Donnerstag, 20.06.2019
 

Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 16.12.2018

Mixed Martial ArtsExtremisten bleiben draußen

Michael Behrendt im Gespräch mit Ramona Westhof

Beitrag hören Podcast abonnieren
Zwei Männer stehen in einem Ring, der eine schlägt gegen den Oberarm des anderen (Vladimir Astapkovich/dpa)
Eine Sportart ohne Anzählen: Mixed Martial Arts (Vladimir Astapkovich/dpa)

Kampfsport? Das ist doch so ein Nazi-Ding – besagt das Klischee. Die Realität des MMA sieht jedoch anders aus und hat viel mehr mit Disziplin und Fairness zu tun, als man vielleicht denkt. Sogar das Verletzungsrisiko ist geringer als etwa beim Boxen.

Ramona Westhof: MMA – Mixed Martial Arts ist wie der Name schon sagt, eine Mischsportart, in der Elemente aus verschiedenen Kampfsportarten zusammen kommen. Bei MMA-Kämpfen sind Schläge erlaubt, Tritte, Ellenbogen- und Knieeinsatz auch gegen Gegner, die schon am Boden liegen. Und das Ganze in einem achteckigen Käfig. Was dazu führt, dass MMA-Kämpfe ziemlich martialisch aussehen können. Michael Behrendt macht seit Jahrzehnten Kampfsport, trainiert MMA und in der Szene ist er als Gonzo bekannt. Und ist jetzt bei mir im Studio. Hallo!

Michael Behrendt: Grüß Sie!

MMA bedient sich bei Judo, Boxen und Kickboxen

Westhof: Welche Elemente von anderen Sportarten hat denn MMA übernommen?

Behrendt: Das ist eine gute Frage. Alle schlussendlich. Wir könnten sagen, dass geworfen wird wie beim Ringen, wie beim Judo geschlagen wird, wie beim Boxen, Kickboxen, getreten wie beim Savate. Das ist ja letztendlich das Schöne an dieser Kampfsportart, dass man sich auf seine speziellen Techniken konzentrieren kann, alles andere aber mit dabei haben sollte.

Westhof: Kampfsport ist ja oft mit einer bestimmten Philosophie verbunden, mehr noch als andere Sportarten vielleicht. Wie stark steckt denn diese Philosophie oder diese Philosophien noch im MMA, jetzt mal abgesehen von den Schlägen und Tritten?

Behrendt: Also Philosophien sind eher in Kampfkünsten. Natürlich steckt ein Ethos dahinter. Das ist vor allen Dingen das Fairplay, der olympische Gedanke, selbstverständlich, aber auch ganz, ganz stark Durchhaltevermögen, Disziplin. Wir sehen immer bloß das Ende einer sehr langen Geschichte, wenn wir uns die Kämpfe angucken. Wir sehen das Training nicht. Das ist nicht jedermanns Sache. Das ist ein ganz schöner Marathon.

Vier oder fünf Jahre bis zum ersten Kampf

Westhof: Was ist das für ein Marathon, wie sieht das aus, dieses Training?

Behrendt: Viel Kondition, viel Koordination, Kraft, Kraftausdauer, und wenn die physischen Grundlagen also da sind oder hergestellt sind, dann eine unglaublich komplexe Anzahl von Techniken.

Westhof: Was ist da so der Weg dahin? Wenn ich jetzt anfangen würde, MMA zu machen, wie lange würde es dauern, bis ich meinen ersten Kampf machen könnte?

Behrendt: Das ist schwer zu beantworten. Das ist also talentabhängig, das ist auch abhängig von Fokussierung, auch von Mut schlussendlich. Ich sage mal, im Durchschnitt fangen die Leute eher spezialisiert an, also im Standkampf oder im Bodenkampf, addieren dann den Rest dazu, vier Jahre, fünf Jahre, sehr fleißig.

Der Kampfsportler Michael Behrendt sitzt mit verschränkten Armen auf einer Bank. (privat)Michael Behrendt macht seit Jahrzehnten Kampfsport und trainiert MMA. (privat)

Westhof: Okay, das ist auf jeden Fall ein langer Weg. Ich habe am Anfang ein bisschen aufgezählt, was im MMA alles erlaubt ist. Was ist denn nicht erlaubt?

