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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.09.2008

"Monster On Tour"

Die Erfinder des "Grüffelo" sind auf Lesereise in Deutschland

Axel Scheffler im Gespräch mit Joachim Scholl

Cover "Der Grüffelo" von Axel Scheffler und Julia Donaldson (Beltz Verlag)
Cover "Der Grüffelo" von Axel Scheffler und Julia Donaldson (Beltz Verlag)

Er gilt als erfolgreichster deutscher Illustrator. Gemeinsam mit der Autorin Julia Donaldson hat Axel Scheffler das Monster "Grüffelo" erfunden. Das Buch verkaufte sich über zwei Millionen Mal. Das Interessante an diesem Erfolg sei, dass die Geschichte, die auf verschiedenen Ebenen von Traum und Wirklichkeit spiele, für Kinder eigentlich nur schwer verständlich sei, sagt Scheffler.

Joachim Scholl: Eine winzige, niedliche Maus und ein ziemlich gräuliches, riesiges Fabeltier mit gefährlichen Klauen und Zähnen, das ist ein Duo, das in den letzten Jahren weltweit die Kinderherzen erobert hat. Über zwei Millionen Exemplare wurden von dem Buch "Der Grüffelo" verkauft, erdacht, geschrieben von der schottischen Julia Donaldson und ins Bild gesetzt und ausgemalt von dem deutschen Illustrator Axel Scheffler. Er lebt in London. Derzeit ist er mit Julia Donaldson auf Lesereise in Deutschland. Gelegenheit für uns, Axel Scheffler über seine Arbeit ein wenig auszufragen. Guten Tag, Herr Scheffler!

Axel Scheffler: Guten Tag!

Scholl: Mit dem "Grüffelo" haben Julia Donaldson und Sie eine Figur auf die Welt gebracht, die es, und das prognostizieren die Kinderbuchexperten, zu dem mythischen Rang einer Pippi Langstrumpf oder eines Räuber Hotzenplotz bringen wird. Was bedeutet eigentlich dieser Name?

Scheffler: The Gruffelo, im englischen Original, wurde eigentlich des Reimes willen, um Christian Morgenstern zu zitieren, erfunden. Denn ursprünglich ging es in der Geschichte um den Spaziergang der Maus, die aber einen Tiger traf. Und Tiger reimte sich irgendwie nicht mit dem, was Julia vorhatte. Und dann kam sie auf die Idee, dieses Monster Gruffelo zu nennen.

Scholl: Gruff, das ist im Englischen das Wort für schnauben?

Scheffler: Ja, und dann gibt es diese Vorstellung, dass es so ähnlich klingt wie Buffalo, sehr gefährlich.

Scholl: Und im Deutschen hat er dann noch zwei Ü-Pünktchen dann gekriegt, dass er Grüffelo ist.

Scheffler: Ja.

Scholl: Für alle Hörer, Herr Scheffler, die jetzt noch nichts über den Grüffelo und seine Kameradin wissen, was machen denn Maus und Monster so?

Scheffler: Die Maus spaziert im Wald umher und trifft verschiedene Tiere, die sie gerne fressen möchten. Und sie erfindet den Grüffelo, dieses Monster, um sich zu retten und ahnt nicht, dass sie diesem Monster dann später wirklich begegnet.

Scholl: Eine Traumfigur wird real dann?

Scheffler: Ja, und es ist eine komplizierte Geschichte über eine Notlüge, die dann funktioniert für die Maus, sie wird dann nicht gefressen.

Scholl: Dass Geschichte und Figur überhaupt existieren, verdankt sich Ihren Einfluss, Axel Scheffler. Denn die Autorin Julia Donaldson ist mit dem Grüffelo zunächst bei etlichen Verlagen abgeblitzt, bis dann eben das Monster zu sehen war. Wie haben Sie denn diese Gestalt eigentlich entwickelt?

Scheffler: Das ist nicht ganz richtig, dass sie abgeblitzt ist mit dem Text. Der lag einfach bei einem Verlag lange Zeit in der Schublade, ohne dass etwas damit gemacht wurde. Und Julia hatte dann irgendwann die Nase voll davon. Die Gründe sind irgendwie etwas im Dunklen jetzt. Und sie schickte den Text an mich und zeigte ihn meiner damaligen Freundin und meiner Verlegerin und die war sofort begeistert und hat gesagt, das Buch machen wir. Und so kam es dazu, dass ich dann den Auftrag bekam, das Buch zu illustrieren.

Scholl: Und wie kamen Sie auf diese Figur? Wie hat sie sich Ihnen im Kopfe gemalt?

