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Religionen / Archiv | Beitrag vom 21.07.2012

Modernisieren mit unkonventionellen Methoden

Wie der Schweizer Kapuzinerorden um Nachwuchs wirbt

Von Dorothea Brummerloh

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Moderner Kapuzinermönch - hier in einem Kloster im südhessischen Dieburg. (picture alliance / dpa / Sascha Rheker)
Moderner Kapuzinermönch - hier in einem Kloster im südhessischen Dieburg. (picture alliance / dpa / Sascha Rheker)

Wie viele Orden haben auch die Kapuzinermönche in der Schweiz Nachwuchssorgen. Nun öffnen sie sich für die steigende Nachfrage nach spirituellem Mit-Leben. Außenstehende können zum Beispiel "klosternah Wohnen", um den Alltag der Mönche zu teilen. Wer will, kann auch bleiben. Es ist eins von vielen Rezepten, wie die Kapuzinerklöster Rapperswil, Luzern und Brig mit dem Problem der Überalterung umgehen.

Gerade haben die Kapuzinermönche im Schweizer Kloster Brig die Sext, das Mittagsgebet, beendet. Das Chorgestühl knarrt als sich die Männer erheben und die Kapelle verlassen: Fast 80-Jährige, einige mit Gehstock, viele um die 60, ein paar Mittvierziger und zwei jüngere. Nur wenige entscheiden sich heute für das Leben als Kapuziner, erklärt Bruder Damian, der seit 25 Jahren dem Orden angehört:

"Das hat sicher mit der gesellschaftlichen Entwicklung überhaupt zu tun. Früher war der Normalfall ... eine Familie bestand aus Eltern und vier bis fünf Kindern und eines davon ging dann vielleicht auch in eine Ordensgemeinschaft. Heute bei einer Familie mit durchschnittlich 1,5 Kindern - da hätten auch die Eltern nicht groß Freude, wenn das eine Kind auch noch ins Kloster ginge."

Der Kapuzinerorden, einer der drei Hauptorden des Franziskanerordens, wurde um 1525 gegründet, existiert also fast 500 Jahre. Noch immer sind die Kapuziner für die Armen und Randgruppen der Gesellschaft da - ganz im Sinne von Franz von Assisi, nach dessen Regeln sie leben. Ein Leben in Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit - das ist auch heute noch so. Mönche, die auch im Alltag zu jeder Zeit eine kastanienbraune Kutte mit spitzer Kapuze und weißem Strickgürtel tragen, sieht man kaum noch. Bei der Beichte vielleicht oder zu hohen kirchlichen Feiertagen. Der Orden geht mit der Zeit, nicht nur äußerlich.

Bruder Damian: "Der Kapuzinerorden ist ein Weltorden, wir sind an keinen Ort gebunden. Wir können überall unsere Zelte abbrechen. Und auch was die Aufgaben angeht - die Kapuziner versuchen immer wieder, in der aktuellen Zeit auch neue Aufgaben zu übernehmen. Und das fordert sehr viel Kreativität, auch sehr viel Eigeninitiative."

Im Herbst 2010 konnte man im Stellenanzeiger einer großen Schweizer Zeitung lesen:

"Wir suchen nach Vereinbarung einen oder mehrere Mechaniker, Gärtner, Banker, Juristen, Kommunikationsspezialisten als Kapuzinerbruder. Wenn Sie ein lediger Mann sind, idealerweise zwischen 22 und 35 Jahre alt, wenn Sie eine entsprechende Ausbildung haben, römisch-katholisch getauft, gemeinschaftsfähig und Sensibilität für Religionen besitzen sowie lebenstüchtig und suchend sind, sollten Sie Kontakt mit uns aufnehmen. Wir bieten Ihnen keine Bezahlung, sondern Spiritualität und Gebet, eine egalitäre Lebensform, Freiheit von persönlichem materiellem Reichtum und von dem üblichen Zweierbeziehungsmodell."

