Seit 13:05 Uhr Sein und Streit
Sonntag, 07.03.2021
 
Seit 13:05 Uhr Sein und Streit

Kompressor | Beitrag vom 02.10.2020

Modemarke Fred Perry vs. "Proud Boys"Die Diskurstricks der Rechten

Christoph Schulze im Gespräch mit Christine Watty

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein vermummter Mann mit "Proud Boys"-Mütze und Fred Perry-Shirt mit goldenem Lorbeerkranz. (Imago Images / Zuma Wire / Christopher Evens)
In den Lorbeerkranz lassen sich rechte Tugenden wie Männlichkeit, Ehre und Gewalt hineinlesen, sagt Schulze. (Imago Images / Zuma Wire / Christopher Evens)

Das "Fred Perry"-Shirt mit dem Lorbeerkranz ist zur Uniform der rechtsextremen „Proud Boys“ geworden. Jetzt nimmt es das Unternehmen aus dem Sortiment. Ein notwendiger Schritt, findet Rechtsextremismus-Forscher Christoph Schulze.

Ein schwarzes Poloshirt mit gelbem Lorbeerkranz und Streifen an den Ärmeln: So kleidet sich die rechtsextreme Schlägergruppe "Proud Boys" am liebsten. Jene Gruppe, die der amerikanische Präsident Donald Trump bei dem Fernsehduell mit Joe Biden zunächst ermutigt hat ("Proud Boys? Stand back and stand by"), um sich dann doch von ihr zu distanzieren.

Diese neue Aufmerksamkeit wurde offenbar der Modemarke Fred Perry zu viel. Sie hat jetzt angekündigt, dieses Poloshirt vom Markt zu nehmen.

"Aneignung ist immer auch ein Diskurstrick"

Der Rechtsextremismus-Forscher Christoph Schulze sieht darin die "Wiederaufführung eines jahrzehntealten, eigentlich ziemlich abgestandenen Schauspiels, nämlich wie extreme Rechte sich Popkultur und Marken aneignen."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Erfunden wurden die "Proud Boys" von einem "Experten für Vermarktung und Marketing", dem Gründer des "Vice"-Magazins Gavin McInnes, sagt Schulze. McInnes sei klar gewesen, dass eine rechte Gruppe ein Logo, Symbole und eine Geschichte brauche. Die Marke Fred Perry lag hier nahe: Sie war zuvor schon in der Skinhead-Szene sehr beliebt gewesen.

Sich Marken anzueignen verfolge im Kern den Zweck, eine Gruppenidentität herzustellen und Aufmerksamkeit zu erregen, sagt Schulze. Auch sich anschließende Diskussionen, ob diese oder jene Marke nun rechts sei, verschaffen solche gewünschte Aufmerksamkeit. "Aneignung ist immer auch ein Diskurstrick", so Schulze.

Wofür steht eine Marke?

Marken, die für Rechte in Fragen kommen, müssten immer die Möglichkeit bieten, Männlichkeit, Ehre und Gewalt zu vermitteln. Das sei zwar von Fred Perry nicht so intendiert, aber der Lorbeerkranz lasse solche Zuschreibungen zu, sagt Schulze.

Diskussionen, wie sie nun geführt werden, seien zwar ein "kleiner Erfolg" für die Rechten. Dennoch müsse sich ein Unternehmen gegenüber solchen Vereinnahmungsversuchen verhalten, sagt Schulze, und sei es, wie im aktuellen Fall, durch eine zeitweilige Entfernung des Shirts aus dem Sortiment. Einen notwendigen Schritt sieht Schulze darin: "Das kommuniziert sehr klar, wofür die Marke steht und wofür sie nicht stehen will."

Lonsdales offensiver Umgang mit den Rechten

Damit sei das Problem der Aneignung jedoch noch nicht gelöst, meint Schulze. In der Regel sei hierfür eine mittel- bis langfristige Auseinandersetzung nötig.

Dies zeige auch der Fall Lonsdale. Die Marke habe auf eine Aneignung durch extreme Rechte offensiv reagiert, etwa mit Slogans wie "Lonsdale loves all colors" und antirassistische Initiativen gesponsert. So sei es der Marke gelungen, "einen Großteil ihrer rechtsextremen Klientel loszuwerden".

(sed)

Mehr zum Thema

Fred Perry und Lonsdale - Wie sich zwei Modemarken gegen rechte Vereinnahmung wehrten
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 26.07.2019)

Mode von Aldi Nord - Klamotten im Discounter-Look
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 17.09.2020)

Sachbuch "Mode und Revolution" - Die Couture der klassenlosen Gesellschaft
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 14.04.2020)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Fazit

Museum der Moderne "Ökologisch ein absoluter Super-GAU"
Museumsentwurf mit großflächiger Verglasung. (Herzog & de Meuron)

Der Bau des Museums der Moderne ist zu teuer und unökologisch, kritisiert der Bundesrechnungshof. Für das Prestigeprojekt der Kulturstaatsministerin dürfte das kaum Konsequenzen haben. Ein Privatinvestor hätte den Bau längst gestoppt, so Nikolaus Bernau.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur