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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.08.2014

Moderner Sklavenhandel"Das ist eine Krake"

Publizist fordert stärkere Bekämpfung des Milliardengeschäfts mit der Ware Mensch

Michael Jürgs im Gespräch mit André Hatting

Die Silhouetten von Figuren auf einer Hand.  (dpa / Jan-Philipp Strobel)
Menschenhandel ist weltweit ein lukratives Geschäft. (dpa / Jan-Philipp Strobel)

Am Geschäft mit Zwangsprostituierten, Arbeitssklaven und beim Organhandel verdienen Kriminelle jährlich Milliarden. Der Publizist Michael Jürgs fordert, im Verdachtsfall Vermögen der Menschenhändler zu beschlagnahmen.

André Hatting: Jedes Jahr am 23. August erinnern die Vereinten Nationen mit dem internationalen Sklaventag an den Aufstand in Santo Domingo 1791. Er führte zur Gründung des ersten unabhängigen Staates in Lateinamerika durch ehemalige Leibeigene. Sklavenarbeit, das ist Geschichte in Amerika, und in Europa erst recht – sollte man meinen. Stimmt aber nicht. Sie ist leider brandaktuell. Der Journalist und Autor Michael Jürgs hat dazu recherchiert. Das Ergebnis seiner Nachforschungen ist das Buch „Sklavenmarkt Europa: Das Milliardengeschäft mit der Ware Mensch", erschienen in diesem Frühjahr. Guten Morgen, Herr Jürgs!

Michael Jürgs: Guten Morgen, Herr Hatting!

Hatting: Ausbeutung von Arbeitskräften – da fällt mir zuerst Textilarbeit in Bangladesch oder in China ein oder jetzt im Zusammenhang mit der geplanten Fußball-WM auch Katar. Wie sind Sie darauf gekommen, in Europa zu recherchieren?

Jürgs: Ich hatte irgendwann mal das Gefühl, die Geschichte, die Meldungen, die ich so gelesen habe, immer wieder gelesen habe, das kann nicht alles gewesen sein, und begann, zu recherchieren. Und siehe da: Nicht nur die fleischverarbeitende Industrie, nicht nur die Landwirtschaft, nicht nur die Schwarzarbeit auf dem Bau – Schwarzarbeit klingt so nett, als ob jemand keine Steuern bezahlt – ist ein riesiges dunkles Feld organisierter Kriminalität, indem Sie Arbeitskräfte in Osteuropa oder in China oder in Indien natürlich dann über die dunklen Wege nach Europa schaffen, anwerben, denen Stundenlöhne von zwei bis drei Euro bezahlen, sie über Mittelsmänner an Firmen vermieten oder verleihen. Es gibt in Duisburg, in Dortmund, in Gelsenkirchen einen sogenannten Arbeitsstrich, also nicht den Prostitutionsstrich, sondern den Arbeitsstrich, wo morgens die Firmen hinfahren mit ihren Autos und sich Männer einsammeln, die beschissen bezahlen, entschuldigen Sie das Wort, aber es ist so, die untergebracht werden unter abenteuerlichen Umständen. Und ab und zu kriegen wir etwas mit, wenn – wie vor einem halben Jahr – in der Nähe von Papenburg, wo die großen Kreuzfahrtschiffe der reichen Leute gebaut werden, in einem Haus, wo sonst eine Familie wohnt, 38 Rumänen leben müssen, die dort arbeiten, und dabei drei verbrennen bei einem Brand.

Hatting: Das sind dann immer so die Sachen, die dann in den Medien stehen, ...

Jürgs: ... und fast vergessen werden.

Hatting: ... und dann wieder vergessen werden, auch den Arbeiterstrich, den Sie angesprochen haben. Was vielleicht nicht so bekannt ist und was Sie in Ihrem Buch sehr deutlich machen, ist die Dimension, die das Ganze hat. Sie haben jetzt nur, in Anführungszeichen nur, die Arbeitssklaven angesprochen. Wenn man aber das Ganze, nämlich den modernen Menschenhandel in Europa, sich anschaut – welche Dimension hat der?

