt reden, damit fängt es an. Wenn er zurückhaltend ist und nicht reden will, muss man was machen: eine Beratungsstelle aufsuchen. Oder vielleicht rede ich mit Freunden, mit der Mutter, also mit jemandem, zu dem ich Vertrauen habe. Man muss immer einen Weg finden, das lernen wir hier."

Gefährdete Kinder haben - ein Tabu

Gut 23 Mütter hatten sich bis Anfang September als Interessentinnen gemeldet, aus Syrien, Afghanistan, der Ukraine und Georgien. Die ersten sprangen ab als es um den umfangreichen Eingangsfragebogen über ihre Familiensituation ging. Gefährdete, radikale Kinder zu Hause zu haben, das sei noch immer ein Tabuthema, sagt Heike Mix, die Leiterin der Motherschool in Würzburg und eigens vom Sozialamt der Stadt eingestellt:

"Es ist nicht nur ein gemeinsames Kaffeetrinken oder über Erziehung zu reden, sondern es ist explizit: Wie entsteht Radikalisierung? Wie kann ich sehen, wenn sich mein Kind verändert? Wie kann ich Zeichen deuten und dann auch sagen, oh, da muss ich aufmerksam sein? Diese ganzen Möglichkeiten, die man dann hat, bekommen sie gesagt."

Noch fehlt ein enger Kontakt zum örtlichen Jugendamt, zu Schulpsychologen oder Sportvereinen, die Veränderungen von Kindern und Jugendlichen bemerken könnten. Es fehlen aufmerksame Lehrer, die Eltern auf das Angebot hinweisen oder Müttern empfehlen, doch die Motherschool zu besuchen.

Auch über Väterschulen denkt man nach

Seit Beginn des Projektes in Bayern 2017 habe man 61 Mütter erreichen können, freut sich Sozialministerin Kerstin Schreyer. Mit 170.000 Euro fördert der Freistaat den Verein. Jetzt werde das Angebot von vier auf sechs Standorte ausgeweitet, zu Aschaffenburg, Erlenbach, Schweinfurt und Würzburg kommen Nürnberg und Augsburg hinzu. Man fasse in Bayern auch die Einrichtung von ähnlich konzipierten "Väterschulen" ins Auge, die "Frauen ohne Grenzen" bereits in Österreich getestet haben. Das dürfte aber nicht das Ende sein, so Schreyer:

"Uns ist es natürlich wichtig, dass wir das bundesweit haben, das wäre die große Perspektive, es gibt auch bereits Bundesländer, die sich dafür interessieren mitzumachen. Und wir sagen natürlich: Wenn "Frauen ohne Grenzen" hier entsprechend auch da ist, müssen wir schauen, dass wir aus dem Bund auch Geld bekommen.

Dann müsse man aber auch darüber diskutieren, dass der Bund mit einsteigt, weil dort ein Interesse vorhanden sein müsste an Extremismusprävention.

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