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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 19.04.2011

Mobil trotz Behinderung

Eine Mitmach-Seite im Internet informiert über rollstuhlgerechte Orte

Von Thomas Gith

Mit dem Rollstuhl ins Restaurant oder Cafe - da gibt es oft Probleme. (Stock.XCHNG - Elizabeth Flores)
Mit dem Rollstuhl ins Restaurant oder Cafe - da gibt es oft Probleme. (Stock.XCHNG - Elizabeth Flores)

Treppen, schmale Türen oder fehlende Behindertentoiletten: Die 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer in Deutschland haben im Alltag mit vielen Hürden zu kämpfen. Nun gibt es für alle Betroffenen aber wertvolle Tipps im Internet: Auf einer digitalen Straßenkarte werden behindertengerechte Orte markiert.

Der 30-jährige Webentwickler Ingo Stöcker manövriert seinen Rollstuhl geschickt über ein holperiges Kopfsteinpflaster. Er fährt einen Bürgersteig hoch, bleibt dann auf einem sonnigen Fußgängerweg stehen. Unterwegs ist der junge Mann heute in Sachen Wheelmap – einer Straßen- und Gebäudekarte für Rollstuhlfahrer im Internet.

"Wir sind hier in Berlin Mitte, in der Nähe vom Alexanderplatz, in der Almstadtstraße und schauen uns jetzt hier Lokalitäten an, und überprüfen halt die Rollstuhlgerechtigkeit der Orte."

In dem Szeneviertel gibt es trendige Boutiquen, zahlreiche Bars und kleine Restaurants. Das Café Oliv, vor dem sich Ingo Stöcker mittlerweile befindet, hat ein paar Stühle auf der Straße stehen – doch der Weg nach innen führt über zwei Treppenstufen. Für den Rollstuhlfahrer ein unüberwindbares Hindernis. Er holt sein iPhone heraus, tippt auf den Button für die Wheelmap und notiert online, was er entdeckt hat.

"Die Position wird vom iPhone genau erkannt, es gibt halt einen GPS-Empfänger in dem iPhone, der die aktuelle Positionierung automatisch erkennt. Und wir vergeben jetzt die Kategorie nicht rollstuhlgerecht, wegen dieser zwei Stufen am Eingang."

Die Wheelmap greift dafür auf die Open-Street-Map zurück, eine kostenlose Karte im Internet. In ihr sind neben den Straßen auch Restaurants, Bibliotheken oder Kinos verzeichnet. Auch das Café ist vermerkt, der Rollstuhlstatus allerdings noch nicht. Ingo Stöcker macht eine Notiz und ein paar Minuten später ist der Café-Button in der Wheelmap rot unterlegt – und rot heißt: nicht rollstuhlgerecht. Ins Leben gerufen hat die Karte der 30-jährige Rollstuhlfahrer Raul Krauthausen. Er und seine Mitstreiter finanzieren das Projekt durch Spenden - und sie verfolgen ein wichtiges Ziel.

"Diese Karte zeigt, wo ich als Mensch mit Behinderung rein kann, um am Leben teilzuhaben. Und zwar ganz normal feiern kann, ganz normal einen Kuchen bestellen kann, ohne dass es irgendeine Sondereinrichtung sein muss, die sich auf Rollstuhlfahrer spezialisiert hat, ein Therapiezentrum ist oder irgendein Rollstuhltanzverein. Sondern dass es einfach darum geht, dass Menschen mit Behinderung genauso an der nichtbehinderten Gesellschaft teilhaben wie Nicht-Behinderte auch."

Raul Krauthausen hat damit offensichtlich einen Nerv getroffen: Seit rund einem halben Jahr ist die Seite online – und mittlerweile sind weltweit mehr als 30.000 Orte aufgelistet. Mobil lässt sich die Wheelmap derzeit nur mit dem iPhone nutzen – doch an Programmen für andere Smartphones arbeiten die Macher bereits. Und auch am heimischen Computer soll die Wheelmap künftig reibungslos funktionieren.

"Also momentan ist die Software optimiert auf den Firefox-Browser. Wir arbeiten gerade an einer optimierten Version für den Internetexplorer, der mit der Technologie, die wir einsetzen, noch nicht ganz so klar kommt."

Das heißt: Im Internet-Explorer baut sich die Seite nur langsam auf. Bei Firefox funktioniert aber alles problemlos: Die Straßenkarte erscheint vollständig, die Einträge lassen sich sofort aufrufen. Ist ein Ort rot markiert, heißt das: Nicht rollstuhlgerecht, grün bedeutet rollstuhlgerecht – also ohne Stufen und mit Behindertentoilette, gelb meint: teilweise rollstuhlgerecht. Bei einem grauen Kasten fehlt ein Eintrag bisher. Raul Krauthausen demonstriert das an einem Beispiel.

"Auf der Karte haben wir relativ viele Orte unterschiedlichster Art. Also Bankautomaten, Briefkästen, Supermärkte, Parkplätze, Restaurants, und dafür kann ich jetzt in den Kategorien auswählen und wenn ich jetzt hier alle ausschalte bis auf Essen und Trinken, dann sehe ich, wo gibt es in meiner Umgebung Essen- und Trinkmöglichkeiten und wenn ich dann sage, zeig mir bitte nur die Rollstuhlgerechten an, dann stellen wir fest, es gibt nur das Mc Donalds am Hauptbahnhof."

Eine Erfahrung, die auch Ingo Stöcker schon oft gemacht hat. In einem Umkreis von einigen hundert Metern hat ihm die Wheelmap heute noch kein einziges rollstuhlgerechtes Café angezeigt. Nachdem er einige Zeit durch die Straßen gefahren ist, hat er dann aber eines entdeckt.

"Wir befinden uns jetzt gerade in der Nähe der Volksbühne, in Berlin Mitte, in der Café & Bar Voss, und wir schauen jetzt einfach mal nach, ob diese Lokalität in der Wheelmap eingetragen ist."

Ergebnis: Das Café ist noch nicht verzeichnet. Ein neuer Eintrag samt Bewertung lohnt sich also – aber zunächst wird getestet: Mit dem Rollstuhl kommt man problemlos in das Café, Platz fürs Umherfahren gibt es auch genug - nur eine behindertengerechte Toilette fehlt. Ingo Stöcker nimmt sein iPhone und trägt alles in die Wheelmap ein.

"Wir haben vier erforderliche Felder, das heißt, wir geben einen Namen ein, den Typ der Lokalität, wir befinden uns in einem Café. Wir lassen vom iPhone direkt den Ort und die Position bestimmen und geben an, dass das Café Voss eingeschränkt rollstuhlgerecht ist. Es befindet sich nachweislich keine behindertengerechte Toilette hier."

Der junge Mann tippt die Daten ein und wenige Minuten später ist die Karte um einen Eintrag reicher: Gelb unterlegt erscheint ein Symbol für das Café in der Wheelmap. Und vom Mitmachen lebt das Projekt auch: Jeder kann sich registrieren lassen und Daten eingeben – per iPhone oder auch vom heimischen Computer. Wie auch bei Wikipedia werden die Einträge von den Nutzern selbst kontrolliert. Und in vielen deutschen Städten gibt es bereits zahlreiche Einträge: In Berlin, Hamburg und Erfurt etwa. Und wenn in einer Stadt noch gar nichts verzeichnet ist – einen Anfang kann jeder Rollstuhlfahrer jederzeit machen.

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