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Länderreport | Beitrag vom 18.06.2020

Modellprojekt an Uni OsnabrückImam-Ausbildung in Niedersachsen

Von Hilde Weeg

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Ein Imam singt vor einer Kachelfliesenwand in rot und blau während er gefilmt filmt. (dpa / Frank Molter)
Der Imam singt den Gebetsruf. Die muslimischen Geistlichen sind wichtige Bezugspersonen für die Gläubigen in Deutschland. (dpa / Frank Molter)

Die Moscheen in Deutschland sind für viele Muslime auch eine soziale Anlaufstelle und für Geflüchtete ein Ort der Integration. Doch viele Imame sprechen kein Deutsch. Ein Modellprojekt in Niedersachsen soll die Ausbildung von Imamen organisieren.

"Wir sind jetzt in unserer Moschee wo wir eigentlich normalerweise beten", erklärt Aldin Kursu, Imam der bosnischen Moschee in Hannover.

Er deutet auf den Teppichboden, wo Klebestreifen die notwendigen Abstände markieren. Aber es kommen nur wenige zum Beten in Coronazeiten. "Das sind so fünf bis zehn Menschen, die täglich kommen, so ungefähr."

350 Familien gehören zur Gemeinde. Rund 100 Menschen kamen vor Corona in die am besten besuchten Freitagsgebete. Das Gemeindeleben kommt nur langsam wieder Fahrt. Das meiste erledigt Kursu noch per Telefon oder am PC. Sein Tag beginnt früh, zur Zeit um halb fünf, um noch vor Sonnenaufgang zu beten. Die täglichen fünf Gebetszeiten sind aber nur ein kleiner Teil seiner Aufgaben.

"Kinder unterrichten am Wochenende, Seelsorge, Eheberatung, Jugendarbeit, Frauenarbeit und so weiter", zählt der Imam auf. "Viele verschiedene Sachen. Auch Dialog mit anderen jüdischen oder christlichen Geschwistern. Also in vielen Bereichen ist der Imam in einer Gemeinde tätig."

Verband neu gegründet

Kursu ist in seiner Heimat Bosnien zum Imam geworden, in Sarajevo. In dieser Region Ex-Jugoslawiens haben sich über Jahrhunderte orthodoxe, katholische, jüdische und muslimische Traditionen ausgeprägt. Kursu verweist auf die Trennung von Kirche und Staat, die dort schon im 19. Jahrhundert unter österreichisch-ungarischer Herrschaft eingeführt wurde. "Wir sind ein europäisches Volk und deswegen verstehen wir vielleicht ein bisschen mehr, was das Leben in Europa auch bedeutet", sagt er.

Die Gemeinde hat ihn 2011 zum Imam gewählt. Mittlerweile ist der 36-jährige zugleich auch Hauptimam für zehn bosnische Gemeinden in Norddeutschland und stellvertretender Vorsitzender des Verbands "Muslime in Niedersachsen". Dieser Verband gründete sich vor 1,5 Jahren neu, neben den großen muslimischen Verbänden Ditib und Schura.

Kursu betont die gemeinsamen Ziele aller Muslime: "Letztendlich sind wir alle gemeinsam da für Muslime in Niedersachen hier. Wir sind nicht gegen Ditib und Schura sondern wir sind mehr da, dass wir gemeinsam etwas erreichen."

"Mit Politik haben wir wenig zu tun"

12 von insgesamt rund 200 muslimische Gemeinden in Niedersachsen gehören dazu. Das Ziel: "Wir sind eine islamische Gemeinschaft, die unabhängig von dem Staat ist, auch in Bosnien und Herzegowina. Also mit der Politik haben wir wenig zu tun. Wir finanzieren uns selbst, wir bekommen kein Geld aus dem Ausland in dem Sinn, dass wir unsere Imame finanzieren und so weiter."

Diese Unabhängigkeit unterscheidet den Verband vor allem vom Dachverband Ditib. Die Imame von Ditib-Gemeinden werden in der Türkei staatlich kontrolliert ausgebildet, bezahlt und auf Zeit entsendet. Der zweite, mit 90 Gemeinden größte Moscheeverband Schura ist weniger abhängig von der Türkei und beschäftigt seine Imame mit eigenen Mitteln.

Beide Verbände vertreten aber einen konservativeren Islam als der Verband Muslime in Niedersachsen, Kursus Verband. Der ist nun auch beteiligt am Modellprojekt zur Ausbildung von Imamen, gemeinsam mit dem Zentralrat der Muslime und gefördert vom Bundesinnenministerium und anderen.

Viele Imame sprechen kein Deutsch

Die Imam-Ausbildung soll nach dem Vorbild eines Priesterseminars an der Universität Osnabrück aufgebaut werden, wo man auch Islamische Theologie studieren kann. Der Soziologie-Professor Rauf Ceylan lehrt in Osnabrück und hat die Ausbildung von Imamen in ganz Deutschland untersucht. Zwei der gravierendsten Probleme: Viele Imame sprechen kein Deutsch und leben isoliert von der deutschen Gesellschaft.

"Jemand, der nicht deutsche Zeitungen liest und nicht weiß, was eine Deutsche Islam Konferenz ist, der kann nicht im Alltag theologisch handeln. Er kann gewisse soziale Konflikte oder Probleme nicht auf der Kanzel – und das ist ja eine Funktion der Kanzelrede, dass man die Sorgen, dass man aktuelle Entwicklungen rund um die Moschee auch in der Moschee thematisiert - das alles findet nicht statt."

