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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.12.2015

Monika Grütters' Jahr 2015Die Mühen der Ebene

Von Christiane Habermalz

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Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU)  (picture alliance / dpa / Foto: Soeren Stache)
Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) am 15.07.2015 in Berlin während einer Pressekonferenz zum Kulturgutschutzgesetz. (picture alliance / dpa / Foto: Soeren Stache)

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) wird Kommunikationstalent nachgesagt, an einigen Problemen beißt sie sich jedoch die Zähne aus: So geht die Aufklärung der Herkunft der Gurlitt-Bilder nur schleppend voran und die Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" ist ein Scherbenhaufen.

Wenn das erste Amtsjahr von Monika Grütters als Kulturstaatsministerin ein Jahr der Fortüne war, dann war das zweite eines der Mühen der Ebene. Dabei hatte die CDU-Politikerin noch im Frühjahr einen großen Coup gelandet, als es ihr gelang, den illustren Direktor des British Museum, Neil Mac Gregor nach Berlin zu holen und zum "Gründungsintendanten" des Humboldt-Forums zu machen. Das Feuilleton jubelte. Doch mittlerweile hat sich Ernüchterung und Ungeduld breit gemacht. Die Lichtgestalt muss die Vorschusslorbeeren nun auch einlösen. Doch MacGregor, bislang noch anderweitig verpflichtet, macht sich rar. Mit-Intendant Hermann Parzinger machte schließlich Druck.

"Er hat zugesagt, dass er jeden Monat doch eine beträchtliche Zeit in Berlin sein wird, das ist ganz, ganz wichtig. Ich glaube es ist jetzt einfach notwendig, wir wollen loslegen, und ein Eröffnungstermin 2019 ist nicht mehr so fern." 

Zielstrebigkeit gepaart mit Charme

Grütters große Stärke ist ihr Kommunikationstalent: Zielstrebigkeit, gepaart mit Charme – nicht selten hat man das Gefühl, sie redet Freund und Feind in Grund und Boden. Mit Erfolg. Als der Gurlitt-Fund im November 2013 bekannt wurde, gelang es Grütters, Länder und Kommunen an einen Tisch zu bekommen und Provenienzforschung und zur nationalen Aufgabe zu machen.

In nur sieben Monaten wurde das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg gegründet – ein Kraftakt. Die von ihr ebenfalls eingesetzte "Task Force Schwabinger Kunstfund" droht jedoch, zur Blamage zu werden. Schnelle Aufklärung der Herkunft der Gurlitt-Bilder war ihr Ziel, doch nach nun zwei Jahren Arbeit ist das Ergebnis dürftig. Von fast 500 raubkunstverdächtigen Werken konnten erst fünf klar als solche identifiziert werden. Informationen wurden zurückgehalten – auch vor den Erben der Opfer und ihren Anwälten, klagte Markus Stötzel, der die Familie des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim vertritt.

"Mehrfach bin ich an die Task Force herangetreten mit der Bitte um Einsichtnahme in bestimmte Dokumentationen und Unterlagen. All das ist nicht möglich gewesen. Es gibt viele andere Anspruchsteller, von denen ich weiß, Auskunftssuchende, die sich an die Task Force gewandt haben – es reicht eben nicht, dann einfach ein Formschreiben rauszuschicken mit Hinweis auf die ungeklärte Rechtslage was die erbrechtliche Situation angeht, bis auf unbestimmte Zeit zu vertrösten."

Die Personalie Ingeborg Berggreen-Merkel als Leiterin der Task Force war wohl ein Fehler, auch die Besetzung mit internationalen Fachleuten, denen wissenschaftliche Genauigkeit vielfach vor Aufklärungsinteresse ging. Auch Grütters ist nicht zufrieden.

"Wir sind ein wenig enttäuscht, dass zahlenmäßig nicht mehr Wissen über die einzelnen Kunstwerke angesammelt werden konnte, werden dieses Projekt daher in der jetzigen Konstellation zum Januar 2016 hin beenden. Man hat mir einen Zwischenbericht zugesagt und Erkenntnisse über jedes der einzelnen 500 Werke, die sie da beobachtet haben."

500 Gurlitt-Bilder, die unter Raubkunstverdacht stehen

Ende nächsten Jahres will Grütters in der Bundeskunsthalle in Bonn die 500 Gurlitt-Bilder, die unter Raubkunstverdacht stehen, erstmals öffentlich zeigen. Davor allerdings muss noch entschieden werden, ob sie überhaupt dazu berechtigt ist. Anfang nächsten Jahres wird endgültig entschieden, ob Cornelius Gurlitt überhaupt testierfähig war, als er seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern vermachte. Die Familie Gurlitts bestreitet das. Zweite Baustelle: Kulturgutschutzgesetz.

Mit der ihr eigenen Energie hat sich Grütters an die – wichtige und richtige – Aufgabe gemacht, die Einfuhr von Kulturgut aus Raubgrabungen nach Deutschland zu verhindern, andererseits aber auch dem Staat eine bessere Handhabe zu verschaffen, um den Verkauf von national wertvollen deutschen Kulturgütern wie etwa den Humboldt-Tagebüchern zu erschweren. Der Kunsthandel ging auf die Barrikaden – die international agierende Branche fürchtet um eine Minderung ihrer Gewinnmöglichkeiten. "Niemand schade der Kultur derzeit mehr als die Kulturstaatsministerin", schrieb der Chef des Auktionshauses Villa Grisebach, Bernd Schultz. Solche Anwürfe gingen nicht spurlos an ihr vorbei.

"Ich habe immer leidenschaftlich für das Wesen dieser berühmten Kulturnation gestritten, das ist mir jetzt gelegentlich mal so in kleinen Bemerkungen vorgehalten worden, ich bleibe aber dabei, die Identität einer Nation erwächst nun mal aus ihrer Kultur und nicht aus ihren Autobahnen oder Kindergärten."

Im internationalen Kunsthandel wird viel Geld verdient – die kleine, aber einflussreiche Branche schürte nicht nur Panik bei den Sammlern, sondern mobilisierte auch einen immensen öffentlichen Druck. Es spricht für Grütters, dass sie bislang dennoch nicht einknickte, obwohl monatelang besorgte Kunstsammler bei ihr vorsprachen, die ankündigten, ihre Leihgaben aus Deutschland abziehen zu wollen, sollte das Gesetz kommen. Auch an anderer Stelle stießen Grütters‘ Charme und Kommunikationstalent an ihre Grenzen.

Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" ein Scherbenhaufen

An der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" biss sie sich förmlich die Zähne aus – offenbar hatte sie die Beharrlichkeit der rückwärtsgewandten Kräfte im Bund der Vertriebenen unterschätzt, die noch heute die Aufgabe erschweren, das Thema Vertreibung öffentlich aufzuarbeiten – dabei wäre es aktueller denn je. Zwei vergraulte Direktoren, ein halbes Dutzend zurückgetretene wissenschaftliche Berater, darunter einige namhafte Historiker aus Polen: Ein Scherbenhaufen. Soll das Projekt nicht vollends scheitern, kommt Grütters nicht umhin, den Einfluss des Bundes der Vertriebenen zurückzudrängen, deren Initiative das ganze Projekt ursprünglich war. Davor aber ist sie bisher zurückgeschreckt. Auch hier hat Deutschland einen Ruf zu verlieren. Die Mühen der Ebene haben Grütters eingeholt. Im nächsten Jahr werden kulturpolitische Klippen dazukommen.

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