Bruder Damian: "Gemeldet haben sich vielleicht 70, 80 - die interessiert waren. Am Schluss waren es vielleicht acht, neun mit denen wir in Kontakt waren oder sind."

Bisher sind zwei davon in den Orden aufgenommen wurden. Dass man mit solchen Aktionen die Zahl aus den 60-ern des letzten Jahrhunderts nicht mehr erreichen wird, ist den Kapuzinern klar. Fast 800 Kapuziner lebten damals in der Schweiz, heute sind es 200 mit einem Altersdurchschnitt von 75 Jahren. Die Ordensleitung schätzt die zukünftige Zahl auf 50 - 70. Und so kämpfen die Kapuziner genau wie andere Ordensgemeinschaften mit der Überalterung – mit all ihren Problemen.

Schon am Gesang kann man hören, dass hier im Kloster Luzern viele ältere Brüder leben: Bruder Adrian, der Guardian, bemüht sich mit weit ausladenden, antreibenden Handbewegungen, dass das Tempo nicht noch mehr abreißt.

Bruder Adrian: "Wir haben 3 Klöster, die werden Altersklöster benannt. Wil - die haben sehr leichte Pflegefälle. Luzern kann etwas schwierigere Fälle nehmen. Wir haben hier durch den Tag immer eine Pflegefachfrau im Haus und in der Nacht ist immer eine der Brüder, der Nachtwache macht. Und für Brüder, die wirklich Vollpflege brauchen, da hat man im Kloster Schwyz 12 Pflegebetten."

Das Kloster Luzern bot in seinen besten Zeiten 90 Brüdern Platz. Die vielen Zimmer braucht man heute nicht mehr. Ein Teil wurde zur klösterlichen Krankenstation: mit Pflegebetten, Haltegriffen auf Toiletten und einem Lift im Bad. Auf dem Gang stehen Rollstuhl oder Rollator. In der Luft schwebt ein Duft aus Kampfer, Menthol und Urin. Den Pflegealltag erledigen Ordensschwestern mit ihren zivilen Helferinnen.

Bruder Adrian: "Also wir haben hier im Haus einen dementen Bruder – um zwei, drei Uhr geht er häufig schon zelebrieren. Und einmal in der Nacht, als er um 3 Uhr aufgestanden ist und da war es ganz ruhig im Haus, da hatte er plötzlich den Eindruck, die sind alle ausgezogen und dann hat er das Telefon genommen und hat ins Kloster Will angerufen. Hier seien alle weg und was solle er jetzt machen?"

Mit Gottes Hilfe und technischen Hilfsmitteln werden sie es schon schaffen, sagt Bruder Adrian, der sich ein Schmunzeln nicht verkneifen kann, und präsentiert ein Mikrofon. Das ist mit den Hörgeräten der Brüder verbunden, erklärt der Guardian, damit diese seinen Worten besser folgen können. Auch das Gebet hat er an die älteren Brüder angepasst.

"Wenn man ein Buch hat und es immer nur vorwärts geht, dann geht es. Wenn aber mehrere Bücher wären, dann kommen sie plötzlich nicht mehr mit."

Aber das sei halb so schlimm und verzeihlich, sagt der Klostervorsteher, der oft erstaunt ist, wie viel auch die älteren Brüder noch zur Gemeinschaft beisteuern.

"Und bei uns schaffen die Brüder bis sie umfallen. Und ich will es mal etwas salopp sagen: Sagen wir mal ein Bruder kostet 18.000 und wenn jemand so 70000 verdient, dann sind das schon mal vier damit bezahlt. Ich schicke jeden Tag vier Brüder in einen Gottesdienst und am Wochenende so zehn bis 15."

Aus der Lehrtätigkeit oder Krankenhausseelsorge haben sich die Kapuziner zurückgezogen. Denn die Bedürfnisse der Menschen, an denen sich die Ordensmänner orientieren, haben sich in den letzten Jahren drastisch verändert.