In Osnabrück sollen deshalb zukünftig neben Liturgie, Koranrezitation auch pädagogische, psychologische, und interkulturelle Kompetenzen oder Moscheemanagement vermittelt werden, übrigens auch für Imaminnen. Viele Fragen sind aber noch nicht geklärt, zum Beispiel die der langfristigen Finanzierung oder die der Bezahlung von Imamen.

Wenn Ceylan seine Studierenden fragt, wer gern Imam werden möchte, "da heben nur sehr wenige Finger hoch und sagen: 'Ja, eigentlich gerne, aber ich weiß, dass die Finanzierung nicht sichergestellt ist'."

Professionelle Arbeit kostet Zeit und Geld

Ein wunder Punkt. Die Bezahlung der Imame ist nicht einheitlich und liegt oft nur um 1000 Euro im Monat. Ceylan: "Es ist schwierig, damit eine Familie zu ernähren. Entweder sucht man sich einen neuen Job oder man muss noch nebenbei arbeiten. Aber als Imam ist das schwierig, das ist ein 24-Stunden-Job."

Geldfragen treiben alle muslimischen Gemeinden und Verbände um. Sie müssen sich von den Herkunftsländern emanzipieren, zumal viele Mitglieder längst Deutsche sind und ihre Kinder deutschsprachig aufwachsen. Doch die Gemeindearbeit wurde bisher ehrenamtlich geleistet. Sie zu professionalisieren, kostet viel Zeit und Geld.

Um aber von ihren Mitgliedern feste Beiträge fordern zu können, sind große Anstrengungen erforderlich. Im ersten Schritt müssten die Verbände als Religionsgemeinschaften offiziell anerkannt werden, in einem zweiten, größeren Schritt, als Körperschaften öffentlichen Rechts. Erst dann könnten sie, analog zu den christlichen Kirchen, auch Steuern einziehen.

Imam Aldin Kursu ist dafür, räumt aber selbstkritisch ein: "Wir nehmen die Schritte, die dazu führen, nicht. Auch nicht gemeinsam, auch nicht bei den ethnischen Verbänden, das muss man selbstkritisch gucken und das ist die größte Schwäche, die wir haben."

Deutschsprachige Ausbildung aufbauen

Recep Bilgen, Vorsitzender des mit 90 Gemeinden größten Muslimverbands Schura in Niedersachsen, sieht seinen Verband dagegen auf einem guten Weg: "Wir streben auf jeden Fall erstmal die Anerkennung als Religionsgemeinschaft an in erster Linie und im zweiten Schritt Linie die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts."

Die Anerkennung als Religionsgemeinschaft könnte bald erfolgen, aber alles Weitere wird noch lange dauern. Trotzdem will nun auch die niedersächsische Schura mit weiteren Landesverbänden eine deutschsprachige Ausbildung für die eigenen Imame aufbauen, unabhängig von den Herkunftsländern und unabhängig vom Modell in Osnabrück.

"Die Gemeinden haben ihre Gemeinden in den letzten 50 Jahren in Deutschland aufgebaut mit eigenen Mitteln und sie werden auch in der Lage sein, eine Imam-Ausbildung aus eigenen Mitteln zu finanzieren."

Und wie arbeiten die Verbände mit der Landesregierung zusammen? Durch die Trennung von Kirche und Staat ist eine Förderung ausgeschlossen. Beim Bewältigen der Aufgaben im Alltag aber funktioniere die Zusammenarbeit gut.

"Wir betonen immer wieder, dass wir in Niedersachsen Pionierarbeit leisten – auch mit dem Institut in Osnabrück mit der Ausbildung von Theologen. Wir sind in Niedersachsen auf jeden Fall einen ganzen Schritt vor den anderen Bundesländern."

Formale Anerkennung

Der Islamunterricht an staatlichen Schulen wird seit Jahren ausschließlich von staatlich ausgebildeten Religionslehrerinnen und -lehrern geleistet. Aktuell werden zehn muslimische Theologen und eine Theologin zu Gefängnisseelsorgern ausgebildet. Jörg Mielke, Leiter der Staatskanzlei in Niedersachsen, bestätigt die Zusammenarbeit bei praktischen Fragen und wünscht sich vor allem eins: "Dass wir eine formale Anerkennung als Religionsgemeinschaft hinbekommen. Dadurch bekommen wir, bekommen sie eine andere finanzielle Basis."

Die Regierung sei auch mit Ditib im Gespräch. Und eine eigene, bedarfsorientierte Imam-Ausbildung sei ein weiterer wichtiger Baustein. Der Imam Aldin Kursu in Hannover sieht die Entwicklung überwiegend positiv, trotz aller Hindernisse. Als Hauptimam bosnischer Gemeinden in Norddeutschland ist er auch mit anderen Kollegen im Kontakt.

Die Fragen rund um Integration, um Extremismus und nun auch Rassismus beschäftigen alle. Die Imame seien auch hier gefragt, sagt Kursu: "Wie sollen wir uns in dieser Gesellschaft stellen? Wie sollen wir präsenter sein? Wie können wir den Muslimen und der Gesellschaft etwas bringen, dass wir uns besser verstehen?

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