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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 21.06.2014

MobilitätRüpelzone Straßenverkehr

Wie können Radler, Autofahrer und Fußgänger fairer miteinander klar kommen?

Gäste: Lutz Tesch, Verkehrspsychologe und Martin Randelhoff, Verkehrswissenschaftler und Betreiber des Blogs "Zukunft Mobilität"

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Blick auf ein Stop-Schild im Dunkeln. (deutschlandradio.de / Daniela Kurz)
Wie kann der Verkehr für alle Teilnehmer erträglich werden? Darüber wollen wir reden. (deutschlandradio.de / Daniela Kurz)

Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs in dieser Woche ist die umstrittene Helmpflicht erst einmal vom Tisch. Radfahrern steht demzufolge auch dann bei einem unverschuldeten Unfall voller Schadenersatz zu, wenn sie keinen Helm getragen haben.

Was aber bleibt, ist die Diskussion über die Gefahren im Straßenverkehr und die zunehmende Aggressivität.

"Wir haben ein großes Problem, was das gegenseitige Verständnis angeht", sagt der Verkehrswissenschaftler Martin Randelhoff.  Er betreibt den Internet-Blog "Zukunft Mobilität", der 2012 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde.  

"Nehmen Sie die Fahrradfahrer: Für die ist wichtig: 'Welche Qualität haben die Radwege? Ist es sicherer auf der Straße zu fahren oder auf dem Gehweg?' Fast allen Autofahrern fehlt das Verständnis, wie das ist, wenn man von vielen Autos bedrängt wird. Die Autofahrer sagen mir wiederum: 'Wir müssen immer mehr zurückstecken, es werden immer mehr Radwege angelegt, immer mehr Fußwege'."

Debatte über Ressourcen für Gestaltung des öffentlichen Raums

Die Städte hätten nur einen begrenzten Raum, die Verkehrsdichte nehme zu; auch deshalb komme es zu Konflikten, denn alle forderten ihr Recht. Städte und Länder verfügten zudem über begrenzte Ressourcen für die Verkehrsgestaltung: "Wir sollten eine Debatte darüber führen, wie wir sie aufteilen wollen."

"Die Frage dabei ist doch: Wer hat sich nach wem zu richten?", sagt hingegen der Verkehrspsychologe Lutz Tesch. Er kennt den täglichen Kleinkrieg auf den Straßen auch aus seiner jahrelangen Erfahrung als Fahrlehrer.

"Nirgendwo sind wir so gefährlich und so gefährdet wie im Auto. Nirgendwo fühlen wir uns aber auch so sicher und geborgen wie im Auto. Man entspannt sich, hat sein 'Sofa', seine Schutzhülle, seine Würde. Das Auto ist ein Wunderding: Es macht kleine Leute groß. Man sieht  neben einem Porsche einfach besser aus, als neben einem Trabbi."

Gerade deshalb reagierten viele Autofahrer umso empörter und aggressiver, wenn sich jemand erdreiste, diesen Schutzraum in irgendeiner Form infrage zu stellen – indem er zu dicht auffährt, einem den Parkplatz wegschnappt oder ganz und gar dem guten Stück eine Schramme zufügt.

Fußgänger als "empörte Zuschauer"

Der Psychotherapeut kennt aber auch das "Innenleben" der Radfahrer: "Der Radfahrer fährt mit der Würde eines ökologisch verkehrenden Menschen. Er verbindet damit den Anspruch, in besonderem Maße die gute Seite unseres Verkehrs zu repräsentieren. Darüber hinaus kommt ihm auch die Würde des Opfers zu. Er, als gewissermaßen nackter Mensch im Straßenverkehr, erwartet von den fahrenden Sofas, dass sie Rücksicht nehmen."

…und der Fußgänger: "Der Fußgänger ist empörter Zuschauer. Er ist schutzbedürftig. Ihm sind Regeln im Straßenverkehr kaum gegenwärtig, er braucht sie auch nicht. Sie sind potenziell die Opfer, noch eher als die Radfahrer."

"Rüpelzone Straßenverkehr: Wie können Radler, Autofahrer und Fußgänger fairer miteinander klarkommen?“

Darüber diskutiert Gisela Steinhauer heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit Martin Randelhoff und Lutz Tesch. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 2254  2254  oder per E-Mail unter gespraech@deutschlandradiokultur.de.

Mehr zum Thema:

Über Martin Randelhoff und den Blog "Zukunft Mobilität"

Über Lutz Tesch

Lebenswerte Stadt - "Mobilität findet im Kopf statt" (Deutschlandradio Kultur, Thema, 20.05.2014)

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