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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 15.10.2015

Mit Worten zur LiebeDie großen Schlüsselsätze

Von Norbert Zeeb

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Lieber zweisam als einsam? (imago / McPHOTO)

Ratgeber sind auch auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse der Renner. Und ganz vorn mit dabei sind die Lebenshilfen zur Liebe. Ein Experte auf diesem Gebiet ist der Psychotherapeut Oskar Holzberg. Er erklärt in seinem aktuellen Werk die "Schlüsselsätze der Liebe".

"Ich habe das relativ neutral gehalten, also, es gibt kaum Bilder an der Wand, hier gibt es so ein Regal mit lauter Dingen, die ich so gesammelt habe, so dass es auch ein bisschen persönlich ist. Das sind zum Beispiel so Skulpturen, die Klienten gemacht haben und mir zum Abschied geschenkt haben ..."

Die psychotherapeutische Praxis von Oskar Holzberg in Hamburg. Ein heller Raum, die obligatorische Couch, zwei Ledersessel. Holzberg, kahlgeschoren, Dreitagebart, steht vor einem Regal und greift eine Papierkarte heraus: "Hier gibt es so eine kleine Karte, wenn man daran zieht, dann sieht man einen typischen Konflikt."

Das Motiv auf der Karte zeigt ein offenbar glückliches Paar, vereint in einem Kuss. Zieht man jedoch die äußeren Ränder der Karte auseinander, tritt ein Baby in die Mitte des Bildes. Aus den Verliebten sind Eltern geworden, ihr jeweiliger Kuss gilt nun noch dem Kind.

Naja, das Kind tritt erstmal zwischen die Eltern und macht die Beziehung erstmal schwierig, also, das ist eine typische Krisensituation, dass das erste Kind wirklich die meisten Paare in ganz große Turbulenzen stürzt. Man versucht den Zustand wieder herzustellen, wo sie sich nahe sind.

Seit über zwanzig Jahren betreut der 62-jährige neben Einzelpatienten auch Paare, die darum ringen, ein Paar zu bleiben. Und eine langjährige Liebesbeziehung zu leben, beobachtet Oskar Holzberg, sei heute schwieriger denn je. In seinem gerade erschienenen Buch "Schlüsselsätze der Liebe" zeichnet der Therapeut ein Bild unserer Gesellschaft, in der die Menschen durch neue Technologien und bessere Bildung so informiert und sozial kompetent sind wie nie zuvor. Sie ruinieren ihre Beziehungen weniger durch Bindungsängste oder emotionales Analphabetentum. Zugleich aber seien ihre Erwartungen und Ansprüche an sich und ihre Partner enorm gewachsen und häufig maßlos übersteigert.

"Also, das ist so meine Wahrnehmung, also nicht nur aus der Paartherapie, sondern auch aus der Einzeltherapie. Klar haben Menschen Probleme, klar geht es Menschen schlecht, aber häufig auch schon allein dadurch, dass die Vorstellung und die Erwartung, die sie an sich selbst haben, so groß sind, dass sie sie nicht erfüllen können und dass sie darunter leiden."

Eine der Faustregeln: Rede weniger!

Während der Therapiesitzungen tragen die Paare ihre Streitigkeiten offen aus. Der Therapeut moderiert das Gespräch und spiegelt das Konfliktverhalten seiner Klienten. Für ihn gehe es vor allem darum, die individuellen Problemstellungen zu erfassen. Zugleich aber, erzählt er, ploppen in seinem Kopf wie bei einem Smartphone immer wieder Erinnerungsfenster mit Gesprächsfäden und Konfliktmustern auf, die ihm schon häufig begegnet sind. Oft mache er sich dann Notizen und fasse seine Gedanken in kurzen Sätzen zusammen, die ihm für seine Arbeit besonders hilfreich erscheinen: Rede weniger!

"... weil ich beobachtet habe, dass ganz häufig in Auseinandersetzungen Menschen das, was sie eigentlich sagen wollten, schon gesagt haben, dann das Gefühl haben, irgendwie ist das noch nicht angekommen, und dann den Partner oder die Partnerin fast zuschwallen, was dazu führt, dass der sich noch mehr zurückzieht."

"Und generell in der Kommunikation würde ich immer sagen, Leute, versucht nicht zu sehr, dass ihr verstanden werdet, sondern bemüht euch mehr, den Anderen zu verstehen."

In "Schlüsselsätze der Liebe" hat Oskar Holzberg 50 seiner Einsichten über typische Konflikt- und Verhaltensmuster unter Überschriften wie Widersprüche, Bindung, Liebesvorstellungen und Sexualität zusammengetragen und mit zahlreichen Beispielen aus dem Beziehungsalltag veranschaulicht. Sie sollen den Lesern helfen, eigene Verhaltensmuster zu verstehen und zu reflektieren. Wer allerdings eine Rezeptsammlung für die "perfekte" Beziehung suche, werde nicht fündig. Denn weder gebe es eine richtige Art zu lieben noch eine ewig glückliche Beziehung. Lieben sei eine Kunst, und auch heftige Konflikte gehörten zuweilen dazu, übrigens auch in der Beziehung des erfahrenen Paartherapeuten:

"... und wenn ich angefasst bin oder wenn ich mit meiner Frau in so ein Eskalationsmuster gerate, dann geraten wir da auch rein. Und dann kann das sogar sein, dass wir wissen, dass das jetzt alles Mist ist, was wir da machen, aber wir sind trotzdem so genervt voneinander, dass die Türen knallen und beide auch ganz schön heftig werden können – absolut."

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(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 28.10.2008)

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