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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 30.09.2015

Mode aus LübbenauSpreewald-Trachten mit Totenkopf-Muster

Von Vanja Budde

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Die Designerin Sarah Gwiszcz inmitten ihrer Mode (Deutschlandradio / Vanja Budde)
Moderne Spreewald-Trachten der Designerin Sarah Gwiszcz (Deutschlandradio / Vanja Budde)

"Wurlawy" – "Wilde Spreewaldfrauen“, so heißt das Label der Designerin Sarah Gwiszcz. Die 27-Jährige kombiniert traditionelles Design von Sorben und Wenden mit modernen Schnitten und Stoffen. In Berlin wollte sie nicht bleiben. Nun eröffnet ihr Laden in Lübbenau.

Sarah Gwisczc beugt sich konzentriert über die Nähmaschine. Ihre Dreadlock-Extensions in Neonfarben vibrieren im Takt der Nadel, das Lippenpircing glitzert silbern im Sonnenlicht, das durch das schräge Fenster ihres kleinen Ateliers im Dachboden ihres Elternhauses fällt. Auf einem Stuhl liegt "Fuchsi", das Kätzchen, und schnurrt vor Behagen. Auf einem großen Zuschneidetisch liegen Skizzenblätter, Stoffproben hängen an der Wand, ein blaues Tuch ist um eine Schaufensterpuppe gewunden. Es ist gemütlich hier in dem Dachstübchen, dabei ist Sarah Gwisczc total im Stress:

"Ich habe heute, direkt heute meinen Mietvertrag unterschrieben. Ich eröffne nämlich am 30. Oktober meinen Laden in Lübbenau."

Der Laden muss noch eingerichtet und die Kleider für den Verkauf fertig genäht werden. Gleichzeitig rufen dauernd Kundinnen an und fragen nach ihren Bestellungen.

An Kleiderstangen unter der Dachschräge hängen Trägerkleider, geraffte Röcke und kurze Jäckchen in tintenblau, smaragdgrün, senfgelb. Kräftige Farben, leichte Stoffe und moderne Schnitte. Auf der Homepage präsentiert von einem stark tätowierten Modell mit schwarz geschminkten Katzenaugen. Inspiriert ist das alles allerdings von der traditionellen mehr als hundert Jahre alten Sorbentracht der Spreewaldfrauen.

"Das ist ein Samtmieder, was geschnürt ist vorne oder geknöpft. Daran ist ein Wollrock, über diesen Rock die Blaudruckschürze mit diesem typischen blau-weißen Muster."

Würde und ein ganz anderes Körpergefühl durch die Tracht

Dazu kamen noch eine Trachtenbluse, Schultertücher und eckige Hauben, erklärt die 27-jährige Sarah Gisczc. Sie hat in Berlin Modedesign studiert und sich in der Punker-Szene getummelt. Doch die Traditionen ihrer wasser- und mythenreichen Heimat – dem Spreewald - haben sie als Kind tief geprägt.

"Ich hab eine Urgroßtante, die war Kahnfährfrau. Die hat auch noch tagtäglich die Tracht getragen oder man sagt ja 'sie ist wendisch gegangen'. Ich habe meine Urgroßtante geliebt, die war total lustig. Das findet man einfach schön, irgendwie angenehm, heimelig. Die Tracht gehört zum Spreewald dazu, zu meiner Heimat und die war halt immer dabei im Bild, auch im Kopf."

Die Designerin Sarah Gwiszcz an der Nähmaschine (Deutschlandradio / Vanja Budde)Die Designerin Sarah Gwiszcz an der Nähmaschine (Deutschlandradio / Vanja Budde)

Heimatverbundenheit war der eine Antrieb: Sarah Gwisczc sieht zwar aus, als ginge sie gleich auf ein Punkrock-Konzert, mag es aber ruhig und ländlich. Zweitens will sie  ihren Kundinnen eine Alternative bieten zum C&A-Einheitslook. An die Tracht angelehnt, weil die nichts Verstaubtes habe, sondern den Trägerinnen Würde verleihe und ein ganz anderes Körpergefühl.

"Inzwischen hab' ich auch selber eine Tracht, von der Urgroßmutter von meinem Freund, die habe ich wieder aufgearbeitet. Man bewegt sich ganz anders, weil man schon allein von dem Gewicht der Tracht irgendwie schon in eine ganz andere Bahn gezogen wird. Und ich finde, viele Frauen wirken in so einer Tracht einfach mal fraulicher und viel schöner, als wenn man die dann nachher im Alltag sieht."

Nicht alle sind begeistert von Sarah Gwiszcz' Mode

"Wurlawy" hat Sarah Gwisczc ihr Label genannt: Nach den wilden Waldgeistern in Frauengestalt, von denen die Märchen der kahnstakenden Großtante erzählten. Dem hippen Berlin hat sie ganz bewusst den Rücken gekehrt. Dort wäre sie eine von zu vielen Modedesignerinnen gewesen, hier im biederen Spreewald fällt sie auf.

"Meine Passion an der ganzen Sache ist ja auch, die Tracht wieder in den Alltag zu bringen. Die ist ja ziemlich aus dem Alltag verschwunden, weil es einfach zu kompliziert ist, sich die anzuziehen. Das dauert einfach zu lange. Da ist eine Jeans und ein T-Shirt einfach einfacher. Und meine Sachen sind eben alltagstauglich. Das war eben so mein Gedanke, mein Ziel: tragbar und schick, ich habe ja auch Hoodies dabei, oder eben dieses Trachtige, dieses Heimatgefühl eben auch mit sich zu tragen."

Ihre Kapuzenshirts kann man auch im Technoclub anziehen oder in den gerafften Röcken mit dem verspielten Libellen-Muster ins Büro gehen. Sarah Gwisczc verkauft an Touristen, aber auch Einheimische. Doch ihre pfiffig-frechen Kollektionen treffen nicht nur auf Zustimmung, räumt sie freimütig ein: Die Spreewälder sind traditionsbewusst und oft auch konservativ. Nicht alle sind begeistert von Polkajäckchen mit grünen Filzärmeln und schrillbunten Totenkopf-Mustern, Hosenröcken, in denen frau auch Fahrrad fahren kann oder Zierschürzchen als augenzwinkernder Modegag über Vokuhila-Röcken.

"Die wollen eben die Tracht wirklich auf ihren Ursprung sehen und so, wie sie 1901 getragen wurde, meinetwegen. Und sehen dabei gar nicht, dass über die gesamte Zeit, die die Tracht getragen wurde, das sind über 100 Jahre: Die wurde immer wieder weiterentwickelt, auch in den verschiedenen Dörfern verschieden weiterentwickelt. Und da würde ich nie sagen, dass es da einen Stillstand geben darf."

Mehr zur Mode von Sarah Gwiszcz finden Sie auf derWebseite ihres Labels.

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