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Zeitfragen | Beitrag vom 28.09.2021

Modellprojekt in ÖsterreichEin Gehalt für pflegende Angehörige

Von Oliver Soos

Eine junge Frau hilft einer alten Frau beim Trinken aus einer Plastiktasse. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Die pflegenden Angehörigen im österreichischen Modellprojekt bekommen eine 100-stündige Grundausbildung. (Symbolfoto) (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Das Pflegen der Eltern zu Hause ist oft ein Fulltime-Job, der aber nicht bezahlt wird. Das kann Betroffene in existenzielle Nöte bringen. In Österreich geht man deshalb neue Wege und stellt pflegende Angehörige in einem Modellprojekt beim Staat an.

Das 1000-Einwohnerdorf Eisenberg, im Süden des Burgenlands, direkt an der ungarischen Grenze. Hier wohnt Daniela Schneider mit ihrem Mann und ihrem vierjährigen Sohn in einem frei stehenden Haus mit Garten.

Alles ist auf einer Ebene gebaut, die Flure sind breit, die Küche und das Bad rollstuhlgerecht, denn mit im Haus wohnt auch Oma Margarete. Sie leidet an Multipler Sklerose, einer chronischen Entzündung des Nervensystems.

Den Job für die kranke Mutter aufgegeben

Irgendwann konnte sie nicht mehr alleine in ihrer Wohnung leben, erzählt die Tochter Daniela Schneider. "Die linke Seite ist beeinträchtigt. Die linke Hand, der linke Fuß ist viel schlechter wie der rechte. Am Anfang war es schubweise. Nach der Hochzeit 2015 hat das dann angefangen, dass es immer schlechter geworden ist."

Margarete Zapfel liegt in ihrem Schlafzimmer auf dem Bett. Daniela Schneider richtet ihre Mutter auf in die Sitzposition und schiebt ihr eine Vibrationsplatte unter die Füße. Dann greift sie ihr unter die Arme und hebt sie auf die vibrierende Platte.

Während der Behandlung umklammert Margarete Zapfel ihre Tochter und lächelt. "Für die Kräftigung der Muskulatur, Durchblutung. Das tut einfach gut." Zur Pflege gehören auch anstrengendere Tätigkeiten: Daniela muss ihrer Mutter die Zähne putzen, sie duschen und ihr auf der Toilette helfen.

Doch sie hat einen großen Vorteil: Sie ist ein Profi, hat in einem Pflegeheim gearbeitet, bis sie vor vier Jahren den Job für ihre Mutter aufgab. Dabei hatte die Mutter noch vorgeschlagen, dass sie ins Pflegeheim der Tochter einziehen könnte.

"Es war schon sehr emotional"

"Man will ja eigentlich den eigenen Kindern nicht zur Last fallen. Sie haben ja auch ihr eigenes Leben", sagt die Mutter. Die Tochter lächelt: "Sie hat immer gemeint, es muss niemand auf sie schauen, sie geht halt in ein Heim und ich habe gesagt: Nein, wir bauen um, wir machen das." – Die Mutter lacht, ist sichtlich ergriffen. "Es war schon sehr emotional, das vom Kind zu hören, dass das gar kein Problem ist."

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Zwei Jahre pflegte Daniela Schneider ihre Mutter zu Hause, ein Fulltime-Job, nur ohne Bezahlung. Das änderte sich im Herbst 2019, da startete im Burgenland das Pilotprojekt für pflegende Angehörige. Daniela Schneider wurde beim Land angestellt. Jetzt verdient sie gut 1400 Euro netto für 30 Stunden Pflege pro Woche, dazu gibt es Urlaubsgeld, Renten- und Sozialversicherungsbeiträge.

Dass sie neben ihrem Mann ein zweites Einkommen verdient, ist wie ein Sechser im Lotto, sagt sie: "Wir waren beim Hausbauen und jeder Cent wird gebraucht und dass diese Arbeit, die man da leistet - und das ist auch Arbeit - honoriert wird."

Das Geld bleibt in der Familie

Um die häusliche Pflege zu finanzieren, werden Margarete Zapfel rund 80 Prozent ihres Pflegegeldes und ein Viertel ihrer Rente abgezogen, den Rest steuert das Land bei. Doch das Geld bleibt in der Familie und fließt in den Lohn der Tochter.

Organisiert wird das Projekt von der landeseigenen Pflegeservice Burgenland GmbH. Geschäftsführerin Klaudia Friedl erzählt, dass im Moment 220 Personen mitmachen. Etwa 80 Prozent von ihnen betreuen Senioren, 20 Prozent behinderte Kinder.

"Die Leute finden uns. Dann gibt es einen Erstkontakt zu Hause vor Ort. Es gibt natürlich gesetzliche Auflagen, das Verwandtschaftsverhältnis, also man muss verwandt sein", erklärt sie.

"Man muss innerhalb von 15 Minuten zu den betreuten Angehörigen kommen können. Man kann natürlich auch im gleichen Haus wohnen, aber nicht mehr als 15 Minuten. Und das Dritte ist dann: Ab der Pflegestufe drei ist es möglich, dass man betreut."