Scheffler: Ich habe dann ein paar Skizzen gemacht und die ursprünglichen Skizzen, zum Beispiel den Grüffelo auch auf allen Vieren gezeichnet und auf den ursprünglichen Skizzen sah der Grüffelo noch etwas furchterregender aus, als er dann im Buch aussah. Das war die Lektorin, die dann etwas gebremst hat und hat gesagt, für kleine Kinder darf er nicht zu furchterregend aussehen. Und ich habe einfach an traditionelle Ideen, wie ein Monster aussieht, gedacht und zum Teil war im englischen Text das auch vorgegeben, die orange eyes und die knobbly knees und die schwarze Zunge, das ist alles im Text. Insofern hatte ich keine völlige Freiheit bei der Erfindung.

Scholl: Und die claws und the jaws, die Klauen und das Maul, nicht?

Scheffler: Die großen Kiefer, ja.

Scholl: Nun hat die Geschichte dieses Grüffelo durchaus auch seine Besonderheiten. Sie haben es vorhin schon gesagt. Es ist ganz schön komplex eigentlich. Es geht um Traum und Fiktion und Wirklichkeit und die Lüge, ganz verwickelt, anspruchsvoll. Ich meine, angesichts des Erfolges könnte man sagen, Kinder kapieren mehr, als man gemeinhin glaubt.

Scheffler: Ich glaube, das Interessante an dem Buch ist, dass viele Kinder das eigentlich überhaupt nicht kapieren, besonders wenn sie irgendwie zwei oder drei Jahre sind. Aber ich treffe immer wieder Eltern, die sagen, wir lesen dem Kind, das vielleicht zwei Jahre alt ist, die Geschichte vor und das Kind genießt die Geschichte und es gefällt dem Kind. Und die Bilder gefallen dem Kind. Aber die eigentliche Geschichte versteht es noch nicht. Aber ich finde es eigentlich auch sehr reizvoll, dass Kinder durch das ständige Lesen in die Geschichte hineinwachsen und dann vielleicht mit fünf oder sechs Jahren verstehen, was die Maus eigentlich im Schilde führt. Und das finde ich eigentlich sehr reizvoll an dem Buch.

Scholl: Dieses Prinzip haben Sie auch in anderen Büchern angewandt. Wie funktioniert eigentlich die Zusammenarbeit mit Julia Donaldson? Sie haben ja schon mehrere Bücher zusammen gemacht. Arbeiten Sie da gemeinsam im Sinne von, dass Sie beide zusammen sind oder schicken Sie einander die Arbeit zu?

Scheffler: Es gibt überhaupt keine direkte Zusammenarbeit. Das wird häufig erwartet und wir arbeiten so, dass Julia die Geschichten schreibt, sie an den Verlag schickt und der Verlag sie an mich schickt. Jetzt mittlerweile hat Julia schon die Vorstellung, dass ich Bücher illustriere und sie schreibt die Texte für mich.

Scholl: Sie sagen ja von sich selbst, habe ich in einem Interview über Sie gelesen, dass Sie eigentlich kein Geschichtenerfinder seien, sondern dass Sie eigentlich ja derjenige seien, der die Vorlage braucht und sie dann in Szene setzt.

Scheffler: Das stimmt, da stehe ich zu.

Scholl: Axel Scheffler, der erfolgreichste deutsche Illustrator im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Sie leben nun, Herr Scheffler, schon viele Jahre in England und dort genießen Kinderbücher und ihre Autoren einen weit höheren Respekt als in Deutschland, kann man wohl wirklich sagen. Woran liegt das eigentlich Ihrer Meinung nach?

Scheffler: Das werde ich jetzt immer häufiger gefragt. Und meiner Meinung nach ist es so, dass England einfach eine sehr, sehr starke Tradition des Kinderbuches hat. Von "Alice in Wonderland" über Edward Lear, Beatrix Potter bis hin zu J. K. Rowling. Es sind alles eigentlich Autoren, die eine große Rolle gespielt haben in der englischen Geschichte, vielleicht eine andere Wertschätzung des Kindes? Ich habe mir nie besonders viel Gedanken darüber gemacht. Aber jetzt muss ich das wahrscheinlich, wenn ich immer wieder gefragt werde.

Scholl: Ja, und Sie werden auch immer häufig besucht. So die ehrwürdigen deutschen Feuilletons von "Süddeutscher Zeitung" bis zur "FAZ", die preisen Sie, Axel Scheffler, als ausgemachten Künstler.

Scheffler: Seit Kurzem …

Scholl: Ja, der sich von selbst allerdings so nie sonderlich viel hermacht, so in schöner Bescheidenheit. Wie sehen Sie sich selbst?

Scheffler: Ja, was soll ich dazu sagen?

Scholl: Sie sind zurzeit auf Lesereise in Deutschland unter der Überschrift "Monster on Tour". Solch eine Lesung unterscheidet sich stark von der üblichen Dichterlesung, nicht so mit Tischchen und Wasserglas, sondern das ist eine Performance mit mehreren Mitwirkenden. Wie muss man sich einen solchen Abend oder eher einen Nachmittag, mit vielen kleinen Gästen, denn vorstellen?

