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Weltzeit | Beitrag vom 04.05.2021

Morden und Hunger in MyanmarEs droht eine humanitäre Katastrophe

Holger Senzel im Gespräch mit Isabella Kolar

Diverse Füße von Demonstranten treten auf ein Plakat mit dem Konterfei General Min Aung Hlaing in der Nähe des Rathauses von Rangoon im Februar 2021. (imago / ZUMA Wire / Thuya Zaw)
Auch nach drei Monaten: Das Volk von Myanmar protestiert weiter gegen die Militärregierung. (imago / ZUMA Wire / Thuya Zaw)

Nach UN-Angaben machen es die Protestierenden in Myanmar den Militärs schwer, ihre Macht zu festigen. Doch die Hälfte der Menschen sei infolge des Militärputsches und der Coronapandemie von Armut bedroht. Auf die Straße gehen sie trotzdem.

Als "unglaublich bewundernswert" bezeichnet Holger Senzel, Korrespondent im ARD-Hörfunkstudio Südostasien in Singapur, die Menschen in Myanmar, die auch drei Monate nach dem Militärputsch auf die Straße gehen und den Waffen der Militärs trotzen.

"Im Zweifelsfall werden sie auch Panzer einsetzen"

Das Volk kämpfe nach wie vor mit viel Leidenschaft, sehr viel Wut und mit sehr viel Willen zur Demokratie gegen eine professionelle Armee mit modernen Waffen.

Die wiederum habe gezeigt, dass sie keinerlei Hemmungen habe, auf friedliche Demonstranten auch mit scharfen Waffen zu schießen. Und Menschen in Gefängnissen zu Tode zu foltern. Holger Senzel meint, dass die Militärs im Zweifelsfall auch schwere Waffen wie Panzer einsetzen werden.

Menschen protestieren gegen den Militärputsch in Mandalay im April 2021. (IMAGO / Penta Press)Die Menschen protestieren nicht nur - wie hier in Mandalay. Sie boykottierten auch Wirtschaftsunternehmen, sagt Holger Senzel. (IMAGO / Penta Press)

Die Leute müssen jeden Tag Angst haben, erschossen zu werden, stellt Senzel weiter fest. Weil eine "wildgewordene blutrünstige Soldateska" sich dort austobe und mit Sturmgewehren Schnellfeuer in Wohnungen hineinschieße. Dabei würden auch Kinder, Frauen und Alte getroffen.

"Es ist einfach grauenhaft, was da passiert. Und die Leute sagen trotzdem: 'Wir wollen lieber sterben als zurück in die Diktatur'."

UN-Bericht: Myanmar von Armut bedroht

Und zum Morden kommt der Hunger: Die Hälfte der Bevölkerung von Myanmar ist infolge des Militärputsches und der Coronapandemie nach UN-Angaben von Armut bedroht.

Für bis zu 25 Millionen Menschen besteht das Risiko, bis 2022 unter die Armutsgrenze zu rutschen. Das konstatiert ein am vergangenen Freitag veröffentlichter Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen.

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Dazu sagt der langjährige Beobachter der Region, dass Myanmar heute ohnehin das Armenhaus Südostasiens sei. Abgestiegen von der einstigen Kornkammer der Region durch die Diktatur der Militärs, die die Wirtschaft des Landes ruiniert hätten. Deshalb protestierten die Menschen auf den Straßen nicht nur und legten die Arbeit nieder, sondern sie boykottierten auch bewusst die Industrie des Landes, die Firmen, die Wirtschaft.

"Die Generäle sind schwerreiche Leute"

Denn die meisten Firmen, Unternehmen, Fabriken, die in Myanmar produzierten, gehörten indirekt oder direkt dem Militär.

Myanmars Oberbefehlshaber der Verteidigungsstreitkräfte Sen-General Min Aung Hlaing, bei einer Zeremonie für gefallene Nationalhelden, die 1947 ihr Leben für die Wiedererlangung der Unabhängigkeit des Landes geopfert haben. (imago / Xinhua / Ye Aung Thu)Reich und mächtig: Myanmars Oberbefehlshaber der Verteidigungsstreitkräfte Sen-General Min Aung Hlaing. (imago / Xinhua / Ye Aung Thu)

"Das Militär ist auch ein großes Wirtschaftsunternehmen. All diese Leute, diese Generäle, die da im Moment das Volk unterdrücken, das sind schwerreiche Leute, das sind Millionäre, die haben Jade, Mineralöl- oder Zigarettenhandel und vieles mehr. Die Demonstranten der Bewegung des zivilen Widerstands sagen, wir boykottieren all diese Unternehmen des Militärs."

Der Boykott des Wirtschaftslebens mache es aber auch für die Protestierenden selbst schwierig, sagt der Südostasien-Korrespondent.

Die Lage der Wirtschaft ist dramatisch

Unternehmen und Geschäfte seien geschlossen, die Preise für Lebensmittel würden unglaublich steigen. Die Lieferketten seien unterbrochen. Und: "Die Bankautomaten spucken kein Geld mehr aus." Die wirtschaftliche Situation werde von Tag zu Tag dramatischer.

Auf den Märkten könne man noch einkaufen, auf dem Land sei die Situation etwas besser. Es gebe eine "unglaubliche Solidarität" der Menschen untereinander, man unterstütze sich. Trotzdem müssten sich viele Menschen verschulden, um Essen zu kaufen.

Wenn nicht ganz schnell etwas geschehe, dann werden in ganz kurzer Zeit über 30 Millionen Burmesen in Myanmar über kurz oder lang von Hilfe abhängig sein, stellt die UNO fest. Eine "eine humanitäre Katastrophe" droht, sagt Holger Senzel.

Ein Mann mit Vollbart und dunklem Schirm steht vor einer Grünpflanze. (ARD-Studio Singapur)Holger Senzel, Korrespondent im ARD-Hörfunkstudio Singapur, berichtet über die Lage in Myanmar mit Hilfe von internationalen Nachrichtenagenturen sowie einer Mitarbeiterin vor Ort. (ARD-Studio Singapur)

Humanitäre Hilfe komme zum Beispiel von der ASEAN, einem Zusammenschluss von zehn südostasiatischen Staaten. ASEAN organisierte in der vergangenen Woche eine Notkonferenz, zu der auch der General Min Aung Hlaing, der neue starke Mann in Myanmar,  eingeladen war, was von vielen kritisiert wurde.

Für Senzel war das "freundliche Miteinander" eine "entmutigende Zusammenkunft", weil die Organisation gegenüber dem General keine deutlichen Worte gefunden habe.

Düstere Zukunft für Myanmar?

Die Vereinten Nationen, die USA und die EU  haben Sanktionen gegen die Militärregierung in Myanmar angekündigt. Doch auch damit verknüpft der Korrespondent keine großen Hoffnungen. Habe General Min Aung Hlaing, der Oberkommandierende der Armee, doch schon gesagt: "Wir sind es gewohnt, mit wenigen Freunden zu marschieren."

Holger Senzel will über die Zukunft Myanmars im Moment keine Prognose wagen. Zwar habe das Militär den Widerstandswillen des Volkes massiv unterschätzt. Aber vordergründig gehe er von einer düsteren Zukunft für das Land aus. Es sei nicht klar, ob die Demokratie dort noch kurzfristig eine Chance haben werde.

(ik)

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