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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.12.2012

Mord als Menschwerdung

Martin Laberenz inszeniert "Schuld und Sühne" nach Dostojewski in Leipzig

Von Stefan Keim

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Edgar Eckert, Manolo Bertling und Sebastian Grünewald in "Schuld und Sühne". (R.Arnold/Centraltheater)
Edgar Eckert, Manolo Bertling und Sebastian Grünewald in "Schuld und Sühne". (R.Arnold/Centraltheater)

Die Geschichte von Dostojewskis Raskolnikow, der zwei Menschen ermordet, um ins Leben zurückzufinden, ist heute genauso aktuell wie im 19. Jahrhundert. Martin Laberenz teilt die Figur auf drei Schauspieler auf, verzichtet aber - anders als bei seinen anderen Inszenierungen - auf Effekte wie Livevideos.

Drei Männer sitzen vor dem Publikum, nur Zentimeter von der ersten Reihe entfernt. Sie klauen sich gegenseitig Kartoffeln vom Teller und trinken aus einer Bierflasche. Einige Texte stammen aus dem zweiten Kapitel von Dostojewskis "Schuld und Sühne", der Begegnung des Studenten Raskolnikow mit dem Alkoholiker Marmeladow. Doch spätestens als die drei sich mit dem gleichen Namen vorstellen, wird klar: Sie sind alle Raskolnikow. Nach Frank Castorf, Andrea Breth und einigen anderen inszeniert nun auch Martin Laberenz eine Theaterfassung von Dostojewskis epochalem Roman "Schuld und Sühne".

Sonst verwendet der junge Regisseur oft eine ähnliche Formsprache wie René Pollesch. Doch diesmal gibt es keine Livevideos, nicht die Nahaufnahme einer Kamera, sondern körperliche Nähe zum Publikum. Nach der Pause sitzen die Zuschauer sogar eine halbe Stunde lang auf der Spielfläche. Außerdem agieren die Schauspieler nicht ganz überdreht. Da ja auf der Bühne Hysterie inzwischen in der Maßeinheit Pollesch gemessen wird, könnte man sagen: Über weite Strecken bewegt sich die Aufführung ungefähr bei 0,5 Pollesch. Außerdem nutzt Laberenz nicht nur Motive der Vorlage, um sein eigenes Ding zu stricken. Er bleibt bei der Handlung und erzählt über drei Stunden lang die Geschichte. Obwohl gelegentliche Lachsalven aus dem Publikum kommen - viele Theaterkollegen saßen in der Premiere -, ist die Aufführung ernsthafter als viele frühere Arbeiten.

Edgar Eckert, Birgit Unterweger, Manolo Bertling, Sebastian Grünewald, Linda Pöppel in "Schuld und Sühne" am Centraltheater Leipzig. (R.Arnold/Centraltheater)Edgar Eckert, Birgit Unterweger, Manolo Bertling, Sebastian Grünewald, Linda Pöppel in "Schuld und Sühne" am Centraltheater Leipzig. (R.Arnold/Centraltheater)Die Geschichte behandelt immer noch aktuelle Themenfelder. Die Aufführung konzentriert sich weniger auf die Armut, die in Russland Mitte des 19. Jahrhunderts eine andere war als die heutige Hartz-IV-Tristesse. Es geht im Kern um die Abwesenheit Gottes und jeder anderen moralischen Instanz. Raskolnikow hat keine Orientierungspunkte, die ihn überzeugen. Sein Mord an einer alten Pfandleiherin und ihrer zufällig anwesenden Schwester ist sein Versuch, einen Weg ins Leben zu finden. Er scheitert, stellt fest, dass die Tat erbärmlich war, dass er kein Übermensch, kein Napoleon, sondern nur eine Laus ist wie die anderen auch. Wenn die drei Raskolnikows (Manolo Bertling, Edgar Eckert und Sebastian Grünewald) miteinander ihre Beweggründe diskutieren, entsteht eine ähnlich dichte Debatte wie in Sebastian Hartmanns großartiger Inszenierung von Tolstois "Krieg und Frieden". Es ist kein Zufall, dass in Leipzig mit zwei der wichtigsten russischen Texte über die Gegenwart nachgedacht wird.

Laberenz gibt keine eindeutigen Hinweise, dass es hier auch um die Frage geht, warum sogenannte Amokläufer töten. Das kann sich das Publikum selbst denken. Die Zuschauer werden schon gefordert, denn in den Nebenhandlungen um Raskolnikows Schwester, ihren Liebhaber und die aufopferungsvolle Prostituierte Sonja den Überblick zu behalten, ist nicht leicht. Da verliert die Aufführung manchmal ihre Gedankenklarheit. Aber sie hat auch viele starke Momente. Nach der Pause spielt Birgit Unterweger im engen, eleganten Abendkleid die Staatsanwältin ins Zentrum der Aufmerksamkeit. (Im Original ist das ein Mann.) Sie weiß genau, dass Raskolnikow der Mörder ist, hat aber keine Beweise und durchdringt nicht gänzlich seine Beweggründe. Das macht sie rasend, zumal sie mit jedem der drei Raskolnikows dieselben Dialoge führen muss.

Am Anfang des Abends ist die Spielfläche mit Plastikplanen abgehangen. Manche Figuren erkennt man nur schemenhaft, wie in Platons Höhlengleichnis ist den Zuschauern der direkte Blick manchmal verwehrt. Das ist dann doch ein Verweis aufs Kino, denn viele Filmwissenschaftler sehen ja im Höhlengleichnis die Urdefinition des Films, die Projektion von Schatten. Inhaltlich steckt darin die Frage nach der Wirklichkeit. Auch das ist ein zentrales Problem Raskolnikows. Er will endlich echt sein, andere Menschen empfinden, ihnen körperlich begegnen. Und er weiß nicht, wie er das machen soll. Erst ganz am Schluss glimmt in ihm ein Funken der Erkenntnis, dass der Mord ein falscher Weg gewesen sein könnte.

Centraltheater Leipzig

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