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Sein und Streit | Beitrag vom 08.02.2015

Moral und SchuldDer Weltzustand der Verzweiflung

Von Arno Orzessek

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Walter Benjamin (dpa / picture alliance / Heinzelmann)
Walter Benjamin behauptete, dass moralische Schuld und monetäre Schulden miteinander verflochten sind. (dpa / picture alliance / Heinzelmann)

Moralische Schuld und Geld-Schulden sind seit jeher miteinander verschwistert, kommentiert Arno Orzessek, und unbeglichene Schulden würden als moralische Keulen gebraucht. Das Aufrechnen von Schuld und Schulden lasse sich auch auf das Verhältnis Deutschlands zu Griechenland übertragen.

"Schuld ist die höchste Kategorie der Weltgeschichte." Das hat der Philosoph Walter Benjamin behauptet und dem Begriff "Schuld" in seinem Fragment Kapitalismus als Religion "dämonische Zweideutigkeit" zugesprochen.Dabei muss man keine Dämonen an die Wand malen, um festzustellen: Moralische Schuld und Geld-Schulden sind seit jeher miteinander verschwistert.

Friedrich Nietzsche unterstellte sogar, dass "der moralische Hauptbegriff 'Schuld' seine Herkunft [überhaupt erst] aus dem sehr materiellen Begriff 'Schulden' genommen hat." Der Einwand, 'Schuld' und 'Schulden' seien nur im Deutschen so eng verwandt, während etwa das Englische klar zwischen 'guilt' und 'dept' unterscheidet, verfängt nicht.

Erst jüngst hat der Ethnologe David Graeber in dem Werk "Schulden". Die ersten 5000 Jahre gezeigt, dass materielle und moralische Schulden gemeinsam entstanden sind - und zwar mit dem Aufkommen des Kreditwesens noch vor dem Geld. Tatsächlich sind die ältesten bekannten Verträge - aus Mesopotamien und Ägypten - Kreditverträge. Sie bekunden erstmals den Glauben des Gläubigers, dass er seine Gabe zurückbekommt. Was er an Vertrauen vorschießt, belastet den Schuldner seither mit rechtlichen, aber auch moralischen Pflichten.

So entstehen Macht-Gefälle. Menschen geraten in Schuldknechtschaft, und unbeglichene Schulden werden als moralische Keulen gebraucht... Was sich gegenwärtig zwischen Deutschland und Griechenland zeigt. Deutschland nutzt den moralischen Überschuss, der aus den gewährten Krediten herrührt, um in Griechenland auf harte Reformen zu bestehen.

Es gibt keinen Schuldschein

Und einige Griechen kontern mittlerweile durch moralischen Gegendruck - indem sie Schadenersatz für die Verheerungen durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg fordern. Aufgerufen werden bis zu 500 Milliarden Euro. Und ist der Gedanke nicht stichhaltig? Wenn Geld-Schulden seit jeher moralische Verpflichtungen hervorbringen, warum sollte man moralische Schuld nicht umgekehrt in Geld ummünzen können? Im akuten Fall scheint die Sache klar: Es fehlt das verbindende Dritte zwischen Schuld und Schulden - ein eindeutiger Vertrag.

Deutschland hat nach dem Krieg kleinere Reparationen an Griechenland geleistet. Weitere Zahlungen wurden im Londoner Schuldenabkommen von 1953 auf den künftigen Friedensschluss verschoben - an dessen Stelle trat 1990 allerdings der Zwei-plus-Vier-Vertrag, der Reparationen ausschließt.

Moralisch völlig sauber war dieser Ablauf nicht. Wenn man so will, wurde Griechenland stillschweigend genötigt, Deutschland einen moralischen Schuld-Schnitt zu gewähren. Und man könnte sagen: Dieser Schuld-Schnitt hatte, in Mark und Pfennig gerechnet, die Höhe der nie bezahlten Schadenssumme. Insofern ist es verständlich, dass einige Griechen jetzt doch lieber das Geld hätten. Deutschland aber erwidert: Es existiert kein Schuldschein.

Das Aufrechnen von Schuld und Schulden geht also weiter. Und das entspricht dem Benjaminschen Blick auf den Kapitalismus als Religion. "Der Kapitalismus [schreibt er] ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus."  Laut Benjamin können wir die Option 'Erlösung' - die ultimative Entschuldung - komplett streichen. 

Der dunkle Denker sagte vielmehr "Aushalten bis ans Ende", "völlige Verschuldung" und schließlich den "Weltzustand der Verzweiflung" voraus. Kapitalismus sei nämlich niemals "Reform des Seins[,] sondern dessen Zertrümmerung." Gerade in Griechenland dürften das augenblicklich viele Menschen für eine plausible These halten.

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