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Weltzeit | Beitrag vom 07.06.2021

Mode, Macht und Profit in der TürkeiSchuften für Zara und Co.

Von Emre Çaylak

Eine türkische Flagge ist als Label auf ein dunkles Kleidungsstück genäht.  (picture alliance / Zoonar / Butenkov Aleksey)
Viele internationale Modeketten lassen in der Türkei produzieren. (Symbolbild) (picture alliance / Zoonar / Butenkov Aleksey)

Erst gab es die Wirtschaftskrise, dann kam Corona – eine dramatische Kombination für die Türkei. Die Löhne sanken, die Arbeitslosigkeit nahm zu. Besonders betroffen ist der Textilsektor. Dort leiden vor allem diejenigen, die für ausländische Firmen arbeiten. Wer hilft?

Der Westen von Istanbul: unscheinbare Wohnblocks, Fabrikgebäude, Industriegegend. Zwischen den Ringstraßen und der Stadtautobahn. Jede Menge Textilfabriken. Und da drin: jede Menge Stress.

Einige Mitarbeitende der Textilfirma Samiloğlu haben sich dort im Büro der Textilarbeitergewerkschaft DISK versammelt. Die fünf Frauen und ein Mann sitzen in einem schmucklosen Raum. Auf dem langen Tisch stehen Gläser mit türkischem Schwarztee.

Mehrere Frauen sitzen mit Maske an einem langgezogenen dunklen Tisch. (Emre Çaylak)Eines Tages standen sie vor leeren Fabrikhallen - Textilarbeiterinnen der Textilfirma Samiloğlu im Wartezimmer der Gewerkschaft DISK in Istanbul. (Emre Çaylak)

Vier der Frauen tragen Kopftücher. Ihre Gesichtsmasken haben sie mit Stecknadeln an deren Seiten gepinnt. Die Fünfte hat ihre grau durchzogenen Haare zu einem Zopf gebunden. Alle tragen dicke Jacken, denn der Frühling in Istanbul war bisher sehr kühl.

Sie nähten für Zara, Calvin Klein und Tommy Hilfiger

Sie wirken frustriert. Bis vor Kurzem haben sie für Modeketten wie Zara, einem der größten Modeunternehmen der Welt, Calvin Klein und Tommy Hilfiger, sowie die türkische Marke LC Waikiki genäht. Aber eines Tages Mitte März standen sie plötzlich vor leeren Fabrikhallen, erzählt Nazife Ayçiçek, die Frau mit dem Zopf.

"Wir kamen, um unsere Löhne abzuholen. Und da sahen wir, dass die Arbeitsräume ausgeräumt waren. Alle Maschinen waren weg. Komplett leer. Jemand war dabei zu streichen. Dann kam der Chef und sagte: Ihr habt jetzt unbezahlten Urlaub bis Juni."

Die Arbeiter:innen steckt der Schock über die unvermittelte Zwangspause immer noch im Nacken. Ihre Stimmung changiert zwischen ratlos und aufgebracht. Sie tauschen sich aus, während sie auf den Chef der Gewerkschaft warten. Von ihm erhoffen sie sich Rat in der schwierigen Lage.

Eine staatliche Beihilfe von 140 Euro

Unbezahlter Urlaub, das bedeutet für sie, dass sie mit einer kleinen staatlichen Beihilfe von derzeit umgerechnet rund 140 Euro auskommen müssen, viel zu wenig in einer Stadt wie Istanbul. Nazife Ayçiçek hat drei Kinder: neun, elf und 15 Jahre alt. Ihr Mann arbeitet in einer anderen Textilfabrik, aber auch er verdient nicht viel. Die Familie ist auf das Einkommen von Nazife Ayçiçek angewiesen.

"Jedes Mal wenn ich einkaufen gehe, ist wieder irgendetwas teurer geworden. Jetzt gibt es diesen unbezahlten Urlaub mit einer staatlichen Ausgleichszahlung und damit hat sich die Sache. Wie kann man denn mit diesem Geld auskommen für alle Rechnungen? Unsere Lebenshaltungskosten sind viel höher als das."

