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Lesart | Beitrag vom 18.02.2021

Mithu Sanyal über "Identitti"Fehlende Rollenmodelle für People of Color

Mithu Sanyal im Gespräch mit Andrea Gerk

Die Autorin Mithu Sanyal (IMAGO / Manfred Segerer)
Mithu Sanyal schreibt eigentlich Sachbücher. Jetzt hat sie mit "Identitti" ihren Debütroman vorgelegt. (IMAGO / Manfred Segerer)

Menschen, die mit einem weißen und einem nichtweißen Elternteil aufwachsen, finden in deutschen Büchern nicht statt, wie die Autorin Mithu Sanyal feststellen musste. Also hat sie das geändert – und ist mit viel Humor einem ernsten Thema begegnet. 

Zwei vieldiskutierte Sachbücher hat die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal veröffentlicht. In einem setzt sie sich mit Vergewaltigung auseinander, in dem anderen mit dem weiblichen Geschlecht. In ihrem Debütroman "Identitti" nimmt sie sich jetzt den Diskurs über Identität und Rassismus vor.

In dem Buch spielen zwei Frauen die Hauptrolle. Zum einen Nivedita, Studentin, die unter dem Pseudonym "Identitti" über Identitätspolitik und Brüste bloggt. Genau wie Sanyal ist sie Tochter einer polnischen, also weißen Mutter und eines indischen Vaters – "Mixed Race" nennt sich das. Und dann gibt es die Professorin für Postcolonial Studies an der Uni Düsseldorf, Saraswati. Sie ist eine prägende Figur für die Debatte um Rassismus und Identität. Doch es stellt sich heraus: Eigentlich ist Professorin Saraswati weiß und gab sich nur als Person of Color aus.

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Für das Grundkonzept hat Mithu Sanyal sich von dem Fall Rachel Dolezal inspirieren lassen – die langjährige und vermeintlich schwarze Bürgerrechtsaktivistin, die sich später als weiß herausstellte. Und obwohl Sanyal das damals sehr getroffen hat, kannte sie viele der Fragen, die Dolezal daraufhin gestellt wurden, auch aus dem eigenen Alltag.

"Wer bist du? Wer bist du wirklich? Kannst du beweisen, wer du bist? Also gerade aus diesem 'Mixed Raced' heraus habe ich mich ja nie irgendeinen Lager wirklich zugehörig gefühlt. Ich fand gleichzeitig aber auch irgendwie die Wut auf diese Frau sehr nachvollziehbar."

Echte Tweets für einen fiktiven Skandal

Also hat Sanyal diesen Fall nach Deutschland übertragen, um zu erforschen, wie diese Situation hier verhandelt werden würde, da die Situation hierzulande eine andere ist. So würden in Deutschland beispielsweise Menschen als People of Color gelten, die in den USA als weiß angesehen würden, da die historischen Umstände anders gewachsen sind. Gleichzeitig würde sehr viel Rassismusdiskurs aus den Vereinigten Staaten importiert werden – was oft gut passe, aber manchmal eben nicht. 

Um diese andere Realität abzubilden hat Sanyal sich von Menschen aus ihrem Umfeld, aber auch später von Menschen, deren Meinung sie einfach interessiert hat, Reaktionen auf diesen fiktiven Skandal schreiben lassen. So tauchen Aussagen von Hilal Sezgin oder Ijoma Mangold auf, die ein sehr realistisches Bild dessen vermitteln, was in echt passieren würde.

Ernstes Thema ja, aber trotzdem voller Humor

Bei einer Recherche stelle Sanyal fest: "Es gibt gar keine Rollenmodelle in der deutschen Literatur". Um das zu ändern, schrieb sie "Identitti". Doch obwohl das Thema ein ernstes ist, ist der Roman voller Humor. Für sie ein Weg mit so einer komplexen Thematik zu hantieren, meint die Autorin.

"Wenn wir über diese Themen reden wollen, dann müssen wir es mit Humor machen. Also ich muss es mit Humor machen. Ich möchte nicht anderen vorschreiben, wie sie darüber reden müssen. Man rutscht sonst so leicht in Pathetik ab. Und die Leute können und wollen einfach nicht mehr folgen, weil es geht ja wirklich ans Eingemachte. Und um sich diesen schmerzhaften Themen stellen zu können, braucht es diese Leichtigkeit."

Es gehe ihr mit dem Aufzeigen der Probleme, die hier existieren, auch nicht darum zu sagen, dass Deutschland böse sei oder Forderungen an individuelle Menschen zu stellen. Es brauche eben strukturelle Veränderungen an den Institutionen. 

Darum gehe es ihr: "Ich möchte Leute einladen, in ein Gespräch zu gehen. Dieses Buch ist auch wirklich eine Kommunikationseinladung. Und wie bei jedem Buch über Rassismus mache ich natürlich auch Fehler darin. Wir alle lernen daran."

(hte)

Mithu Sanyal: "Identitti"
Carl Hanser Verlag, München 2021
432 Seiten, 22 Euro

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