Scheffler: Ja, ich stehe dabei mehr im Hintergrund. Ich zeichne in den Pausen. Das sind Malcolm und Julia Donaldson. Malcolm ist der Ehemann von Julia, die im Mittelpunkt dieser Show stehen. Und sie haben zu jedem Buch eine kleine Bühnenperformance, wo auch Kinder mit einbezogen werden. Dann sind wir noch begleitet von Ilona Schulz, einer deutschen Schauspielerin.

Scholl: Sie hat die Hörbuchfassung gesprochen?

Scheffler: Ja, genau. Und wir sind zu dritt oder zu viert auf der Bühne und spielen die verschiedenen Bücher vor. Es wird auch gesungen. Es gibt das Grüffelo-Lied und Malcolm spielt Gitarre. Ja, es ist mehr eine Performance als eine Lesung.

Scholl: Sie sagen, Sie stehen im Hintergrund. Was ist Ihre Rolle?

Scheffler: Ich muss zum Teil kleine Rollen übernehmen, zum Beispiel bin ich der Affenvater einmal und der Hund, in der Geschichte "Für Hund und Katze ist auch noch Platz". Ich werde gezwungen, kleine Rollen zu übernehmen. Aber eigentlich bin ich doch mehr der Zeichner und zeichne dann auf einer Flipchart für die Kinder den Grüffelo häufig oder andere.

Scholl: Wie oft haben Sie schon auf solchen Lesungen den Grüffelo in Hefte, Bücher oder Poesiealben zeichnen müssen?

Scheffler: Oh, Zigtausende Male, glaube ich. In England habe ich schon sehr lange Signierstunden gehabt, bis zu fünf Stunden. Insofern, ich habe ja Tausende, Zigtausende von Grüffelos und Mäusen schon gezeichnet.

Scholl: Und eine Frage wird wahrscheinlich permanent gestellt bei solchen Lesungen. Wann kommt nach zwei Grüffelo-Bänden denn ein dritter?

Scheffler: Ich glaube und hoffe eigentlich, dass es keine weiteren Geschichten über den Grüffelo gibt.

Scholl: Tatsächlich?

Scheffler: Ja, dass wir jetzt nicht irgendwie noch die Tante des Grüffelo und den Großvater des Grüffelo kennenlernen. Ich denke, dass es mit den zwei Geschichten, ist es jetzt gut. Er lebt ja weiter und es gibt immer neue Kinder, die ihn entdecken können.

Scholl: Die Geschichte ist ja wirklich auch sensationell erfolgreich, weltweit und sogar eine große amerikanische Filmfirma wollte das verfilmen und wahrscheinlich wären Sie superreich geworden für Ihre Verhältnisse, denke ich mal auch. Sie haben aber abgelehnt?

Scheffler: Wir haben gedacht, dass die Grüffelo-Geschichte eigentlich so bleiben soll, wie sie ist und der Plan für ein Feature-Film, da hätte man irgendwie eine andere Geschichte noch schreiben müssen, weil die Geschichte ist ja nicht lang genug, um einen abendfüllenden Film daraus zu machen. Ein Trickfilm ist in Arbeit, das wird aber ein halbstündiger Trickfilm fürs Fernsehen sein, der demnächst irgendwann auch sicher in Deutschland zu sehen sein wird.

Scholl: Das heißt, der große Weltruhm in dieser Form, den Sie ja eigentlich schon haben, aber natürlich auf der großen Kinoleinwand, das wäre natürlich noch mal wirklich ein Erfolg?

Scheffler: Ja, aber dazu wird es da nicht kommen. Und ich glaube, Julia und ich halten es auch nicht für nötig. Für uns steht das Buch im Mittelpunkt.

Scholl: Ein neues, anderes Werk von Ihnen und Julia Donaldson erscheint am 15. September, "Stockmann". Da ist ein Holzstock der Held.

Scheffler: Ja, das Buch wurde inspiriert von dem Stock, den das Grüffelo-Kind in dem Buch hat als kleine Puppe. Und Julia sah diesen Stock und wurde dadurch inspiriert u.a. aber auch dadurch, dass ihre eigenen Söhne früher mit Stöcken gespielt haben. Und so wurde dieser Stockmann jetzt zum Held einer neuen Geschichte.

Scholl: Und dieses Buch erscheint auf Deutsch wie gesagt am 15. September und zurzeit "Monster on Tour", Axel Scheffler, et alteri live in diesen Tagen, heute in Coburg übrigens, morgen dann in Leipzig und ebenfalls am Freitag und dann noch am Samstag in Grimma. Axel Scheffler, schöne Lesungen Ihnen! Alles Gute für Ihre Arbeit und besten Dank für dieses Gespräch!

Scheffler: Ich danke Ihnen!

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