Die Textilbranche zählt zu den wichtigsten in der Türkei. Viele internationale Modeketten lassen hier produzieren. Die Branche wurde durch die Pandemie stark getroffen. Denn weil die Läden in Europa lange Zeit schließen mussten, bestellten die Handelsketten weniger Ware. Viele Zulieferer laden die Verluste nun auf dem Rücken ihrer Angestellten ab. Dazu kommt, dass die türkische Wirtschaft bereits vor der Pandemie in einer tiefen Krise steckte.

Die Folgen der Pandemie trafen sie unerwartet

Als dann wegen Corona den Fabriken die Aufträge wegbrachen, erließ die türkische Regierung einen Entlassungsstopp um Massenarbeitslosigkeit zu verhindern.

Gleichzeitig half sie aber auch den Firmen. Sie konnten ihre Leute in den unbezahlten Urlaub schicken und der Staat übernahm deren Versorgung – allerdings nur mit dieser viel zu niedrigen Kompensation, die gerade einmal die Hälfte des Mindestlohns ausmacht. Nazife Ayçiçek und ihre Kolleg:innen fühlen sich im Stich gelassen.

"Viele Firmen haben jetzt ihre Leute in unbezahlten Urlaub geschickt, aber kümmern sich nicht darum, wie wir über die Runden kommen. Wissen Sie, die Regierung hat zwar Entlassungen momentan verboten. Aber gleichzeitig schützt sie irgendwie die Firmenbesitzer."

Probleme mit den Arbeitgebern ist für Angestellte in der Türkei nichts Neues. Arbeitnehmerrechte sind zwar gesetzlich garantiert, aber viele Fabrikbesitzer ignorieren sie gerne. Und die Behörden kontrollieren zu wenig.

Ein Mann mit Jacket und Anstecktuch sitzt bei heruntergelassenen Jalousien an seinem Schreibtisch. (Emre Çaylak)Seit der Pandemie steht sein Telefon nicht mehr still - Asalettin Arslanoğlu, Chef der Textilarbeitergewerkschaft DISK. (Emre Çaylak)

Asalettin  Arslanoğlu, der Chef der Textilarbeitergewerkschaft DISK sitzt im Nebenzimmer und muss noch ein längeres Telefongespräch erledigen, bevor er sich um Ayçiçek und ihre Kolleg:innen kümmern kann. Der 56-Jährige ist elegant gekleidet. Über einem Hemd und einem beigefarbenen Pullover mit Zopfmuster trägt er noch ein dunkelblaues Sacco mit Einstecktuch.

Mehr als vier Millionen Beschäftigte sind betroffen

Er wirkt leicht gestresst. Arslanoğlu ist seit knapp 15 Jahren Gewerkschafter und hat schon viele Kämpfe mit den Besitzern der Textilfabriken ausgefochten. Aber seit Beginn der Pandemie steht sein Telefon nicht mehr still und sein Mailpostfach läuft über.

"Mehr als vier Millionen Arbeiter:innen haben einen Teil ihres Einkommens eingebüßt. Im Vergleich zu vorher haben wir jetzt 60 bis 70 Prozent mehr Leute, die uns um Hilfe bitten."

Bei den Textilarbeiter:iinnen der Firma Samiloğlu  fingen die Probleme nicht erst mit dem unbezahlten Urlaub an, erzählt die 26-jährige Esra Aymaz. Die gesprächige junge Frau weiß über ihre Rechte Bescheid und kann sich gut ausdrücken, obwohl auch sie aus einfachen Verhältnissen stammt.

Zaras Corona-Bonus, der nie ankommt

Esra erzählt, dass Zara der Firma wohl am Anfang der Pandemie eine Art Corona-Bonus für ihre Angestellten gezahlt habe. Doch die Vorgesetzten hätten das Geld nicht an die Belegschaft weitergereicht. Als dann Kontrolleure von Zara das Unternehmen besuchten, habe ihr Chef sie und ihre Kolleg:innen gedrängt zu lügen. Die Frau mit der schwarzen Steppweste und dem dunklen Kopftuch sagt das selbstbewusst, während die Frauen an ihrer Seite zustimmend nicken.