"Ich denke, eine der Aufgaben heute ist, dass wir beispielsweise für Sinnsuchende eine Insel bieten können und das Mitleben ist etwas, was gesucht wird."

Im Kloster Luzern entstehen in einem leer stehenden Seitengebäude Wohnstudios. Beim "klosternahen Wohnen" nimmt der Sinnsuchende am spirituellen Leben der Kapuziner teil und gibt etwas der Ordensgemeinschaft zurück. Über das "wie" und "was" wird noch beraten.

Direkt am Zürichsee liegt das Kloster Rapperswil. Jeder Ankömmling wird auf das Herzlichste von Bruder Fridolin im Habit, der Ordenstracht der Kapuziner, begrüßt. An der Pforte erwartete man einen Bilderbuch-Kapuziner und dem wird entsprochen. Knapp 300 Gäste kommen jährlich ins "Kloster zum Mitleben", eine Antwort auf die steigende Nachfrage nach spirituellem Leben.

"Das Besondere ist, dass die Gäste nicht einfach in einem Gästehaus wohnen, sondern ihr Zimmer ist neben dem eines Bruders. Die essen mit ihnen gemischt am Tisch und sogar das Gebet wurde so umgestaltet, dass es für Leute, die eben keine Theologiestudien gemacht haben, auch die Sprache zugänglich ist für sie."

Möchte man länger teilnehmen, kann man das als "Bruder auf Zeit" - eine Besonderheit der Kapuziner. Damit wird Männern, die an einem Leben in einer klösterlichen Gemeinschaft interessiert sind, aber vor der Verpflichtung auf Lebenszeit zurückschrecken, die Möglichkeit gegeben, Ordensleben zu erfahren. Bruder Fridolin, der freundliche "Bruder Pförtner", ist ein solcher "Kapuziner auf Zeit".

Der 51-Jährige hat bisher als Planer in der Stadt Luzern gearbeitet, bevor er sich für drei Jahre als Kapuziner verpflichtete: Fridolin nimmt am Gebet, der Meditation und Gottesdiensten teil. Gleichzeitig verzichtet er auf den Gebrauch seines Vermögens. Alles, was er erwirbt, fließt in die Gemeinschaftskasse ein.

Bruder Fridolin: "Ich spüre auch in der schwierigen personellen Situation eine Aufbruchstimmung, eine Bereitschaft zur Veränderung, eine Bereitschaft, um Ordensleben anders zu definieren, und da möchte ich gern auch mitmachen."

Als Mittel gegen die Nachwuchsschwierigkeiten setzt der Kapuzinerorden auf Modernisierung und Umgestaltung seiner Klöster, will sie so fit, attraktiv und finanziell unabhängig für die Zukunft zu machen. Im Klosterladen werden Merchandise-Artikel wie Cappuccino-Tassen und kastanienbraune Kapuzenpullis verkauft. Es gibt eine florierenden Fan-Artikel-Versand. Kapuziner 2.0?

Bruder Fridolin: "Bei diesen Neuausrichtungen finde ich es sehr wesentlich, dass wir die positiven Traditionen, die wir haben, die müssen wir weiter pflegen, die müssen wir auch intensivieren. Zu erhalten gibt es oder sogar noch mehr zu akzentuieren in der Gesellschaft die franziskanische Spiritualität, die sehr viel Rücksicht nimmt auf das Gegenüber, die auch die Elemente der Natur mit einbezieht."

Bruder Adrian: "Ich würde schon sagen, die Kirche wirkt abschreckend. Das Zweite - eben sich verpflichtend in eine Gemeinschaft zu geben ist auch eher abschreckend. Ich denke, die Sexualmoral beispielsweise, die die Kirche vertritt, die ist nicht wirklich akzeptabel. Auch die Stellung der Frau ist schlichtweg Sünde. Es gibt Sachen, die können wir verändern. Gewisse Sachen – das ist halt in der Struktur der Kirche. Das müsste die Kirche verändern."

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