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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.05.2017

Mopsa Sternheim und Gottfried BennWie die Sprachmacht eines Dichters zur Obsession führte

Lea Singer im Gespräch mit Fank Meyer

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Dr. Gottfried Benn in seinem Berliner Büro am 18.8.1953.  (imago / United Archives International)
Gottfried Benn im Jahre 1953 - er war die große Liebe im Leben von Mopsa Sternheim, der Tochter des Dramatikers Carl Sternheim (imago / United Archives International)

In ihrem Buch "Poesie der Hörigkeit" erzählt Lea Singer die Geschichte einer erotischen Obsession: Schon als Zwölfjährige war Mopsa Sternheim, Tochter des Dramatikers Carl Sternheim, der Sprachmacht Gottfried Benns verfallen – der Dichter blieb trotz mancher Kränkungen ihr Lebensthema.

Ein zwölfjähriges Mädchen verfällt einem erwachsenen Mann: Mopsa Sternheim, Tochter des Dramatikers Carl Sternheim. Das Objekt ihrer Zuneigung war damals ein Offizier, später einer der bedeutendsten Dichter im 20. Jahrhundert: Gottfried Benn.Die Autorin Lea Singer erzählt die Geschichte dieser erotischen Obsession für den 19 Jahre älteren Mann in ihrem Roman "Poesie der Hörigkeit". Als Sachbuch-Autorin schreibt sie unter den Namen Eva Gesine Baur.

Das Interesse für diese Liebesgeschichte habe bei Recherchen im Konzentrationslager Ravensbrück begonnen, erzählt Singer im Deutschlandfunk Kultur – dort habe sich auch eine Lebensspur von Mopsa Sternheim gefunden. Darüber hinaus habe sie die Lektüre der fünfbändigen Tagebücher von Thea Sternheim  dem Thema näher gebracht:   

"Die Mutter von Mopsa Sternheim, eine Millionenerbin, die dann aber wirklich in Armut endete. Und dann hatte ich eigentlich schon seit meiner Schulzeit eine große Faszination für die Gedichte Gottfried Benns."

Mopsa Sternheims Heirat änderte wenig an der Liebe zu Benn

Gottfried Benn sei keine kurze Affäre, sondern er das Lebensthema, der rote Faden in Mopsa Sternheim Leben gewesen, sagt die Autorin. Dass sie verheiratet war, habe wenig an dieser obsessiven Liebe geändert:  

"Sie selbst hat sich dazu bekannt, dass er, Gottfried Benn, die große Liebe ihres Lebens war. Und ich höre auf das, was meine Helden sagen. Denn auch wenn es ein belletristischer Ansatz ist, fühle ich mich meinen Figuren, meinen Gestalten verpflichtet und möchte deren Wahrheit zu meiner Wahrheit machen. Und Mopsa selbst hat bekannt: Benn war die entscheidende Erfahrung, die entscheidende Liebe, die entscheidende Leidenschaft ihres Lebens mit allen Katastrophen, die sie dadurch erleiden musste."

Sternheim war zuerst der "Sprachmacht" Benn verfallen

In dieser Beziehung gab es Zurückweisungen und Kränkungen   - doch das änderte nichts an dem Zustand der weiblichen Akteurin. Sie sei zuerst der "Sprachmacht" Benn verfallen, sagt Singer::

"Sie war mit zwölf Jahren, wie ihr Hauslehrer sagte, ein Mädchen mit der Intelligenz einer 50jährigen Frau, also ein ungeheuer präzise blickendes, analysierendes Kind. Und in ihrem Elternhaus gab es damals alles. Da gab es van Goghs und Renoirs an den Wänden. Da gab es jede Art von Verwöhnung und großbürgerlichem Luxus.  Aber eines gab es nicht, nämlich Geborgenheit und Kontinuität."

Kritische Beurteilung von Benns Haltung während der Nazi-Zeit

Dann kam es jedoch auch zu einem Bruch der Verehrung: Benns Verhalten während der Nazi-Zeit habe Mopsa Sternheim überaus kritisch beurteilt, meint Singer:

"Mopsa hat klarer als ihre Mutter und klarer als viele andere die Gründe für Bennes Verführbarkeit analysiert. Aber sie war eben imstande zu trennen zwischen ihren Empfindungen und der Qualität seiner Lyrik und seinem menschlichen Versagen in dieser Situation."

Lea Singer: Die Poesie der Hörigkeit
Hoffmann und Campe, Hamburg 2017
220 Seiten, 20 Euro

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