"Der Chef sagte, dass Zara Geld für uns überwiesen hatte, aber die Firma habe es ausgegeben. Bevor dann der Kontrolleur kam, drückte er uns allen einen Zettel in die Hand. Darauf stand: Ich habe das Geld am 19. August erhalten. Als der Kontrolleur dann fragte, wie viel wir wann bekommen haben, mussten wir sagen, soviel im ersten, zweiten und dritten Monat und ihm diesen Zettel zeigen."

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Aus Angst um ihren Job hielten die Angestellten still. Leider seien solche Fälle keine Seltenheit, sagt Arslanoğlu, der Gewerkschaftschef, der inzwischen zu der Runde dazugestoßen ist. Gerade jetzt in der Pandemie, versuchten viele Firmen sich Vorteile zu verschaffen, auf Kosten der Arbeitenden und der Allgemeinheit.

Betrug bei der Kurzarbeit ist beliebt

Eine beliebte Masche sei auch, bei der Kurzarbeit zu betrügen, erklärt er. Ähnlich wie in Deutschland zahlt der Staat den Firmen bei Kurzarbeit 60 Prozent des Lohns für ihre Angestellten, 40 Prozent muss der Arbeitgeber in der Türkei weiterbezahlen. Arslanoğlu weiß aus Erfahrung, wie der Betrug funktioniert:

"Die Firma meldet einen Auftragseinbruch an. Die Angestellten kommen zwar weiter zur Arbeit und die Produktion läuft ganz normal weiter. Aber die Firma stellt es so dar, als würden sie zu Hause bleiben. Dann bekommt die Firma rund 60 Prozent der Arbeitslöhne aus dem Fond der Arbeitslosenversicherung und den Rest zahlt sie den Arbeiter:innen schwarz obendrauf.

Diese Firmen haben einen guten Profit gemacht. Das passiert immer noch, obwohl so viele Beschwerden bei den Behörden und auch bei uns, den Gewerkschaften, eingehen. Es scheint, als würde die Regierung diese Betrügereien ignorieren, damit nur die Wirtschaft weiterläuft."

Eine plötzlich so leere Fabrikhalle und der aufgezwungene unbezahlte Urlaub – für die Arbeiter:innen der Istanbuler Zulieferfirma von Zara und Co. war das noch nicht das Ende der unerfreulichen Geschichte. Ihr Arbeitgeber Samiloğlu machte kurz darauf komplett dicht und registrierte sogleich auf den Cousin des Besitzers eine neue Firma. Den Arbeiter:innen bot man an, dort anzufangen. Aber nur, wenn sie bei Samiloğlu selbst kündigten.

Wie Unternehmen die Abfindung umgehen

Das hatte für das Unternehmen den Charme, dass es sich die Abfindung für jeden einzelnen Mitarbeiter sparen konnte, die fällig würde, wenn es selbst und nicht der Angestellte von sich aus kündigt. Emine Özdemir, eine 43-Jährige, eingemummelt in einen dicken blauen Mantel zeigt eine Whatsapp-Nachricht auf ihrem Handy. Damit hatte ihr Chef sie aufgefordert, zu kündigen. Alle haben die gleiche Nachricht bekommen.

"Sie haben uns die Kündigungspapiere geschickt und gesagt: Unterschreibt das und schickt es zurück."
"Ja, sie haben uns das einfach per Whatsapp geschickt."
"Aha, so einfach ist das für euch, nicht wahr"

"Die großen Markenfirmen können uns nicht allein lassen"

Emine Özdemir sieht auch die Handelsketten in der Verantwortung, sich in dieser Zeit um ihre Arbeiter:innen zu kümmern.

"Egal ob Zara oder irgendeine andere Marke, diese Firmen sollten uns helfen. Wir sind in dieser Pandemie zu Opfern geworden. Wo auch immer wir nach Arbeit fragen, heißt es, wir brauchen während der Pandemiezeit keine Arbeiter. Die großen Markenfirmen können uns nicht einfach allein lassen in dieser schwierigen Situation."

Die betroffenen Handelsketten wollten sich gegenüber Deutschlandfunk Kultur nicht zu den Arbeitsbedingungen bei ihren türkischen Zuliefererfirmen äußern. Zara arbeitet inzwischen nicht mehr mit Samiloğlu und auch nicht mit der Nachfolgefirma zusammen. Die Arbeiter:innen vermuten, dass es weitere Unregelmäßigkeiten gab.

Kaltstellen durch unbezahlten Urlaub

Die Angestellten in unbezahlten Urlaub zu schicken, nutzen unseriöse Unternehmen derzeit nicht nur, um sich finanzielle Vorteile zu verschaffen, sondern auch, um unliebsame Mitarbeiter:innen kaltzustellen.

So erging es dem Lagerarbeiter Hüseyin Gül. Der nachdenkliche, zart wirkende 29-Jährige sitzt bei seiner Gewerkschaft, um sich Rat zu holen. Die linke Gewerkschaft DGD-SEN teilt sich ein Büro mit anderen unabhängigen Gewerkschaften. Es liegt im dritten Stock eines Altbaus im Ausgehviertel Kadiköy auf der asiatischen Seite Istanbuls. An der Wand steht ein Regal voller Bücher, in einer Ecke eine staubige Gitarre.

Menschen sitzen am Ufer auf Bänken, im Hintergrund ein Ausflugsdampfer. (Emre Çaylak)Beliebtes Ziel auch für Touristen in Istanbul - das Viertel Kadıköy. (Emre Çaylak)

Gül arbeitete in einem Lager der Lebensmittelhandelskette Migros. Er verpackte dort Obst und Gemüse. Dabei hatte Gül sich seine berufliche Karriere eigentlich ganz anders vorgestellt.

"Wissen Sie, ich habe eigentlich einen Universitätsabschluss. Ich bin Philosophielehrer und habe auch einen Abschluss in Soziologie, aber es ist gerade sehr schwer, eine Stelle als Dozent zu bekommen. Ich habe mich auf mindestens 50 Stellen beworben. Dann habe ich bei Migros angefangen. Das sollte eigentlich nur vorübergehend sein. Aber dort arbeite ich jetzt schon seit zwei Jahren."

"Die Firmenbesitzer haben praktisch freie Hand"

Gül trifft sich zur Besprechung mit Neslihan Acar, der Chefin seiner Gewerkschaft, bevor die beiden wieder zu ihrer täglichen Protestveranstaltung vor dem Firmensitz der Anadolu-Gruppe fahren. Zu ihr gehört auch Güls dann schon Ex-Arbeitgeber Migros-Türkei, eine eigenständige Schwestergesellschaft der Schweizer Lebensmittelhandelskette.

Die kleine Gewerkschaft wurde 2003 von Migros-Arbeiter:innen selbst gegründet, weil es auch schon früher häufig Probleme mit dem Arbeitgeber gab. Auch Acar selbst hat schon in einem Lager gearbeitet. Sie kennt daher die Probleme aus eigener Anschauung.

Gül und 40 Kolleg:innen wurden mit unbezahltem Urlaub abgestraft, weil sie sich beschwert hatten. Dabei gab es genug Arbeit für alle Angestellten. Es wurden sogar neue Leute eingestellt. Beweis dafür, dass der unbezahlte Urlaub nur vorgeschoben war, sagt Acar. Die kleine rundliche 34-jährige ist ein Energiebündel und redet viel.

"Das Gesetz sagt, wenn eine Firma weniger zu tun hat, kann sie ihre Angestellten in unbezahlten Urlaub schicken, egal ob das gerechtfertigt ist oder nicht. Das wird nicht kontrolliert. Die Firmenbesitzer haben da praktisch freie Hand."

Drei Frauen mit vollen Tüten kommen aus dem Supermarkt Migros in Istanbul. (Emre Çaylak)Ein Arbeitgeber, mit dem es öfter mal Probleme gibt - eine Filiale der Lebensmittelhandelskette Migros in Kadıköy. (Emre Çaylak)

Die Arbeit in dem Lager sei schon immer hart gewesen, aber mit der Pandemie sei sie unerträglich geworden, erzählt Gül. Denn auch im Lebensmittelhandel blühte und blüht in dieser Zeit der Online-Handel, was deutlich mehr Aufwand bedeute. Er zieht an seiner selbst gerollten Zigarette und schaut aus dem Fenster.

"Unsere Arbeit wurde zu einem echten Knochenjob. Wochentags fingen wir um sechs Uhr morgens an und blieben oft bis 23 Uhr. Samstags und sonntags von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends.

Die Arbeit nahm einfach kein Ende. Wir arbeiten ja mit frischen Lebensmitteln. Die dürfen nicht so lange liegen bleiben. Es ist schon vorgekommen, dass ich am Samstag morgens gekommen und am Sonntag mittags nach Hause gegangen bin."

Kaum Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie

Das ging über Monate so. Irgendwann reichte es Gül. Denn neben der harten Arbeit kam auch noch die Infektionsgefahr dazu. Die Firma habe sich überhaupt nicht um Schutzmaßnahmen gekümmert, sagt er. Es gab nur jeweils eine Toilette für Männer und Frauen, die laut Güls Angaben sehr dreckig war.

Und Pause machten alle gemeinsam in einem kleinen Speisesaal. Erst als die Arbeiter:innen sich beschwerten, stellte die Firma ihnen eine paar Masken und Desinfektionsspray zur Verfügung.

"In meiner Abteilung arbeiten 40 oder 50 Leute und ungefähr 30 von ihnen hatten im Laufe der Zeit Corona. Und wir arbeiten ja alle nah beieinander. Wir essen im gleichen Raum, wir benutzen das gleiche Equipment. Ich habe also engen Kontakt mit meinen Kolleg:innen. Deshalb sollte ich eigentlich in Quarantäne gehen, wenn jemand erkrankt ist. Aber mein Chef sagte: Kommt gar nicht infrage."

Ähnliches geschah in zahlreichen Firmen und Fabriken in der ganzen Türkei.

Gesundheitsvorkehrungen wurden häufig komplett ignoriert, vor allem zu Beginn der Pandemie. Aber teilweise passiert das immer noch – sowohl bei Firmen, die nur für den türkischen Markt produzieren, wie bei der Elektronikkette Arcelik, als auch bei Zulieferern internationaler Handelsketten.

Coronainfizierte, die für H&M arbeiten müssen

In einem Fall, über den türkische Zeitungen berichteten, hatte eine Firma, die für den schwedischen Modekonzern H&M produziert, ihre Angestellten gezwungen zur Arbeit zu kommen, inklusive dem coronainfizierten Vorarbeiter. Immer auf der Jagd nach Aufträgen.

Das Ergebnis: Dutzende wurden krank, zwei Menschen starben. Es geht auch eine Nummer kleiner, aber kein bisschen besser. Die Fortsetzung der Geschichte von Hüseyin Gül aus dem Migros-Lebensmittellager geht so: Aus einer defekten Abwasserleitung tropft Wasser auf die Kartons mit Obst und Gemüse.

"Jeder in unserer Abteilung sah das Problem, aber wir wurden gezwungen, weiterzuarbeiten, während es auf uns herabtropfte. Ich ging zu meinem Vorgesetzten und sagte: Wie kann ich da arbeiten, wenn Abwasser auf uns herabregnet.

An dem Tag wurde ich um 17 Uhr nach Hause geschickt. Ich dachte mir schon, dass sie mich entlassen würden."

 Ein Mann mit gelben Shirt, weißem Umhang und schwarzem Mundschutz reckt die linke Faust in die Höhe. (Emre Çaylak)Unbezahlter Urlaub wegen Kritik an den Arbeitsumständen - Hüseyin Gül während des Protestes vor dem Gebäude der Anadolu Gruppe. (Emre Çaylak)

Konsequenz für ihn und für alle, die sich beschwert hatten: unbezahlter Urlaub. Und jetzt protestieren sie vor der Firmenzentrale der Anadolu-Gruppe, einem mehr als dreißigstöckigen Hochhaus. Es liegt nahe einer Stadtautobahn auf der asiatischen Seite von Istanbul.

Die Anadolu-Gruppe kooperiert mit vielen internationalen Firmen wie Coca Cola, Faber-Castell, McDonald's und Honda. Seit über drei Monaten protestieren sie dort jeden Tag. Auch an diesem warmen Nachmittag Mitte April stehen wieder zehn Angestellte vor dem Gebäude, darunter auch Hüseyin Gül und die Gewerkschafterin Neslihan Acar.

Mehrere Frauen mit Mundschutz und weißen bedruckten Umhängen stehen an einer Straße. (Emre Caylak)"Wir werden uns nicht mit unbezahltem Urlaub und Mobbing abfinden" - Auch Gewerkschaftschefin Neslihan Acar protestiert gegen die Arbeitsbedingungen in der Türkei. (Emre Caylak)

Über ihrer Kleidung tragen sie weiße Westen mit der Aufschrift ihrer Gewerkschaft. Sobald die Angestellten aus dem Bürogebäude kommen, rücken sie an die Firmenbusse heran, recken ihre Fäuste in die Luft und rufen:

"Wir werden uns nicht mit unbezahltem Urlaub, Mobbing und Gewerkschaftsfeindlichkeit abfinden."

Die Gewerkschaft hat die Behörden über die desolaten hygienischen Zustände in dem Migros-Lager informiert. Aber Kontrollen vor Ort ergaben keine Beanstandungen, erzählt Neslihan Acar.

"Das ist eine glatte Lüge"

"Das Arbeitsministerium schreibt im Kontrollbericht: ‚Es konnten keine Missstände festgestellt werden, weder was die öffentliche Gesundheit noch, was die Gesundheit der Arbeitenden betrifft‘. Das ist eine glatte Lüge. Wir glauben, dass entweder gar keine Kontrollen stattgefunden haben oder die Kontrolleure bestochen wurden."

Eine Gruppe Menschen mit weißen ärmellosen Umhängen stehen am Straßenrand und recken die Fäuste gegen vorbeifahrende Busse. (Emre Çaylak)Wer an Protesten teilnimmt, riskiert die Entlassung - Gewerkschafter recken die Fäuste gegen Firmenbusse, in denen die Angestellten der Anadolu-Gruppe sitzen. (Emre Çaylak)

Protest auch vor dem Privatanwesen von Tuncay Özilhan, dem Besitzer der Anadolu-Gruppe und einer der mächtigsten Wirtschaftsgrößen der Türkei. Er hat bei dem Gouverneur von Istanbul ein Demonstrationsverbot für sein Grundstück erwirkt und lässt seine protestierenden Angestellten nicht zum ersten Mal durch die Polizei von der Straße räumen.

Rund zwei Monate nach Beginn der Proteste bekamen Hüseyin Gül und einige seiner Kolleg:innen dann ihre Kündigung. Dies war trotz des geltenden Entlassungsstopps in der Türkei möglich, da hiervon Ausnahmen möglich sind:  Arbeiter:innen können immer noch wegen sogenanntem "schweren Fehlverhalten" entlassen werden.

Darunter fallen zum Beispiel Diebstahl, häufiges alkoholisiertes oder zu spätes zur Arbeit Kommen oder sexuelle Übergriffe. Diese Regel ist als Code 29 bekannt. Gül hatte sich nichts dergleichen zu Schulden kommen lassen.

Der Kampf geht weiter

Die Firmen umgehen damit den vorübergehenden pandemiebedingten Kündigungsschutz. Die Kündigung unter dem vorgeschobenen Vorwand des Code 29 trifft zur Zeit immer mehr Arbeiter:innen in der Türkei, berichten türkische Medien.

Auf diese Art seine Arbeit zu verlieren, bedeutet auch eine Stigmatisierung der Betroffenen. Denn: "Irgendwas bleibt immer hängen". Gül ist Realist:

"Ich bin jetzt also nach Code 29 entlassen worden. Wenn ich mich nun woanders für einen Job bewerbe, dann sieht der Chef da: aha, Code 29. Und dann wirst du nicht mal zum Vorstellungsgespräch eingeladen."

Besserung ist kaum in Sicht. Ende des Monats soll der allgemeine Kündigungsstopp aufgehoben werden und auch die Regelung zur Kurzarbeit auslaufen. Und das, obwohl die Pandemie noch lange nicht ausgestanden ist. Der Kampf der Arbeiter:innen in der Türkei geht also weiter.
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