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Tonart | Beitrag vom 10.05.2016

"Mitsingchor" in WienDer Klang von 1000 Stimmen

Von Julia Kaiser

Simon Halsey (Rundfunkchor Berlin/ Matthias Heyde)
Mit dem Dirigenten Simon Halsey musizieren zu dürfen - für die Laiensänger des "Mitsingchors" ein faszinierendes Erlebnis. (Rundfunkchor Berlin/ Matthias Heyde)

Für die internationalen Mitsingkonzerte des Rundfunkchors Berlin proben Laiensänger ein Wochenende und treten dann gemeinsam mit Profis auf. Diesmal ging es für 1000 Sängerinnen und Sänger aus 14 Ländern nach Wien, um dort Schuberts Es-Dur-Messe aufzuführen.

"Fantasmatisch! Ich finde, wie bei anderen Mitsingkonzerten, bei denen ich schon dabei war, die Stimmung ist so ein bisschen aufgeregt. Alle sind ganz gespannt, wie es wohl wird. Die erste Probe liegt schon hinter uns, jetzt ist der zweite Probenblock. Es bringt ganz viel Spaß!",

…sagen die Altistinnen Katharina und Cornelia Pauke. Die beiden Schwestern kommen aus Hamburg und dem Ruhrgebiet und nutzen den Internationalen Mitsingchor für ein Familientreffen in Wien. Ehemänner und Kinder sind auch dabei. Nicht alle singen mit, aber alle teilen die Freude an der Musik. 

"Wo ist jetzt Renate?"
"Da vorne ist Sopran, hier ist Bass."
"Hallo, da sei ihr ja! Ich hab Euch schon gesucht."


Probenort ist die Minoritenkirche im ersten Wiener Stadtbezirk, ein fast rundes gotisches Kirchenschiff, mit hohen Fenstern. Während die Sängerinnen und Sänger aus 14 Nationen ihre Sitzplätze suchen, begrüßen sich hier und da Menschen, die sich schon vom Mitsingchor mit dem Rundfunkchor Berlin vor zwei Jahren in Budapest kennen. 1000 Menschen werden diesmal im Wiener Konzerthaus zusammen Schuberts Es-Dur-Messe singen.

Proben im Schichtbetrieb

In die Minoritenkirche passen so viele gar nicht gleichzeitig hinein, deshalb laufen die beiden Vorbereitungstage in Schichten zu je 500 Sängerinnen und Sängern ab. Ein ungewöhnliches, aber gelungenes Konzept von interaktivem Kulturtourismus, findet Katharina Pauke. 

"Es ist für Laiensänger total attraktiv, mit professionellen Musikern zusammen solche tolle Musik zu machen. Dadurch haben wir die  Chance, halt auf etwas höherem Niveau Probenarbeit kennen zu lernen, das ist toll! Und warum nicht eine Reise damit kombinieren, eine Stadt kennenlernen und gleichzeitig dieses Kultur-Event haben."
 
"Bravo! Ich komme in die Kirche, um mit Ihnen zu reden."
"Was sagt er?"


Simon Halsey, der ehemalige Chefdirigent des Rundfunkchores und jetzige Ehrendirigent, leitet die Proben. Zwar sehen ihn alle, wenn er vorn in der Mitte steht, aber er kommt dazwischen auch einmal ringsum zu den Gruppen, um etwas persönlicher mit ihnen zu sprechen. Wenngleich das bei dieser Chorgröße eine Zeit lang dauert. 

Die Es-Dur-Messe war das letzte Stück, das Franz Schubert geschrieben hat, als 31-Jähriger, kurz vor seinem Tod.

"Das Stück ist so verrückt. Schubert war ziemlich krank und er hatte Angst. Das hört man die ganze Zeit in dem Stück. Aber, bleiben Sie ruhig."

"Diese Masse macht einen besonderen Klang"

Mit Simon Halsey musizieren zu dürfen, das ist für die Allermeisten der Hauptgrund, warum sie hier dabei sind. 

"Die Mimik! Seine ganze Körpersprache, wie er mit einfachen Worten uns Choristen verständlich machen kann, was er überhaupt will; wie zum Beispiel 'zarte Prinzessinnen'. Dann geht er in die Kopfstimme und tänzelt auf der Bühne entlang, und jeder versteht sofort, wie wir diese Sätze zu singen haben.
Ich finde, er ist einer der wenigen Ganzkörpermusiker. Jede Zelle von ihm ist Musik. Die Suggestivkraft, mit der er alle Menschen unter einen Hut kriegt. Und es hilft natürlich auch bei dieser großen Menge, dass immer Humor dabei ist. Dass er immer eine Fröhlichkeit ausstrahlt, bei aller Genauigkeit. Das ist schon fantastisch, diese Mischung",
 

…findet Ulf Jööde aus Hamburg. 

Zum zweiten Probentag kommt der Rundfunkchor dazu. Für die Profis ist dies eine Dienstreise, aber eine ganz wichtige, und keineswegs irgendeiner Eventkultur geschuldet. Schließlich seien die Gäste nicht nur einfach Mitsänger im Hintergrund, sondern sie würden von Simon Halsey künstlerisch gefordert, sagt die Rundfunkchor-Altistin Annerose Hummel. 

"Es macht wirklich Spaß, weil: So viele Menschen haben einfach eine eigene Klangqualität, eigentlich ganz egal, ob Laien oder Profis. Einfach diese Masse macht einen besonderen Klang, der einen jedes Jahr aufs Neue erstaunt, muss ich sagen, auch als Profi. Das ist ja ein wahnsinniger Renner, dieses Format, es lebt von der Liebe zum Gesang. Und das ist was, das teilen wir."

"Das Wiener Konzerthaus: ein historischer Ort. Ich bin hier noch nie drin gewesen, aber das ist schon ein erhebendes Gefühl."

Auf der Bühne finden nur der Rundfunkchor und das Orchester Platz. Die Mitsänger füllen das Oval des Parketts. Was für ein Konzert, das 500 Besucher aus der Höhe des umlaufenden Balkons erleben. Die Intensität des Klangs von 1000 Stimmen scheint den Saal aus seinem Fundament zu reißen und empor zu heben. Unvergesslich! - Dieser Ausdruck zeichnet sich auf allen Gesichtern ab.

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