Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
Freitag, 17.09.2021
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Lesart / Archiv | Beitrag vom 31.08.2020

Moritz Hürtgen und seine "Angst vor Lyrik"Terror, Krebs, Spinnen und die Furcht vorm weißen Blatt

Von Andi Hörmann

18.09.2019, Hessen, Frankfurt/Main: Moritz Hürtgen, Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic", steht in den Redaktionsräumen. Die Zeitschrift feiert im Oktober und November 2019 ihr 40-jähriges Bestehen. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / /Frank Rumpenhorst)
Die komische Lyrik von Moritz Hürtgen ist vor allem unterhaltsam. (picture alliance / dpa / /Frank Rumpenhorst)

Moritz Hürtgen ist seit Anfang 2019 Chefredakteur des Satire-Magazins "Titanic". Gedichte schreiben kann er auch: „Angst vor Lyrik“ hieß sein erster Band. Schon der Titel führt - wie es sich für einen Satiriker gehört - in die Irre.

Moritz Hürtgen liest "Angst vor der Schreibblockade"

"Es gibt die Angst vorm weißen Blatt,
Doch Dichter haben keine,
Weil man ganz flott drei Zeilen hat
(Vers vier kommt von alleine)."
 
Ängste hat Moritz Hürtgen viele, nach eigenen Angaben etwas mehr als der Durchschnitt. Aber Schreibblockade: nein. Seine komische Lyrik geht ihm leicht von der Hand. Und das schon seit der Unterstufe im Gymnasium.

Gedichte verfassen als Strafaufgabe

"Die ersten Gedichte, die ich selber schreiben musste, das waren Strafaufgaben im Deutschunterricht zu meiner frühen Gymnasialzeit in den unteren Klassen dort. Mein Lehrer, der hatte irgendwie, wenn man Scheiße gebaut hat, einem aufgegeben, dass man darüber Gedichte schreiben muss mit so und so vielen Strophen und die mussten dann auch sauber gereimt sein. Aber das hat mir eigentlich dann immer Vergnügen bereitet."
 
Moritz Hürtgen liest "Zum Geleit"

"Angst vor Terror, Krebs und Spinnen.
Angst, das Schreiben zu beginnen.
Angst vor einem weißen Blatt,
Angst des Dorfdepps in der Stadt."

In der Nähe von München wächst Moritz Hürtgen auf. Sein Germanistikstudium bricht er angeblich aus Faulheit ab. Tja. Und trotz seiner jungen Jahre sitzt er nun in Frankfurt am Main im Chefsessel. Hut ab.

"Ich bin 31 Jahre alt und seit Anfang 2019 der Chefredakteur des Satire-Magazins 'Titanic'."

Heute schon Angst gehabt?

Im selben Jahr erscheint sein erster Gedichtband: "Angst vor Lyrik". Und wie soll es bei einem Satiriker anders sein: Schon im Titel wird getrickst.

"Die Angst vor Lyrik ist eben ganz platt, die Angst vor der Lyrik selber, oder man liest es als die Angst-vor-Lyrik. Angst vor ist dann das Genre dieser Lyrik."

Angst-vor-Lyrik also. Ganz wörtlich: Die Angst ist der Inhalt, die Lyrik ist die Form. Jedes Gedicht beginnt mit "Angst vor …". Mehr als hundert Ängste hat Hürtgen in Reime gepackt. Einfach, zugänglich, nicht verschnörkelt. Direkt und immer auf eine Pointe abgezielt. Komische Lyrik eben. Die tägliche Portion Phobie. Heute schon Angst gehabt?

"Heute? Ja doch, ich bin heute mit dem Fahrrad ins Büro gefahren und Frankfurt ist eine sehr autofreundliche Stadt und da muss man eigentlich an jeder Ecke Angst um sein Leben haben."

Angst vor Außerirdischen, Angst vor Bindung, Angst vor Clowns, Einsamkeit, Frauen, Gewittern. Eigentlich gibt es kaum ein Thema, womit Moritz Hürtgen den Leser seiner Angst-Reime nicht zum Schmunzeln bringt. Banales trifft auf Heikles: Knöpfe und Zimmerpflanzen, Atomkrieg und Tod.

Moritz Hürtgen liest "Angst vor dem Praktikum"

"Die Angst vor dem Praktikum 
Ein junger Mensch, nicht dumm, zieht fort,
Will lernen von Idolen.
Die sagen ihm vor Ort sofort:
‚Geh Wirt und Pommes holen!‘

‚Was drauf?‘ — ‚Rot-weiß!‘ — ‚Oke, ich geh!‘
Recht häufig denkt er: ‚Scheiße!‘
Erst spült er ab, kocht dann Kaffee,
Jetzt schlendert er Beweise.

Nur selten wird er mal gefragt:
‚Wie würdest du’s probieren?‘
Sie nehmen sich, was er dann sagt,
Zum in die Haare schmieren."

"Ja, ich habe jetzt vor dieser Lyrik eben keine Angst. Also vor dieser, die ich selber schreibe. Ich finde, das ist eine freundliche Lyrik."

Ein bescheidener Lyriker, etwas kokett, mit sympathisch trockenem Witz. Die komische Lyrik von Moritz Hürtgen will gar nicht viel, sie ist aber doch einiges — vor allem unterhaltsam.

Moritz Hürtgen liest "Zum Geleit"

"Fürchtet Mörder und Ganoven,
Fürchtet Schlaue wie die Doofen.
Doch wer fürchtet, der vergisst,
Dass die Angst am schlimmsten frisst,
Wenn es Angst vor Lyrik ist."

Moritz Hürtgen: Angst vor Lyrik
Kunstmann, München 2019
120 Seiten, 16 Euro

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Lesart

Clemens Meyer: "Stäube"Die Faszination des Unterirdischen
Porträt von Clemens Meyer in einer dunklen Jacke.  (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)

In seinem Erzählband "Stäube" nimmt Clemens Meyer seine Leser mit unter Tage. Von der Erdoberfläche zu verschwinden, habe ihn als Metapher gereizt, erzählt Meyer. In drei Geschichten geht es buchstäblich und im übertragenen Sinne in den Untergrund.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur