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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.10.2016

Monika Grütters auf TheaterreiseKulturstaatsministerin würdigt politische Arbeit kleiner Theater

Von Susanne Burkhardt

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Kulturstaatsministerin Monika Grütters auf ihrer Theaterreise durch Ostdeutschland; hier in der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig, Studio Halle.   (Deutschlandradio Kultur / Susanne Burkhardt)
Kulturstaatsministerin Monika Grütters auf ihrer Theaterreise durch Ostdeutschland. (Deutschlandradio Kultur / Susanne Burkhardt)

Der Theaterpreis sollen an ostdeutsche Theater gehen, hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters auf ihrer Theaterreise angekündigt. Damit sollen Bühnen unterstützt werden, die sozialgesellschaftliche Positionen vertreten. Gerade kleine ostdeutsche Theater haben verstärkt mit populistischen Angriffen zu kämpfen.

Was für eine Spielfreude: Acht hochmotivierte und begabte Schauspiel-AbsolventInnen der Hochschule für Musik und Theater Leipzig zeigen bei ihrem Vorspiel in Halle, was sie gelernt haben. Im Publikum: Monika Grütters - sie hat auf dem Weg zu ihrem Sitzplatz viele Leute angesprochen und Gespräche geführt.

Später wird sie die Absolventen zu ihrer Zukunft und ihren Sorgen befragen. Marie Scharf - gerade noch als versoffene, pöbelnde Tschechow-"Irina" auf der Bühne - reißt gleich ein ganz großes Thema an.

"Das Ding ist ja die Frage: Wollen wir diesen Markt, der da entsteht. Also, ich find das nicht so geil."

"Dieser nicht so geile Markt" - das sind prekäre Arbeitsbedingungen für Schauspieler, die mehr als 60 Stunden in der Woche arbeiten für 1650 Euro brutto - mit Arbeitsverträgen, die nur ein oder zwei Jahre Sicherheit bieten. Ständiger Wechsel: Standard. Aber was tun, wenn jährlich 600 Absolventen staatlicher und privater Schauspielschulen auf diesen prekären Markt nachrücken - die niemals alle unterkommen können?

AbsolventInnenvorsprechen 2016 der Studierenden der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig (Deutschlandradio Kultur / Susanne Burkhardt)AbsolventInnenvorsprechen 2016 der Studierenden der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig (Deutschlandradio Kultur / Susanne Burkhardt)

Es gibt nicht immer Antworten auf dieser Reise. Aber manchmal reicht es eben schon, einfach mal zuzuhören.

"Eine Wertschätzung", so nennt das Monika Grütters gern - und diese Wertschätzung zollt sie auf dieser Reise vielen Theatermachern. Zum Beispiel Bernhard Stengele, Schauspieldirektor in Altenburg-Gera. Er weiß zu berichten, "dass sich die Situation so verschärft hat".

Pöbeleien und Angriffe von Rechten

Er holte internationale Gesichter in die Stadt, sorgte für Kulturaustausch - bis zum Sommer 2015.

"Es wird immer schwerer für mich Gäste aus dem Ausland zu holen, die ein bisschen anders aussehen. Weil: Sobald sie in einer anderen Sprache sprechen, werden die angegangen auf dem Markt, und gleichzeitig ist das Theater natürlich um diese bunte Vielfalt zu erleben wichtig und alle sagen: Bitte macht das weiter. Aber es wird natürlich immer schwerer."

Immer montags ruft Stengeles Theater jetzt zur Montagsdemo. Pech für Thügida, die auf den Sonntag ausweichen mussten.

Pöbeleien und Angriffe von Rechten kennt auch Steffen Mensching, Intendant eines Drei-Spartenhauses in Rudolstadt. Er erzählt auch, warum Kooperationen zwischen Häusern noch Jahrzehnte nach Spartenschließungen so schwer in die Gänge kommen:

"Fremde Ensemble haben es schwer, das ist bei uns die Erfahrung in Nordhausen - da ist immer die Kränkung da in den Städten, dass das eigene Ensemble abgewickelt wurden - deswegen geht man da nicht hin. Das ist ein langer Weg zu vertrauen dahin."

Dabei könnten Ensembles von solchen Kooperationen profitieren, zum Beispiel, weil dann Stücke weniger schnell vom Spielplan verschwinden. Neben der Kränkung gibt es aber einen weiteren Grund für die Skepsis gegenüber Kooperationen:

"Ein rigoroser Kahlschlag"

"In der Vergangenheit, in den 90er-Jahren gab es einen rigorosen Kahlschlag. Da sind Orchester abgewickelt worden, Sparten geschlossen worden, Häuser an den Rand der Arbeitsmöglichkeit gebracht worden."

So benennt Hasko Weber, Chef des Nationaltheaters Weimar die Gründe.

"Und deshalb wird dieses Festhalten immer im Vordergrund stehen, wenn Kooperation genannt wird, weil die Vermutung, dass das Abbau bedeutet sofort mit dranhängt."

Monika Grütters hört aufmerksam zu, wenn von Existenzkämpfen berichtet wird oder betont wird, warum es wichtig ist, lokale Themen aufzugreifen. Sie staunt, wenn sie hört, dass Zuschauer nicht heimkommen, weil wegen des Mindestlohnes Taxifahrer nach der Vorstellung nicht mehr fahren. Sie schreibt mit und fragt immer wieder interessiert nach:

"Trotzdem müssen wir jetzt wissen, was ist jetzt sinnvoll für Sie?"

Und sie lässt sich auch mal korrigieren - wie von Christian Holtzhauer, Leiter des auf der Kippe stehenden Kunstfest Weimar:

Monika Grütters: "Wenn man schon Weimar sagt, Rudolstadt hat es bestimmt schwerer, Sponsoren zu finden."

Christian Holtzhauer: "Sponsoren ist immer so ein Zauberwort. Gibt es hier nicht. Beträge, die man über das Sponsoring zusammenkriegt, sind überschaubar."

Helfen kann sie ohnehin nur bedingt: Projektfinanzierung durch den Bund funktioniert schließlich nur dann, wenn Land und Kommunen cofinanzieren - und das ist manchmal ein langwieriger Prozess - zu langwierig für manche Theater - aber da ist es wieder: "Wertschätzung" - Dieses Wort.

"Eine Aufwertung auch ein Achtungssignal: Achtung, der Bund nimmt die wahr, also dürft ihr selber auch nicht lahmen, als Finanziers auf Kommunen und Landesebene."

Theater als kleine "Widerstandsnester"

Mut machen will Monika Grütters, indem sie vorbeischaut. Sie ist begeistert von den kleinen "Widerstandsnestern" wie sie die Theater im Osten nennt, die sich gegen eine radikalisierende Gesellschaft zur Wehr setzen.

Und die Schauspielabsolventen hervorbringen, wie die Acht in Halle:

"Das ist eine Entwicklung die zu tun hat mit der Angst vor der Globalisierung: der erste Weg – abschotten – besinne mich auf Meins – kooperiere nicht. Wenn man denjenigen, politischen Rechten das Terrain überlässt für die lokalen Themen, dann schaffen die das, eher in den ländlichen als in den urbanen teilen die mehr gemischt sind."

Und genau deshalb wird die Kulturstaatsministerin die nächsten Theaterpreise, insgesamt eine Million Euro, in die Regionen geben,...

"in denen das Theater eine soziale und gesellschaftlich politische Funktion behauptet. Ich glaube, dass eine solche Rückmeldung auf die wackeren Kämpfer auch für Vielfalt und demokratische Prinzipien… Ich glaube, dass das jetzt ein gutes Angebot des Bundes wäre, als Antwort auch auf das, was wir erlebt haben hier gerade im Osten mit den kleinen Theatern."

Ein gutes Signal.
 

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