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Tonart | Beitrag vom 04.12.2018

Modulare Synthesizer Ist das noch Physik oder schon Musik?

Von Luise Vörkel

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Modularer Synthesizer  (imago/Dirk Sattler)
"Es ist faszinierend, wie die Klänge entstehen – durch das Ändern der Spannung, der Frequenz oder Wellenform." (imago/Dirk Sattler)

Modulare Synthesizer erleben ein Revival. Nicht nur in der elektronischen Musik, auch im Pop kommen die Geräte zum Einsatz. Was die Faszination ausmacht und warum Physik-Kenntnisse beim Spielen hilfreich sind, kann man im „Common Ground“ erfahren.

Ein helles Ladengeschäft in einem Altbau in Berlin-Neukölln – der Common Ground. Wouter Jaspers erklärt mir ein Gerät, das auf den ersten Blick mehr Ähnlichkeit mit dem Inneren eines Stromkastens hat, als mit einem Musikinstrument: "Jedes Mal, wenn das hier getriggert wird, wird auch die Radio getriggert." Heraus kommt aber Musik – dank Kabeln, die Jaspers kreuz und quer von einer Buchse in die andere steckt. "Und dann hier gibt es ein Frequency-Shifter."

Wouter Jaspers dreht an der Frequenz und der Ton ändert sich. Das Signal kommt von einem Radioempfänger. Er ist eins von vielen Modulen, die Jaspers verkabelt. Daher der Name modularer Synthesizer.

"Common Ground ist ein Laden hier in Berlin-Neukölln, wo wir Leute einladen, Sachen zu lernen. Meistens über Elektronik, aber auch über Musik, das Machen von elektronischer Musik."

Kein Display, dafür viele Kabel und Regler

Nicht nur in der elektronischen Musik, auch im Pop sind modulare Synthesizer, mal wieder, angekommen. Nach einem Revival Mitte der Neunziger – damals macht die Firma Doepfer mit ihrem Eurorack-System die Instrumente erschwinglich – tauchen sie wieder auf vielen Alben auf. "Molecules" von Sophie Hunger ist eins davon.

Mit einem modularen Synthesizer lassen sich alle möglichen Klänge erschaffen, und keiner doppelt sich: Individuelle Sounds statt Komponieren mit Voreinstellungen. Deswegen arbeiten Musikerinnen und Musiker aus verschiedenen Genres damit: Sophie Hunger, aber auch Daft Punk und die US-Band Dirty Projectors.

Im Unterschied zur Musikproduktion am Computer ist das Komponieren mit modularen Synthesizern offener für Zufälle, und: Es ist haptisch. Auch ein Grund für das Comeback des Instruments: Statt auf ein Display zu starren, wird mit Kabeln hantiert, an Reglern werden Filter und Effekte eingestellt. Das klingt komplex, die Instrumente eignen sich aber gut für Anfängerinnen und Anfänger, findet Evelyn Saylor.

"Ich finde, modulare Synthesizer sind sehr gut zu Beginner. Weil das ist sehr offensichtlich, was dort passiert mit dem Signal und der Klangbearbeitung. Also, du weißt genau, wo geht der Klang hin und wo kommt es her, sonst kommt der Klang gar nicht raus."

An einem Montagabend haben sich im Common Ground eine Handvoll Leute versammelt, um zu lernen, was hinter Synthesizern steckt. Wie entstehen synthetische Klänge und was passiert eigentlich, wenn ich an diesem Knopf drehe – das erklärt Evelyn Saylor. Es ist ein bisschen wie im Physikunterricht: Saylor malt eine Sinuskurve an die Tafel. Dann zeigt sie an einem Synthesizer, was es heißt, diese Kurve zu verändern.

Klänge ohne Grenzen

Ein Yamaha DX-7, ein Roland Gaia – bestimmt 20 verschiedene Synthesizer stehen im Raum. Die meisten davon haben eine Klaviatur. Die ersten Synthesizer aus den Sechzigerjahren kamen jedoch ohne Tasten aus. Das fasziniert auch Shazad Madon. Der Filmstudent aus Berlin kam bei einem Dreh mit einem modularen Synthesizer in Berührung. Nun möchte er herausfinden, wie das Instrument funktioniert – um später Filme damit zu vertonen.

"Eine Sache, die mich begeistert, ist, dass man so viele neue Klänge damit erzeugen kann. Dir sind dabei überhaupt keine Grenzen gesetzt. Es ist faszinierend, wie die Klänge entstehen – durch das Ändern der Spannung, der Frequenz oder Wellenform."

Da tauchen sie wieder auf – die Begriffe aus dem Physik-Unterricht. Theorie und Praxis liegen im Common Ground aber eng beieinander. Wer nicht erst die Grundlagen büffeln will, kann hier auch verschiedene Synthesizer ausprobieren. Dass modulare Synthesizer wieder häufiger im Pop auftauchen, hat auch damit zu tun, dass das Angebot ständig wächst. Das freut Wouter Jaspers.

"Jedes Jahr sehen wir viel mehr Leute, die modulare Synthesizer benutzen. Wenn du Synthies liebst, jetzt ist die beste Zeit. Da war noch nie so viel für Leute zu benutzen." 

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