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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.04.2013

Mona Lisa im ungemachten Bett

Will Gompertz: "Was gibt's zu sehen?", DuMont Verlag, Köln 2013, 480 Seiten

Der britische Kunstjournalist Will Gompertz bei einem Interview in Madrid (picture alliance / dpa / Javier Lizon)
Der britische Kunstjournalist Will Gompertz bei einem Interview in Madrid (picture alliance / dpa / Javier Lizon)

Mit "Was gibt's zu sehen?" versucht Will Gompertz einem fachfremden Publikum 150 Jahre moderne Kunst zu erklären. In seinem mitreißend verfassten Buch setzt der britische Kunstjournalist auf das Leitmotiv der Innovation und bringt zur Auflockerung Anekdoten und auch plakative Vergleiche.

Fontäne und Ursprung – diese beiden Begriffe bilden den Auftakt zu Will Gompertz Kunstgeschichte der Moderne bis zur Gegenwart. Sie bezeichnen den Startschuss und die eruptive Kraft, die Duchamps "Fountain" von 1917 für die nachfolgende Kunst bedeutete. Im Parforceritt durchquert der Autor 150 Jahre künstlerischer Produktion. Er schafft dies in feuilletonistischer Sprache und ohne wissenschaftlichen Überbau.

"Psychologie für Dummies"," Buchführung für Dummies", "Zeichnen für Dummies", "Allgemeinbildung für Dummies". Das jüngst von DuMont in deutscher Übersetzung publizierte Buch "Was gibt's zu sehen? 150 Jahre moderne Kunst auf einen Blick" hätte auch in obengenannter Reihe eines landläufig weniger bekannten Verlags erscheinen können. Der entsprechend geänderte Titel wäre passender und unpassender zugleich. Denn "Moderne Kunst für Dummies" hätte das Anliegen des Autors zum Ausdruck gebracht, die rasante und komplexe Entwicklung der modernen Kunst, die er mit der Vorbereitung des Impressionismus beginnen lässt, einem fachfremden Publikum nachvollziehbar zu machen; einem Publikum, das der Überzeugung ist, von Kunst nichts zu verstehen.

Doch legt der britische Museumsexperte und Kunstjournalist die Begriffsstutzigkeit des Betrachters nicht diesem zu Last; genauso wenig wie übrigens den Künstlern. An keiner Stelle seines 450 Seiten starken, mitreißend geschriebenen Buches lässt der Autor einen Zweifel daran, welch großartige, zuweilen atemberaubende Innovationen die Künstler insbesondere im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert vollbrachten.

Auflockerung bringen Anekdoten, beispielweise von der Geburtsstunde des berühmten Freischwingers von Marcel Breuer, als der Blick des radelnden Designers auf den Fahrradlenker vor ihm fällt. Auch plakative Vergleiche gibt es, die vermutlich nicht jedes Lesers Zustimmung finden, aber zur gewünschten Griffigkeit beitragen. So landet Henri Rousseau in einem Topf mit Susan Boyle und Seurat erhält Apples Chefdesigner zur Seite gestellt, als Seelenverwandter in der Maxime "weniger ist mehr".

Wenn es Schuldige für die Ratlosigkeit gibt, die den Besucher von Museen und Galerien zuweilen befällt, dann findet sie Gompertz in der eigenen Zunft der Kunstvermittler. Dieses Manko versucht der langjährige Co-Direktor der Tate Britain, der mit einer Comedy Show zur zeitgenössischen Kunst bekannt wurde, allerdings mit einem recht traditionellen Vorgehen auszubügeln. Denn sein Anliegen, die moderne und zeitgenössische Kunst verständlich zu machen und von dem Verdacht zu befreien, sie sei Schwindel, Scharlatanerie und ein turmhohes Konstrukt aus Insider-Jokes, vollzieht er durch solide Geschichtsschreibung.

Er erzählt die Entwicklung der Kunst in den letzten 150 Jahren nicht nur als eine äußerst spannende, sondern vor allem als eine durch und durch schlüssige Entwicklung. "Meiner Ansicht nach ist der beste Ausgangspunkt für das Einschätzen und Genießen moderner und zeitgenössischer Kunst nicht der, zu entscheiden, ob sie was taugt oder nicht, sondern zu verstehen, wie sie sich vom Klassizismus eines Leonardo zum eingelegten Hai und zu ungemachten Betten von heute entwickelt hat." Während Gompertz also keine Qualitätsurteile begründen, sondern Entwicklungslinien aufzeigen will, beantwortet er die Qualitätsfrage implizit und in altbekannter Manier: Qualität ist Neuerung, Fortschritt, Innovation.

Dies mag ein Grund sein, warum Gompertz' zielsichere Dynamik in den 1970er-Jahren unter dem Label "Postmoderne" erst ins Straucheln und im nächsten und letzten Kapitel zur "Kunst heute" ins Schleudern gerät. "Zu gegebener Zeit wird jemand mit einem offiziellen Namen daherkommen und damit hat es sich", so schließt der Autor in ironisch-unterwürfiger Manier aus den Erfahrungen der Vergangenheit. Doch der Eklektizismus, den er als Kennung der Postmoderne herausstreicht und den er nach deren Ende unbekümmert fortgesetzt sieht, könnte die Fortschreibung einer schlüssig-geradlinigen Kunstgeschichte auch in 50 Jahren wenn nicht unmöglich, so doch nicht sinnvoll machen.

Besprochen von Dorothée Brill

Will Gompertz: Was gibt's zu sehen? 150 Jahre moderne Kunst auf einen Blick
Aus dem Englischen von Sofia Blind
DuMont Verlag, Köln 2013
480 Seiten, Hardcover, 24,00 Euro

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