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Buchkritik | Beitrag vom 07.08.2019

Möbius und Försch: "7 Wege aus der Einsamkeit"Der Teufelskreis des Alleinseins

Von Frank Kaspar

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Einsamkeit ist ein sehr schambesetzes Gefühl. (Dumont Verlag)
Einsamkeit ist ein sehr schambesetzes Gefühl. (Dumont Verlag)

Walter Möbius und Christian Försch zeigen in "7 Wege aus der Einsamkeit", wie Menschen durch Leistungsdruck und Scham ins Abseits geraten. Ihr Plädoyer für mehr Miteinander ist anschaulich und persönlich, aber ihre Rezepte bleiben pauschal.

Ein Manager, dem seine Aufgaben über den Kopf wachsen; eine Referendarin, die an einer unglücklichen Liebe verzweifelt; zwei Eheleute, die sich verlieren und die Flucht in den Alkohol voreinander verheimlichen – sie alle merken zu spät, dass sie aus allen Bindungen herausfallen, und stehen schließlich allein da. Einsamkeit könne jeden treffen, schreiben der Arzt Walter Möbius und der Sachbuchautor Christian Försch. Schuld daran sei nicht zuletzt ein Leitgedanke der heutigen Lebensweise, den Margaret Thatcher auf die Formel brachte: "Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen."

"Die Leistungs- und Kommunikationsgesellschaft hat einen modernen Helden kreiert", so die Autoren, "stark, produktiv, optimistisch, flexibel, mobil und unabhängig. Der Prototyp des Einzelkämpfers." Doch dieses Ideal sei eine gefährliche Illusion: "Wir sind soziale Wesen, die Lebenssinn und Glück aus der Resonanz durch andere beziehen."

Möbius und Försch plädieren deshalb für eine "Beziehungsgesellschaft". In der Arbeitswelt von heute wachse jedoch der Druck auf den Einzelnen. Die Folge: Dauerstress und Burn-out. Hinzu komme eine fatale Sogwirkung, denn Stress schütte belebende Hormone wie Adrenalin und Endorphine aus und entlaste zugleich von Zweifeln, Ängsten und persönlicher Verantwortung.

Freunde erhöhen den sozialen Status

Mit ihrem Buch möchten die Autoren den Blick dafür schärfen, wann jemand droht, in Isolation abzurutschen. Einsamkeit werde von Betroffenen oft versteckt, nicht zuletzt, weil das "gute Netzwerk" zu einem Aushängeschild geworden sei: Wer viele Freunde vorweisen könne, erhöhe den eigenen sozialen Status, wer allein sei, werde gemieden und ziehe sich aus Scham noch weiter zurück – ein Teufelskreis.

Zahlreiche Fallgeschichten und persönliche Erlebnisse zeigen, dass Einsamkeit nicht nur gesellschaftliche Randgruppen betrifft, sondern alle Schichten und Generationen. Wissenschaftliche Erkenntnisse, die die Beobachtungen der Autoren stützen, führen die beiden jedoch nur wenige an. Umso gewagter erscheint zum Beispiel ihr Versuch, zwischen ökonomischem Druck, dem Zerfall traditioneller Familienstrukturen, und der Selbstmordrate in einzelnen Staaten einen Zusammenhang herzustellen. Dass "die westlichen Länder noch nie reicher und gleichzeitig seelisch zerrütteter waren" als heute, bleibt ihre Spekulation.

Auch die Ratschläge, mit denen sie jeweils am Kapitelende "7 Wege aus der Einsamkeit" weisen, fallen eher knapp und pauschal aus. Empfehlungen wie: öfter raus in die Natur zu gehen, das Gespräch mit Gleichgesinnten zu suchen und die sozialen Muskeln zu trainieren, in allen Ehren. Stärker bleiben nach der Lektüre da die dramatisch geschilderten Abstürze ins gesellschaftliche Aus in Erinnerung. Immerhin bringen Walter Möbius und Christian Försch ein weithin tabuisiertes Problem damit auf engagierte Weise wieder ins Gespräch.

Walter Möbius und Christian Försch: "7 Wege aus der Einsamkeit und zu einem neuen Miteinander"
DuMont, Köln 2019
206 Seiten, 20 Euro

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