Freitag, 13.12.2019
 

Im Gespräch | Beitrag vom 18.11.2019

Modedesigner Wolfgang Joop"Fashion ist eine Bewegung und kein Kleid"

Moderation: Tim Wiese

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Porträt von Wolfgang Joop in seiner Villa Wunderkind in Potsdam. Er sitzt auf der Lehne eines rosa farbenen Sofa zusammen mit seinem Dalmatiner Hund. (imago / Tagesspiegel / Manfred Thomas)
Wolfgang Joop in seiner Villa Wunderkind am Heiligen See in Potsdam. (imago / Tagesspiegel / Manfred Thomas)

Heute feiert Wolfgang Joop seinen 75. Geburtstag. Seit einem halben Jahrhundert tummelt sich das Multitalent im Haifischbecken der Mode. Jetzt ist der überzeugte Potsdamer dorthin gezogen, wo er aufwuchs: auf das Gut Bornstedt. Darüber hat er ein Buch geschrieben.

Über sein Leben hat Modedesigner Wolfgang Joop schon mehrfach geschrieben "Im Wolfspelz" oder "Undressed" – so einige seiner Bücher. Vor einiger Zeit hat er seine Stadtvilla in Potsdam verkauft und ist 2017 auf das Gut Bornstedt gezogen, in direkter Nachbarschaft zu Schloss Sanssouci. Dort lebt er mit seinem Partner, seiner Ex-Frau und einer seiner Töchter. Ein Ort voller Erinnerungen für den 1944 geborenen Designer, Maler, Journalisten, Schauspieler und Autor. Die erzählt er nun in seinem Buch "Die einzig mögliche Zeit".

"Eigentlich habe ich die wirkliche Geschichte nie erzählt. Und diese große Reise mit diesem Endziel Heimat ist es wert, aufgeschrieben zu werden, bevor ich es vergesse. Und vor allen Dingen auch, bevor wir vergessen, wie es eigentlich war, die Nachkriegszeit, die Zeit, als die DDR existierte und wie es doch für mich schwierig war, immer wieder einen Schlupfwinkel zu finden, durch den ich nach Hause kam."

Großvaters Cordhosen vermietet

Bis der Vater aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, lebte Wolfgang Joop mit seiner Mutter, Tante und den Großeltern auf Gut Bornstedt. 1954 ging es nach Braunschweig – weil der Vater im Westen leben wollte. Für Wolfgang Joop ein Schock:

"Ich lebte praktisch in Braunschweig nicht. Wenn ich da ankam, stellte ich mich innerlich tot. Ich war wie im Wachkoma, so habe ich es beschrieben, erduldete die Schule, erduldete die Dreizimmerwohnung, erduldete, dass wir keinen Garten hatten. Meiner Mutter ging es ähnlich. Wir waren tief, tief im Wesen Potsdamer, Bornstedter geblieben."

In den Ferien fuhr er immer wieder zu den Großeltern, die auf Gut Bornstedt geblieben waren. Als er im Schrank alte Cordhosen seines Großvaters entdeckte, nahm er sie mit und "vermietete" sie erfolgreich an seine Mitschüler – so entstehen Trends.

Ups and Downs in der Karriere

Wolfgang Joops Leben ist schillernd und begleitet von Höhenflügen und Rückschlägen. Seine Karriere in der Mode begann 1970, als er zusammen mit seiner Frau Karin einen Wettbewerb bei der Modezeitschrift "Constanze" gewann. Eigentlich sei er zur Mode gekommen wie die Jungfrau zum Kind, so das Multitalent. Erst "Joop!", dann "Wunderkind" waren seine Labels. Models zeigten seine Kreationen auf Laufstegen rund um den Globus. Das neueste Label: "Looks" – Joops Einstieg in die Online-Fashion, inspiriert von Germany’s Next Topmodel, wo er Juror war.

"Es gibt ein paar Leute, die immer behaupten, dass sie sich für Mode überhaupt nicht interessieren. Das nehme ich nur ganz, ganz wenigen ab. Denn wir sind alle von Mode infiziert, als würde eine neue Erkältungswelle ausbrechen. Sich diesem Virus zu entziehen, ist fast unmöglich."

Zu viel, zu billig

Aber durch billige Überproduktion habe die Mode ihren Spaßfaktor verloren, meint Wolfgang Joop. Andererseits entwickelt sich auch ein kritisches Umweltbewußsein, nachhaltige Kleidung ist gefragt. Die Zeit der Supermodels ist vorbei. In Zeiten von Social Media kann jeder Star sein. Wolfgang Joop, der analog groß geworden ist, ist klar, dass er virtuell existieren muss, um zu überleben. Bisher hat er das gut geschafft:

"Ich bin jetzt 75 Jahre alt. Ich kann mich noch erinnern, als mein Großvater 75 Jahre alt war und Geburtstag hatte, da war mein Großvater ein wirklich alter Mann. Und ich bin es jetzt wahrscheinlich auch. Aber ich erinnere auch diese andere Zeit, in der ich das wurde, was ich heute bin. Und diese Zeit wollte ich unbedingt, dass sie nicht vergessen wird."

(svs)

Wolfgang Joop: "Die einzig mögliche Zeit"
Kindler bei Rowohlt, 496 Seiten, 22 Euro
 

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