Die pflegenden Angehörigen bekommen eine 100-stündige Grundausbildung, die sie dann kostenlos erweitern können zu einer anerkannten Berufsausbildung zum Pflegehelfer. Es gibt regelmäßige Kontrollen durch professionelle Hauskrankenpfleger, die die Familien besuchen und ihnen bei komplizierteren Pflegetätigkeiten helfen.

Nur für bestimmte Konstellationen geeignet

"Es funktioniert Gott sei Dank sehr gut. Es war unsere Befürchtung: Was passiert, wenn wir nicht vor Ort sind und hinschauen? Ich möchte auch dazu sagen, dass die Familien, die sich dazu entschließen, ganz besondere Familien sind, die eine besonders enge Verbindung haben und deshalb ist dieses Modell auch nur für ganz bestimmte Familienkonstellationen passend", sagt Klaudia Friedl.

Das Modell ist ein Prestigeprojekt der österreichischen Sozialdemokraten, der SPÖ, die im Burgenland regiert - ansonsten wird Österreich von der konservativen ÖVP dominiert. SPÖ-Vertreter machten immer wieder klar, dass sie mit dem Pflegemodell neue Wege gehen wollen.

Bei der Einführung des Modells sprach der damals im Burgenland zuständige SPÖ-Landesrat für Soziales, Christian Illedits, von einer Lösung für die Pflegeproblematik in Österreich.

"Wir haben vor Kurzem gehört, dass fast eine Million Menschen bei diesem Thema Pflege tangiert sind, zehn Prozent der gesamten Bevölkerung von Österreich", erklärt er. "Das heißt, man braucht Lösungen. Alle sind sich einig, aber viele reden nur davon, wir setzen um. Und wir geben den Menschen das zurück, was wichtig ist. Arbeit heißt Würde."

Kritik von ÖVP und Fachleuten

Die ÖVP kritisiert das Projekt als "Nischenprodukt", das nur von gut 200 Personen genutzt werde und für maximal 600 in Frage käme. Demgegenüber stünden aber 10.000 Pflegebedürftige im Burgenland.

Kritik kommt auch von Fachleuten, unter anderem von der Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Wien, Hanna Mayer. Sie findet es nicht gut, dass die Politik auf Pflege im privaten Bereich setzt.

Mayer sieht eine Gefahr für die professionelle Pflege. "Dass der Beruf der professionellen Pflege gesellschaftlich aber auch politisch abgewertet wird, nach der Devise: Das kann man in 100 Stunden lernen und das kann jeder und das wird dann auch in diese Ecke viel mehr verlagert. Das sollen dann die Angehörigen machen, die stellen wir dafür an."

"Man verschiebt hier Rollen"

Für Hanna Mayer gibt es nur eine Möglichkeit, wirksam etwas gegen den Pflegenotstand zu tun: Der Staat müsse massiv in die Pflegeeinrichtungen investieren und vor allem mehr Personal anstellen. Denn viele junge Menschen würden in der Pflege arbeiten wollen, wenn die Arbeitsbedingungen nicht so schlecht wären, sagt Mayer.

Die Pflege den Angehörigen zu überlassen findet die Pflegewissenschaftlerin grundsätzlich problematisch.

"Man verschiebt hier Rollen", kritisiert sie. "Ich bin jetzt eigentlich angestellt dafür, meine Mutter meinen Vater zu pflegen. Habe ich Arbeitszeiten? Kann ich nach acht Stunden sagen: Nein, mach ich nicht mehr? Ich als professionell Pflegende kann ganz anders mit schwierigen Situationen umgehen, weil ich mich distanzieren kann. Das habe ich natürlich als Tochter zu meiner Mutter nicht: Mich abzugrenzen - ganz schwierig."

Und dennoch stößt das Pflegemodell aus dem Burgenland auch andernorts auf Interesse. In Oberösterreich startet gerade ein Pilotprojekt mit behinderten Kindern, die Stadt Wien erarbeitet auch ein Konzept.

Aufmerksames Interesse aus Deutschland

Auch in Deutschland wird das Projekt aufmerksam beobachtet. Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus sagt, er sei sehr gespannt auf erste Evaluationen aus dem Burgenland.

"Ich finde dieses Modellprojekt höchst spannend. Zum einen wird die Arbeit pflegender Angehöriger als solche anerkannt und entlohnt. Unser Pflegegeld, so wie wir es kennen, erfüllt ja bislang gerade nicht diese Funktion.", sagt er.

"Und zum anderen ist es eine Alternative zur sogenannten 24-Stunden-Betreuung, die ja in Österreich, anders als in Deutschland, bereits vor vielen Jahren rechtssicher aufgestellt wurde. Auch die Mindeststandards und die Berücksichtigung anderer Sozialleistungen halte ich für sehr durchdacht."

Für das Burgenland lohnt sich das Anstellungsmodell auch finanziell. Denn einen pflegenden Angehörigen zu entlohnen kostet weniger, als ein Platz in einem Pflegeheim.

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