Behrendt: Nicht erlaubt sind Dinge, die also unmittelbar die Verletzung zur Folge haben und schlecht verhindert werden können. Also alles, was unsportlich ist: kratzen, beißen, spucken, Gegner beleidigen, Gegner angreifen, während der Kampf unterbrochen ist, direkte Angriffe. Also stumpfe Angriffe auf die Gelenke beispielsweise sind nicht gestattet. Direkte Angriffe auf die Augen sind nicht gestattet. Also wir passen auf unsere Kämpfer schon auf!

MMA hat geringeres Verletzungsrisiko als Boxen

Westhof: Schön, dass Sie aufeinander aufpassen, aber obwohl so viel erlaubt ist, sagen Sie ja, dass das Verletzungsrisiko bei MMA geringer ist als zum Beispiel beim Boxen. Es gibt auch Studien, die das untersucht haben. Warum ist denn das Risiko geringer, was ist da der Unterschied?

Behrendt: Der Unterschied ist, dass der strukturelle Ablauf eines Kampfes anders ist als beim Boxen. Geht der Kampfrichter dazwischen, ist der Kampf zu Ende, Punkt, das wars. Es gibt zum Beispiel beim MMA kein Anzählen. Das funktioniert nicht. Das heißt, Leute, die nur noch halb kampffähig sind, werden nicht wieder in den Kampf geschickt. Dann gibt es mindestens zwei Instanzen, die auf den Kämpfer aufpassen: Das ist der Referee, dessen vornehme Aufgabe es ist, den Kämpfer zu schützen, und natürlich der Coach, der jederzeit die Möglichkeit hat, den Kampf abzubrechen, ähnlich wie beim Boxen, indem man das Handtuch wirft. Die Techniken, die zur Aufgabe führen, sind sehr straight, die sind sehr direkt. Das heißt also, wird jemand zur Aufgabe gezwungen über einen Armstreckhebel, klopft er ab, der Kampf ist zu Ende.

Westhof: Was ist ein Armstreckhebel?

Behrendt: Das ist ein Angriff auf ein Gelenk, was den Arm quasi überstreckt. Das ist schmerzhaft und führ dazu, dass der andere im Prinzip aufgibt oder man selber. Kommt immer drauf an, wer ihn macht!

Der Sound, wenn die Tür zufällt

Westhof: Sie haben ja früher selber auch im Ring gestanden bei MMA-Kämpfen.

Behrendt: Ja.

Westhof: Wie fühlt sich das an? Ich stelle mir das total speziell vor, in diesem Käfig zu stehen.

Behrendt: Ich würde ganz gerne mal einhaken und sagen, das ist kein Käfig. Wir sperren Leute nicht ein, da rüttelt auch niemand an den Gitterstäben und ruft immer: 'Lass mich raus.'

Westhof: Genau, das ist so ein achteckiges Gitter.

Behrendt: Das ist ein Oktagon, das gemacht worden ist für diesen Sport. Das ist dafür da, um die Kämpfer zu schützen. Man könnte MMA auch im Ring, im Boxring machen, hätte dann aber das Problem mit den Seilen. Die Leute fallen beim Bodenkampf drunter durch oder beim Fallen in die Seile und verletzen sich. Deswegen ist das quasi eine Art Maschendraht, und das Oktagon ist achteckig, damit man seinen Gegner nicht in einer Ecke festpinnen kann. Darum geht es. Was ist das für ein Gefühl: Na ja, also ich sage mal, wenn so eine Tür hinter einem zugeht, das ist schon ein sehr spezieller Sound! Das ist schwer zu beschreiben. Da spielt durchaus also Adrenalin eine Rolle, Wille und natürlich auch die Grundsatzfrage, was man hier jetzt eigentlich macht. Das kommt immer ein bisschen drauf an, wie der Gegner einen anguckt!

"Angst vor denen, die gelächelt haben"

Westhof: Das heißt, was ist dann so der Unterschied? Lächelt man sich an, guckt man sich böse an?

Behrendt: Also vor denen, die gelächelt haben, hatte ich mehr Angst. Ich hatte beides, aber die Lächler waren üblicherweise die Besseren!

Westhof: Und haben Sie Angst vor einem Kampf gehabt?

Behrendt: Ich habe vor allen meinen Kämpfen, also von klein auf immer Angst gehabt vor den Kämpfen.

Westhof: Aber eher so im Sinn von Respekt, offensichtlich nicht genug Angst.

Behrendt: Nein, Angst. Richtig schwitzende Angst. Respekt gehört dazu.

Westhof: Und wie gehen Sie damit um?

Behrendt: Na das reicht von Nägelkauen bis einer körperlichen Reaktion, die man dann üblicherweise auf der Toilette vollführt.