Jürgs: Also der moderne Menschenhandel dürfte nach Schätzungen der Bundespolizei, des BKA, der Europol, der UNO, mit denen ich natürlich gesprochen habe, ... eine Schätzung zwischen 15 und 18 Milliarden Euro pro Jahr, 15 bis 18 Milliarden Euro pro Jahr nur in Europa, und das wäre nach dem Rauschgifthandel, der mit etwa 21 Milliarden zu Buche steht, die zweitgrößte Verbrechensdimension. Es ist fest in den Händen organisierter Kriminalität, und dieser Menschenhandel umfasst Prostitution selbstverständlich, wo man nie genau weiß, wie die Zahlen sind – ist natürlich klar, Dunkelziffern sind hoch, in Deutschland zwischen 200.000 und 400.000, Sie können schon die Marge sehen, wie schwer das ist, das genau rauszubekommen –, natürlich Arbeitssklaven – ich nenne es auch Arbeitssklaven, das ist nichts anderes, genauso wie die Prostitution, die in Bordellen gehalten werden und als Sexslaven zu bezeichnen sind –, es ist Kinderhandel, es sind Bettlerbanden, richtige Bettlerbanden – natürlich mit 40.000 bis 80.000 Kindern pro Jahr, die in Deutschland auf die Straßen geschickt werden und gequält werden von denen, wenn sie nicht genügend Geld erbetteln –, und leider mehr und mehr durch die vielen Kriege, die wir haben und die Flüchtlingslage und die Verzweiflung der Menschen dort Organhandel, weil reiche Menschen, die eine Niere brauchen, denen völlig wurscht ist, woher die kommt, Hauptsache, sie kriegen sie. Und da ist die Marge noch viel größer. Ein Mensch, dem Sie die Niere, die Leber abnehmen, also verkauft, der seine Niere, Leber verkauft – da hat er noch Glück, manche werden ja entführt und einfach ausgeschlachtet –, der kriegt 2.000, 3.000 Euro und die Operation mit Ärzten, die ja mitmachen müssen, gutbürgerliche Ärzte, die mitmachen müssen, etwa 250.000 Euro. Da können Sie einschätzen, wie groß die Dimensionen sind.

Hatting: Sie haben jetzt schon organisierte, kriminelle Banden angesprochen, die Profiteure sind das, und nicht jemand, der für 2.000 Euro seine Niere verkauft, aber wer genau sind das? Was sind das für organisierte Banden, wo kommen die her?

Jürgs: Also es gibt natürlich sehr viele Banden, die aus Osteuropa, also aus Russland, Weißrussland, Moldawien, Transnistrien – ein Land, das ich vor meinen Recherchen gar nicht kannte, das eigentlich fest in der Hand der Mafia ist – ... also Osteuropa, natürlich China, die Triaden, auf dem Balkan selbstverständlich – Banden, die von einer unglaublichen Brutalität sind, inzwischen haben die Albaner Angst vor den Tschetschen, weil die noch schlimmer sind. Organisiert heißt, feste Hierarchien, ethnische Banden, und natürlich auch Banden, die über die Grenzen hinaus zusammenarbeiten. Die Wirtschaft ist ja längst global – so ist auch das Verbrechen zu einem Global Player geworden. Inzwischen ist es selbstverständlich, dass die Tiraden in China oder dass die kolumbianische Mafia oder dass die italienische Mafia oder dass die russische Mafia, mit denen man wirklich nichts zu tun haben möchte, für bestimmte Projekte zusammenarbeiten und sich gegenseitig helfen. Also die Chinesen bringen die Textilarbeiter in die Zwangsfabriken nach Italien, von denen wir dann plötzlich lesen, dass da irgendwie 3.000 Textilfabriken in Italien sind, die billige Sachen herstellen, die wir wiederum kaufen. Die wiederum bringen Rauschgift mit, nämlich Einzeltransport, das wird verkauft über holländische Grenzen und dann kommt es nach Schweden, Finnland, über die Nord-Hub, die nennen das auch Nord-Drehkreuze, Hubs, so werden die genannt. Und insofern ist das die eine Seite, die die Polizei bekämpfen muss. Viel gefährlicher ist es aber, wenn die anfangen, das Geld zu waschen, also in legale Unternehmen zu stecken. Dann kann es durchaus sein, dass der Mensch, der neben Ihnen in der Oper oder im Theater sitzt oder gar in einer Buchhandlung ein Buch kauft und nicht bei Amazon, dass dieser Mensch zur organisierten Kriminalität gehört.

Hatting: Und sie erkennen es nicht.

Jürgs: Juristen, Anwälte, alles dabei. Das ist eine Krake.

Hatting: Herr Jürgs, Ihre Forderung, Ihre Ableitung aus Ihren Recherchen, die ist knallhart. Sie sagen: Menschenhändler muss man bekämpfen wie Terroristen.

Jürgs: Ja.

Hatting: Aber was heißt das konkret?

Vermögen beschlagnahmen - Beweispflicht umkehren

Jürgs: Das heißt konkret, dass, wenn sie ... Natürlich, die Ermittlungen sind schwer, wie Sie sich vorstellen können. Aber wenn man welche erwischt – ich bin schon sehr dafür, was auch die italienische Polizei macht, bei Verdächtigen, gegen die ermittelt wird, bis zur Klärung im Gerichtsurteil das Vermögen beschlagnahmt. Das tut ihnen weh. Das ist in Deutschland nicht möglich. Man muss ja erst beweisen können, dass das Geld illegal erworben worden ist. Ich finde den Umkehrschluss besser: Die müssen beweisen, dass es legal erworben ist. Selbstverständlich müssen die Strafen im Rahmen der bestehenden Gesetze, ich plädiere nicht für härtere Gesetze, sondern im Rahmen der bestehenden Gesetze härtest ausgeführt werden, sodass die wirklich lange sitzen, das tut ihnen weh, das Vermögen beschlagnahmen, ihren Besitz überhaupt, Autos, Häuser, was immer sie haben, beschlagnahmen, und man muss auch das Bewusstsein in der Bevölkerung wohl dafür schaffen, bei den Männern, ich rede von den Männern dann, ... In Deutschland schätzt man, dass 1,2 Millionen Freier täglich, täglich die Bordelle besuchen und sich anlocken lassen von Flatrates, die man ja kennt vom Telefonieren, wo die schlimmsten Fälle, die ich bei den Hilfsorganisationen von den Frauen – wo es sehr viele tapfere Frauen gibt, die denen helfen – gehört habe, die schlimmste, die ich hörte, war 8,90 Euro für eine Bockwurst, ein Bier und eine Frau. Und das sind natürlich Sachen, wo jeder Mensch, der da hingeht, ein Mann, der da hingeht, wissen muss, was er tut. Das kann ja nicht mit rechten Dingen zugehen.

Hatting: Herr Jürgs, wie sinnvoll finden Sie gerade in diesem Zusammenhang das geplante neue Prostitutionsgesetz der Bundesregierung? Sie sind da ja auch als Experte angehört worden im Bundestag.

Jürgs: Mir scheint, das geht nicht weit genug. Es gibt ja schon wieder Streit zwischen CDU und SPD, die einen wollen Gesundheitskontrollen, Bordellkontrollen, also das, was der Amtsschimmel früher gemacht hat. Und ich bin sehr dafür, dass man sagt, die Altersgrenze einzugrenzen, erst ab 21, was schon ... was heißt erst, also erst ab 21 ... Zweitens: Selbstverständlich ist ein Prostitutionsgesetz, was auf freiwilliger Sozialversicherung beruht, ... das können Sie vergessen, denn das alte ist ja langweilig, schlecht geworden, weil es einfach nicht funktioniert hat – auch dazu eine Zahl, von den vorhin genannten 200.000 Prostituierten haben nach dem neuen Gesetz ... 43, 43 sich kranken- und sozialversichert –, die Bordellbesitzer zu zwingen, einen Gewerbeschein zu beantragen, den sie dann auch bekommen, und dann können sie überprüft werden, und dass die Polizei die Möglichkeit hat, jederzeit unangemeldet eine kleine Razzia zu machen, und dabei werden sie ganz vieles feststellen, und durch den Druck, den staatlichen Druck, der aber gesetzlich festgelegt ist, der legal ist, versuchen, diesen Sumpf auzutrocknen.

Hatting: Der Journalist Michael Jürgs, zum internationalen Sklaventag der UNESCO habe ich mit ihm über moderne Formen der Sklaverei gesprochen, mitten unter uns in Europa. Dazu hat er gerade ein Buch veröffentlicht. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Jürgs: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:

Zwangsarbeit auch in Deutschland weit verbreitet (Deutschlandradio Kultur, Interview, 18.10.2013)
 

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