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Buchkritik | Beitrag vom 13.02.2021

Mithu Sanyal: "Identitti" Debatte im Schleudergang

Von Claudia Kramatschek

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Identitti" von Mithu Sanyal. (Hanser / Deutschlandradio)
Mittel der Selbstermächtigung: Ein argumentatives Trommelfeuer und kluger Blick auf die Identitätspolitik. (Hanser / Deutschlandradio)

Atemlose Lektüre garantiert: Der erste Roman der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal ist gewagt und knallig. "Identitti" kreist um die komplexe Gemengelage der Identitätspolitik und die Frage, ob weiße Vorherrschaft ein unbezwingbares Übel ist.

"Identitti": der Titel knallt. Und knallig, da so gewagt wie witzig zugleich, ist auch Mithu Sanyals Roman selbst. Denn in dem befördert die studierte Kulturwissenschaftlerin eine der gewichtigsten Debatten unserer Zeit in den Schleudergang: Die Rede ist von der komplexen Gemengelage rund um das weite Feld der Identitätspolitik.

Von der kann Nivedita Anand, die Icherzählerin des Romans und eine Person of Color mit deutscher Mutter und indischem Vater, mühelos aus erster Hand erzählen. Was sie auch tut: Unter dem Namen Mixed-Race-Wonder-Woman alias Identitti beglückt sie als Bloggerin ihre Community regelmäßig mit klugen Posts zu sex and race. 

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Das theoretische Rüstzeug dafür hat sie bei niemand Geringerem erlernt als bei Saraswati, renommierte Professorin für Postcolonial Studies an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf – und selbst eine bekennende Person of Color: Weiße etwa werden gern mal aus ihren Seminaren verwiesen, um am eigenen Leib zu erfahren, was Rassismus und Ausgrenzung bedeutet.

Postkolonial bewegte Community

Groß ist deshalb der Skandal, als nicht nur Nivedita erfahren muss, dass Saraswati eigentlich Sarah Vera Thielmann heißt, Deutsche ist und weißer als weiß. Rasch liegt für alle auf der Hand: ein klassischer Fall von kultureller Aneignung, der einmal mehr zeigt, dass weiße Vorherrschaft, die Erbsünde der postkolonialen Debatte, ein schier unbezwingbares Übel ist. 

Doch Mithu Sanyal wäre nicht Mithu Sanyal, würde sie nicht in Form eines rasanten diskursiven Schlagabtauschs zwischen Saraswati, ihrer einstigen Schülerin und der postkolonial bewegten Community die so komplexe wie festgefahrene Debatte rund um Identität und Herkunft grundlegend gegen den Strich bürsten.

Die entscheidende Frage lautet dabei: Wenn Geschlecht fluide sein kann, warum nicht auch die eigene Herkunft? Was bedeutet das für das Nachdenken über Rassismus respektive Antirassismus? Für Saraswati jedenfalls ist "Rasse" ein Konstrukt, das laut ihrer Logik auch Weiße als Opfer einer Zurichtung einschließt. Schritt für Schritt dekonstruiert auf diese Weise auch Sanyal selbst den ambivalenten Begriff der "Rasse" an sich.

Anspielungsreiches Stelldichein

Am Ende des Romans, der einen ob des argumentativen Trommelfeuers schier atemlos zurücklässt, steht die Hoffnung, jenseits der Begriffe von "Rasse" und Herkunft zu gelangen. Denn auch die postkoloniale Debatte – das zeigt der Roman sehr klug – ist nicht frei von Ausgrenzung, Vorurteilen und einer heiklen Opferkonkurrenz.

Sanyal bezieht sich dabei nicht zuletzt auf das Werk "How to be an antiracist" von Ibram X. Kendi – wie überhaupt ihr Roman, bis in die Kapitelüberschriften hinein, ein anspielungsreiches Stelldichein der postkolonialen Literatur ist. Ngugi wa Thiongo, Frantz Fanon, Zadie Smith, Bernadine Evaristo: Alle sind vertreten, selbst Mark Terkessidis mit seinem jüngsten klugen Buch über die blinden Flecken in der deutschen Debatte über Rassismus und Kolonialismus.

Und so wird nebenbei auch klar: Literatur ist nicht das schlechteste Mittel der Selbstermächtigung. Davon legt auch "Identitti" beredt Zeugnis ab.

Mithu Sanyal: "Identitti"
Hanser Verlag, München 2021
432 Seiten, 22 Euro

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