Rechtsextremismus? Gibt's. Auch.

Westhof: Es gibt ja in der MMA-Szene, wie in vielen anderen Sportarten auch, Menschen mit extremistischen Weltanschauungen. Neonazis im Kampfsport ist da so das Klischee, von dem gerne berichtet wird. Die Realität sieht natürlich sicher ein bisschen anders aus. Wen sehen Sie beim Training und im Ring und im Zuschauerraum?

Behrendt: Also der Rechtsextremismusvorwurf taucht immer mal wieder auf, beim MMA, bei der Bundeswehr, irgendwann werden es Kindergärten sein. Das wäre völlig verfehlt, zu sagen, das gibt es nicht. Natürlich gibt es sowas. Da ist aber deutlich mehr Rauch als Feuer. Das will ich mal in aller Deutlichkeit sagen. Das Schlimme ist, wenn diese Vorwürfe auftauchen, werden natürlich, logischerweise, alle über einen Kamm geschert, und das ist nicht fair. Ja, die MMA-Gemeinde ist sicherlich ein Querschnitt durch die Gesellschaft mit Ausreißern, aber die Masse der Leute, die ich kenne, persönlich kenne, Kämpfer, Betreuer, Veranstalter, Manager, sind also höchstkorrekte Leute, bei denen das Wort Extremismus völlig verfehlt wäre.

Westhof: Aber trotzdem kommt es ja wahrscheinlich vor, dass Leute konträre Einstellungen haben, die sich gegenüberstehen bei einem Kampf, und der Unterschied zu anderen Sportarten ist da ja, dass man sich bei anderen Sportarten nicht schlägt. Wie kriegen die Leute das hin, dass die Politik draußen bleibt bei dem Kampf oder im Training?

Behrendt: Also ich würde gerne Dollar gegen Pesos wetten, dass jemand die politischen Einstellungen seines Gegenübers gar nicht kennt.

Westhof: Das heißt, darüber wird einfach nicht gesprochen.

Behrendt: Natürlich wird drüber gesprochen, aber sie spielen keine Rolle. Das ist doch Quatsch. Das ist doch, als würde man seinen Gegner vorher fragen, bist du etwa Vegetarier, und daraus dann ableiten, dass man ihn jetzt ganz übel verhauen muss oder dass man ganz übel verhauen wird, weil der andere die Fleischfresser aus moralischen Gründen nicht leiden kann. Das ist doch Unfug.

"Ich lade Extremisten nicht ein"

Westhof: Ich denke jetzt an krassere Gegensätze, wenn zum Beispiel ein Salafist einem Neonazi gegenübersteht. So krass muss es ja gar nicht sein, aber wenn da Links- und Rechtsextreme gegenüberstehen zum Beispiel, wie funktioniert es, dass man trotzdem fair miteinander kämpft, oder kommt das einfach gar nicht vor?

Behrendt: Das kommt nicht vor. Da sind die Veranstalter also durchaus in der Verantwortung. Leute mit extremistischem Hintergrund werden zumindest bei den Veranstaltungen, bei denen ich moderiere, gar nicht erst eingeladen, aber das ist – ich sage es noch mal –, das ist eine Hand voll. Das ist Sport. Da hat Politik nichts zu suchen, und alles andere ist das Leben. Da hat Extremismus schon gar nichts zu suchen. Da sind wir uns auch einig.

Westhof: Das ist doch total schön, wenn das funktioniert im Sport.

Behrendt: Das funktioniert!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Boxen in Deutschland - Die goldene Ära ist vorbei
(Deutschlandfunk, Sport am Wochenende, 02.12.2018)

Rechtsextreme Kampfsportler - Rechter Haken
(Deutschlandfunk Kultur, Nachspiel, 04.11.2018)

Rechtsextremismus - Warum Hooligans immer gefährlicher werden
(Deutschlandfunk Kultur, Nachspiel, 17.06.2018)

Nachspiel

Unfälle im FreizeitsportKrücke statt Surfbrett
Eine Ärztin sitzt am in einer Arztpraxis am Schreibtisch, während ein Patient mit Krücken im Sprechzimmer steht. (picture-alliance / dpa / Christin Klose)

Ein Moment der Unachtsamkeit, eine Windbö auf dem Wasser oder auch Materialversagen: Kleine Anlässe, die zu einer Sportverletzung führen können, gibt es viele. Was dann folgt, sind monate- oder jahrelange Wege zurück in die Beweglichkeit. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur