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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 28.08.2014

MobilitätWeil's schick ist

Über den Störenfried SUV

Von Gerhard Richter

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Auf dem Autosalon Genf im Palexpo Messegelände wird am 06.03.2012 der neue Opel Mokka präsentiert. Beim 82. Internationalen Automobilsalon werden rund 180 Welt- und Europapremieren vom 08. bis zum 18 März gezeigt.  (picture alliance / dpa / Uli Deck)
Der Opel Mokka gehört zur SUV-Klasse. (picture alliance / dpa / Uli Deck)

Das Geschäft mit Sport Utility Vehicles - kurz: SUV - brummt. Doch die meisten Besitzer fahren damit nie über matschige Äcker. Sie lieben nur das Adventure-Feeling und vergessen dabei, dass ihre PS-starken Brummer eine Gefahr für schwächere Verkehrsteilnehmer sind.

Große, breite Räder, darauf eine Karosserie, so kompakt wie eine geballte Faust. Fast anderthalb Tonnen schwer ist beispielsweise der neue SUV von Opel, große Bodenfreiheit, der Kühlergrill so robust wie ein Kuhfänger. Das Modell könnte "Morast" heißen, nennt sich aber Mokka.

"Wo die Leute sagen, das ist sehr schick. Ein sehr sehr schickes Auto."

Egbert Techen ist Verkäufer im Autohaus Kipke im brandenburgischen Wittstock. Ringsum Feld und Wald, eigentlich das richtige Terrain für einen SUV. Tatsächlich verlangen Landwirte und Förster nach solchen Autos, die nehmen auch die Allradvariante – weil sie die brauchen. Die allermeisten finden Geländetechnik aber einfach nur schick:

"Mann Frau sagen, obwohl sie es tatsächlich wahrscheinlich eher nicht brauchen, wirklich nur auf befestigten Straßen fahren: Find ick toll! Ich hab ein Allradfahrzeug!"

Soziologe: Ein Beispiel für "Interpassivität"

Tatsächlich wühlen sich die meisten SUVs nie durch einen Acker, sondern quetschen sich höchstens in die Parklücke vor dem Bioladen. Ein Widerspruch zwischen Image und dem tatsächlichen Gebrauch. Der Soziologe Jens Hälterlein sieht darin ein Beispiel für Interpassivität. Das ist eine käufliche Antwort auf die Interaktivität, die uns der Kulturkapitalismus täglich von uns fordert. 
 
"Nicht nur zu konsumieren, sondern aktiv Verantwortung, Teilnahme, Engagement zu übernehmen. Interpassivität wäre dann sozusagen ein Gegenentwurf zu dieser allgemeinen Aktivitäts-, Engagement- und Teilnahme-Aufforderung. Indem es erst mal ein Modell liefert, wie man sich dem im Alltag verweigern kann."

Der wirklich interaktive Mensch fährt mit dem Landrover für ein Aufforstungsprojekt junge Bäumchen in die Wüste. Der Interpassive fährt auf der Autobahn durchs Naturschutzgebiet – mit einem SUV.

"Das was er verspricht, nämlich sowas wie Adventure-Feeling, Offroad-Erfahrung, das Durchbrechen von Konventionen, andere Wege zu gehen, seinen individuellen Weg zum Erfolg zu suchen, dass er das zwar verkörpert symbolisch, aber wenn man dieses Auto besitzt und fährt, man das eigentlich gar nicht mehr de facto machen braucht."

"Man fährt damit in der Stadt"

Dicke Räder, viel Gewicht, viel PS. Was macht man dann mit so einem Fahrzeug? Der Leiter der Unfallforschung der Versicherten, Siegfried Brockmann hat SUV-Fahrerinnen und -Fahrer befragt. 

"In der Regel fährt man damit in der Stadt. Teilweise sind wir auch sehr hoch motorisiert. Das heißt auch Langstrecken sind damit kein Problem. Das ist also nicht etwa ein Zweitfahrzeug, um mal damit in den Wald zu fahren oder ins Gelände, sondern das ist eines der Hauptfahrzeuge der Familie, mit denen man alles machen kann, was man halt so macht. Und in der Regel gehört da nicht dazu, dass man Ausritte ins Gelände macht." 

Vorteile für Frauen und Ältere

Warum sind diese Riesengefährte dann so beliebt? In Zeiten von Klimaschutz und Kleinstwagen. Siegfried Brockmann fand heraus…

"…dass ein wesentlicher Grund für Frauen darin liegt, dass sie eine sehr sehr gute Rundumsicht aus diesem Fahrzeug haben. Dass sie oft auch größer sind, man kann also auch zwei oder drei Kinder mitnehmen in dem Fahrzeug. Und dann gibt es noch eine große Gruppe von Nutzern, die schon etwas betagter sind, die sich darüber freuen dass man aus diesem Auto viel leichter ein und aussteigen kann, einfach weil es höher liegt."

Die Alten kommen leichter rein, und Frauen sehen besser raus. Das künstliche Hüftgelenk und die Sehnsucht nach Geborgenheit auf Rädern verleiten also dazu, sich einen SUV zu kaufen. Weil alles höher ist, auch die Stoßfänger und Schweller gelten sie bei Unfallforschern als "inkompatibel". Besonders beim Crash. 

"Fast immer trifft das natürlich zu, wenn SUV in ein anderes Fahrzeug hineinfahren, dann verursachen sie dort, besonders bei Seitenaufprall natürlich erhebliche Verletzungen. Im Umkehrschluss ist es aber so, wenn ein SUV von der Seite getroffen wird, ist die Wahrscheinlichkeit der Insassen höher, unverletzt bleiben." 

Auch das ist der SUV: eine Ego-Knautschzone auf Kosten der Kleinen. 

Mehr zum Thema:

Autokäufer scheren sich "überhaupt nicht" um die Umwelt (Deutschlandfunk, Interview, 29.12.2012)

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